Danke für die Blumen: Als die Dietiker Stadtschreiberin Karin Hauser am Sonntag kurz nach 16 Uhr den sieben gewählten Stadträten gratulierte, gab es gleich drei florale Grüsse für die SVP. Für die CVP hingegen reichte es nur für ein Bouquet: Sie musste den Sitz ihres abtretenden Sozialvorstands Johannes Felber an Roger Bachmann (SVP) übergeben.

Das ist nicht nur bedauerlich für die Christdemokraten. Die Niederlage markiert auch einen historischen Moment: Es ist das erste Mal seit 1930, dass die in Dietikon traditionell sehr starke CVP nicht mehr zwei Stadträte stellt.

Bereits unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahr 1910 wurde die Dietiker CVP zur stärksten Kraft in der Exekutive. Sie stellte noch im gleichen Jahr zwei der fünf Mitglieder des Gemeinderats, wie die Exekutive damals noch hiess. Dass die Partei, die zur politischen Heimat der Dietiker Katholiken wurde, obwohl sie gemäss Statuten konfessionell neutral war, sich so schnell etablieren konnte, ist indes nicht besonders verwunderlich. Denn die Katholiken machten in Dietikon seit der Reformation zwischen 45 und 60 Prozent der Bevölkerung aus.

Katholiken pilgern nach Dietikon

Das hat historische Gründe: Der Ort an der Limmat gehörte einst zum katholischen Kloster Wettingen, später zur Grafschaft Baden. Zwar trat zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Zuge der Reformation Huldrych Zwinglis die Mehrheit der Dietiker zum reformierten Glauben über. Nach einer Gegenreformation wurde Dietikon aber zu einer paritätischen Pfarrei, bei der beide Konfessionen gleichberechtigt waren.

In Zürich wohnhafte Italiener und Tessiner reisten deshalb während Jahrhunderten regelmässig nach Dietikon, um dort die Kirche zu besuchen – denn im reformierten Zürich waren keine katholischen Gottesdienste erlaubt. Bis 1807 war Dietikon mit Ausnahme des Klosters Fahr der einzige Ort im Umkreis der Stadt Zürich, in dem katholische Gottesdienste stattfanden.

Zwischen 1910 und 1922 stellte die CVP immer zwei Exekutivmitglieder, bis sie von einer Allianz aus FDP und SP angegriffen wurde. Sie verlor einen Sitz, der zweite CVP-Vertreter verzichtete auf die Annahme der Wahl. 1925 holten sich die Christdemokraten einen Sitz zurück, ab 1930 hatten sie wieder zwei – die sie bis vorgestern halten konnten. Vier Jahre lang, von 1978 bis 1982, besetzte die CVP sogar drei Sitze in der Exekutive. Besonders stark war die Partei zwischen 1958 und 1978, als sie bei den Parlamentswahlen Wähleranteile von bis zu 30 Prozent erreichte und damit die stärkste politische Kraft in Dietikon war.

Dass die Partei in den 1980er-Jahren Wähleranteile verlor, führte Hans-Peter Trutmann – er sass von 1974 bis 1980 für die CVP im Stadtparlament und war von 1999 bis 2004 Ortsparteipräsident – später auf die abnehmende Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft zurück; zudem hätten sich viele Katholiken auch anderen Parteien angeschlossen.

Der Stimmenanteil der CVP lag während Jahren bei etwa 18 Prozent, womit die Partei im Stadtparlament 7 Sitze beanspruchen konnte. 2010 schon verlor die CVP einen Sitz davon, dieses Jahr nun einen weiteren – abgewählt wurde selbst Parteipräsident Dominik Lamprecht. Der Wähleranteil ist auf ein Rekordtief von 14,3 Prozent gesunken, der zweite Stadtratssitz ist weg.

Suche nach Position in der Mitte

Was ist geschehen? Möglich ist, dass der CVP die aktuelle Allianz mit SVP und FDP nicht gut getan hat. Vor vier Jahren sagte Trutmann, man habe sich aus der Allianz mit SVP und FDP verabschiedet, da diese sich seit Mitte der 1990er-Jahre immer mehr von Inhalten und Politstil der CVP entfernt hätten. Man habe sich deshalb klar in der Mitte positioniert, suche im Parlament auch oft Mehrheiten mit SP und EVP.

Davon war in den letzten Jahren nichts mehr zu spüren. Die CVP schlug sich bei Abstimmungen regelmässig fast reflexartig auf die Seite der SVP und FDP. Deren Wähler haben nun aber trotz Allianz den zweiten CVP-Stadtratskandidaten nicht genügend unterstützt – und auch ein Teil der eigenen Wähler honoriert den aktuellen Kurs der Partei offenbar nicht, wie sich am abgesackten Stimmenanteil zeigt. Auf die Frage, wie die CVP wieder zu Kräften kommen will, sagte Präsident Lamprecht am Sonntag, man müsse sich wieder persönlicher und eigenständiger positionieren, als Partei mit eigenen Standpunkten. Möglich, dass es dann auch wieder mehr Blumen gibt.