Tierversuche
Wagi-Areal in Schlieren: Hier warten Mäuse und Ratten aufs Experiment

Sind Tierversuche ein notwendiges Übel? Klar ist: Ohne sie geht heute in der Forschung wenig. Auch in Schlieren leben seit Beginn eines Forschungsprojektes der Universität Zürich fast gleich viel Labortiere wie Menschen.

Sophie Rüesch
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Rund 17000 Mäuse warten in Schlieren darauf, für die Forschung zu sterben
11 Bilder
Pro Käfig leben drei bis fünf Mäuse
Mit Streu und Eierschachteln ausgestattete Käfige warten darauf, von Labormäusen besiedelt zu werden
In den sterilen Teil der Anlage dürfen keine Keime gelangen
Im Gebäude herrschen schärfste Hygienevorschriften
Eine Maus kraxelt auf Gregor Fischers Hand herum
Tierversuche: Ein notwendiges Übel?
Diese Schranke passiert nur, was sauber ist
Die Labortiere werden regelmässig in neue, saubere Käfige umgesiedelt
Auch Ratten warten in Schlieren darauf, ins Experiment zu gehen
Die Käfige der Versuchstiere werden vorzu gereinigt

Rund 17000 Mäuse warten in Schlieren darauf, für die Forschung zu sterben

Sophie Rüesch

Gregor Fischer hebt eine Maus aus ihrem Käfig und setzt sie auf seine Handfläche. Das Tierchen kraxelt auf dem Plastikhandschuh hinauf und hinunter, hält inne, schnuppert in der Luft herum. Die Maus weckt den Beschützerinstinkt, ob man nun will oder nicht. «Auch ich finde die Tiere herzig», sagt Gregor Fischer. Die Äusserung wäre weniger erstaunlich, wenn sie nicht aus dem Mund des Leiters des Laboratory Animal Services Center (LASC) der Universität Zürich käme — zu Deutsch: dem Chef des universitären Labortier-Dienstzentrums.

Als solcher ist Fischer Herr über ein ganzes Heer von Labortieren, die seit vergangenem Jahr im Bio-Technopark in Schlieren gezüchtet und gehalten werden, um später in der biomedizinischen Forschung eingesetzt zu werden. 17'000 der rund 66'000 universitären Versuchstiere warten hier darauf, für die Forschung zu sterben. Platz hat es für weitere 20 000. Die Tiere, hauptsächlich Mäuse, sterben, vereinfacht gesagt, damit die Menschen länger und auch mit Erkrankungen besser leben können. Doch nicht nur Menschen, sondern auch andere Tiere, wie Fischer betont: Das Zentrum beliefert nicht nur Forschungsgruppen der Medizinischen und der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät mit Versuchstieren. Auch die Vetsuisse-Fakultät (also die tiermedizinische) ist auf der Verteilerliste.

Das ganze Leben einer Labormaus

Im «Maushaus» in Schlieren kann man fast den ganzen Lebenskreislauf einer Labormaus nachverfolgen. Während im Parterre alle zwei bis drei Tage neue Nager von externen Importeuren angeliefert werden, werden in den oberen Stockwerken auch neue Tiere gezüchtet. Diese werden nach 21 Tagen von der Mutter getrennt; «abgesetzt» heisst das im Fachjargon. Dann wird entschieden, ob die Jungtiere für die Forschung geeignet sind oder nur für die Fortpflanzung — oder ob sie eingeschläfert werden.

Die meisten der Tiere verlassen den Neubau auf dem Wagi-Areal jedoch lebend: Erst wenn sie in den Uni-Labors im Gebäude vis-à-vis landen, oder in einem weiteren der rund um Zürich verstreuten Forschungsräume, wird an ihnen experimentiert. Experimentierräume gibt es zwar auch im LASC-Gebäude; es sind aber nur ein paar wenige. Dort können die LASC-Mitarbeiter für die Forscher zum Beispiel das Applizieren von Tumoren übernehmen, wenn das gewünscht ist. Dabei werden der Maus oder der Ratte Krebszellen unter die Haut gespritzt.

Die Krebsforschung ist denn auch einer der Schwerpunkte, welche die Universität Zürich in der angewandten Forschung setzt. Andere sind in der Alzheimer- oder in der Mulitple-Sklerose-Forschung zu finden. Rund zwei Drittel der Tierversuche gehen aber auf das Konto der Grundlagenforschung. Dort ist die ethische Güterabwägung besonders schwierig: Die Forscher müssen dafür belegen können, dass die Belastung der Tiere durch den zu erwartenden Erkenntnisgewinn legitimiert wird. Vor dem Versuch, gibt Fischer zu bedenken, sei es aber gerade dort sehr schwierig abzuschätzen, welche Resultate daraus hervorgehen würden. So ist es vor allem der Anstieg der Gesuche für die Grundlagenforschung, der Tierschützern ein Dorn im Auge ist. «Klar», sagt Fischer, «die Grundlagenforschung liefert keine schnellen und direkten Resultate. Sie führt aber zu Erkenntnissen, welche die angewandte Forschung überhaupt erst ermöglichen.»

Leise Musik soll Tiere beruhigen

Der Tag einer Labormaus im Wagi-Areal beginnt um 6 Uhr; bis dann wird das Licht in den fensterlosen Räumen langsam hochgedimmt. Zwölf Stunden später geht die künstliche Sonne wieder unter. Im Hintergrund spielt Musik. Für das menschliche Ohr ist sie kaum hörbar, doch auf die Tiere soll sie beruhigend wirken. Die Nager leben unter Artgenossen – genug vielen, damit sie ihr Sozialverhalten ausleben können, genug wenigen, damit es nicht zu eng wird im schuhschachtelgrossen Käfig. Bei Mäusen heisst das in der Regel: 3 bis 5, bei Ratten: je nach Gewicht 2 bis 3 Tiere pro Käfig. Einzelhaltung ist nur unter speziellen Bedingungen erlaubt, etwa wenn ein Tier aggressiv ist und die Mitbewohner verletzen könnte.

«Natürlich ist das nicht der natürliche Lebensraum einer Maus», räumt Fischer ein, nachdem er diese Haltungsgrundsätze erklärt hat. Und: Natürlich gebe es Zuchten, zum Beispiel solche, denen ein aggressiver Tumor eingesetzt wurde, die stark leiden. «Obwohl wir jede Massnahme treffen, um es zu lindern: Das Leiden müssen wir mangels Alternativen in Kauf nehmen», sagt er. Wie fest dieses Leiden bei den einzelnen Tieren ausgeprägt ist, wird in regelmässigen Abständen kontrolliert und protokolliert. Das schreibt das Gesetz vor; die erhobenen Daten fliessen danach, eingeteilt in Belastungs-Schweregrade von 0 bis 3, in die Tierversuchsstatistik des Bundes ein.

Leidet ein Tier stark, wird abgeklärt, ob es eingeschläfert werden soll. Dann kommt die Maus in einen luftdichten Behälter, in den langsam Kohlendioxid strömt – «damit sie nicht erstickt, sondern langsam einschläft». Andere Tiere sterben erst auf dem Operationstisch, «natürlich unter Narkose». Gewisse Wildtypen — niemals transgene, also genetisch veränderte Tiere — gibt das LASC auch an Zoos oder die Vogelwarte zur Verfütterung weiter. Wie die Mäuse da so in ihrem Streu herumwuseln, sich unter einer Eierschachtel verstecken und sich an der Plexiglaswand recken, scheint dieses Schicksal noch weit weg.

Irritierende Doppelmoral

Als Verantwortlicher für den Labortierbereich ist es sich Fischer gewohnt, stets aus der Defensive heraus zu argumentieren. Ganz im Sinne der 2010 — unter anderem vom heutigen Uni-Rektor Michael Hengartner — ins Leben gerufenen «Basler Deklaration» erachtet er es aber als wichtig, eben das zu tun: zu argumentieren. «Wir müssen proaktiver werden», sagt Fischer. Mehr Transparenz: Das könne für mehr Verständnis in der Öffentlichkeit sorgen, hofft er. Auf deren Gunst sind die Hochschulforscher auch angewiesen, immerhin fliessen jährlich Millionen an Bundesgeldern in die Finanzierung von Tierversuchsprojekten. 118 Millionen Franken waren es gemäss dem Schweizerischen Nationalfonds im Jahr 2013. Dabei sei aber zu bedenken, dass auch Millionen in die Forschung mit bereits entwickelten Alternativmethoden fliesse; dies würden die Tierschützer gerne mal unterschlagen, wenn sie Forschungsbeiträge gegeneinander ausspielen, so Fischer.

Was ihn «wirklich irritiert», ist die Doppelmoral, die in Diskussionen über Tierversuche häufig im Spiel ist: Man wolle zwar sich selbst und seine Liebsten stets auf dem höchsten medizinischen Niveau versorgt wissen, empöre sich dann aber über die Forschung, die dafür nötig sei. «Ich kenne niemanden, der dann auf ein Medikament verzichten würde, wenn er selbst betroffen ist», sagt er. «Und das ist einfach nicht konsequent.» Auch missverstanden fühlen sich Fischer und die Forscher. Ihr Ziel seien ja nicht die Versuche, sondern die Resultate — welche die Gesellschaft auch von ihnen verlange.

Überhaupt: Tierversuche seien nicht nur aus tierschützerischen Überlegungen, sondern auch aus finanziellen nie die erste Wahl. «Kein vernünftiger Mensch würde die Versuche, die unglaublich teuer sind, durchführen, wenn es echte Alternativen gäbe.» Doch genau da liege das Problem: «Falsch» nennt er die Position der Tierschützer, dass Tierversuche für die meisten Forschungszwecke heute nicht mehr nötig seien. Wo es Alternativen gebe, werde auf die Versuche verzichtet, sagt Fischer, das sei auch im Bewilligungsprozess so vorgesehen. Für einzelne Fragestellungen seien Experimente an isolierten Zellen – sprich: toten Organismen – auch durchaus sinnvoll. «Doch sobald man komplexere Zusammenhänge testen will, ist die Arbeit an Reagenzglas und Computer eben keine echte Alternative.»

Fischer verweist auf das sogenannte 3R-Prinzip (siehe Einschub), welches das LASC aktiv lebe. «Wir fragen uns ständig, was wir besser machen können», sagt er. Zu diesem Zweck entwickelte die Universität bereits die Software «iRats». Das umfangreiche Tierverwaltungssystem erlaubt ihnen einerseits, den Überblick über sämtliche Versuchstiere zu behalten. Andererseits könnten damit «Synergien zwischen verschiedenen Forschungsteams genutzt werden», was einen möglichst sparsamen Umgang mit den Tieren gewährleisten soll. Zudem diene das ganze neue Gebäude in Schlieren dem Zweck, die Uni in Sachen Tierversuche nicht nur fachlich, sondern möglichst auch in Bezug auf den Tierschutz an die Spitze zu bringen, so Fischer. So hält und züchtet das LASC nicht nur, sondern bildet auch Forscher und Pfleger im Umgang mit den Labortieren aus. Zudem überwacht es die Umsetzung der gesetzlichen Auflagen und internen Regeln.

Hygienevorschriften sind streng

Fischer sagt zwar, er wünschte sich, dass der Gesetzgeber weniger pauschale Auflagen für die Haltung erlassen würde. Denn in der Praxis diene längst nicht jede dieser Vorschriften, wie zum Beispiel die erhöhte Kontrollfrequenz, auch tatsächlich dem Tierwohl. Andere Auflagen hingegen setzt sich die Universität gemäss internem Leitfaden selbst — und zwar strengere als diejenige, die ihr der Gesetzgeber vorschreibt. So wäre es heute etwa legal, «deutlich mehr Tiere» in einem Käfig unterzubringen. Auch hat die Universität Zürich, schon lange bevor der Gesetzgeber dies vorschrieb, den Tieren Nest- und Spielmaterial in den Käfigen bereitgestellt. «Forschung auf hohem Niveau impliziert auch Tierschutz auf hohem Niveau», sagt Fischer. «Wir wollen im Sinne des Tierschutzes deshalb bewusst eine Vorreiterrolle einnehmen.»

Dieser Anspruch äussert sich im neuen Gebäude auch in den allgegenwärtigen und strengen Hygienevorschriften. In den sterilen Teil der Anlage kommt niemand, der nicht Ganzkörperanzug, Gummihandschuhe und Mundschutz trägt. Gegenstände müssen desinfiziert werden und am Schluss, da muss alles zusammen noch durch die Luftdusche, die einem den Atem verschlägt, dafür aber auch verbleibende Keime wegfegt.

«Hygiene hat sehr viel mit Tierschutz zu tun», sagt Fischer. Denn wird eine Maus, die in aufwendigen Verfahren auf einen bestimmten Forschungszweck hingezüchtet wurde, von einem Erreger infiziert, ist sie für die Forscher in der Regel nicht mehr einsetzbar. «Und in diesem Fall — wenn keine verwertbaren Resultate zu erwarten sind— wäre der Gebrauch der Tiere aus meiner Sicht ethisch nicht mehr vertretbar.»