1150 Jahre Oberengstringen

Während Jahrhunderten nur eine Handvoll Einwohner – der lange Weg zur Gemeinde

Die Ortsbezeichnung Lanzrain – Landelohs Rain – erinnert noch heute an den Grossgrundbesitzer aus der Urkunde von 870.

Die Ortsbezeichnung Lanzrain – Landelohs Rain – erinnert noch heute an den Grossgrundbesitzer aus der Urkunde von 870.

Dieses Jahr feiert Oberengstringen den 1150. Geburtstag – während Jahrhunderten zählte das Dorf nur eine Handvoll Einwohner.

Die ersten Vorboten für das grosse Jubiläumsjahr trafen die Besucherinnen und Besucher des Oberengstringer Neujahrsapéros am Eingang zum Zentrumssaal. Mittelalterlich gewandet begrüssten Gemeindepräsident André Bender und seine Frau Catherine die eintreffenden Gäste. 1150 Jahre Oberengstringen gilt es dieses Jahr zu feiern – mit einem grossen Mittelalterfest Anfang Mai, einem Jubiläumsdorfplatzfest Ende August und einem «OE on Ice Spezial» im November. Der Geburtstag selber ist allerdings schon etwas früher. Am 8. Februar 870 wurde Engstringen erstmals urkundlich erwähnt. Aus dem Schriftstück geht hervor, dass ein Grossgrundbesitzer namens Landeloh als Gegenleistung für Schenkungen an das Kloster St. Gallen von diesem unter anderem Liegenschaften in Enstelingon, Affaltrahe (Affoltern) und Reganesdorf (Regensdorf) zu Lehen erhielt. Im Zusammenhang mit den Stiftungen wird mit Winingon auch Weiningen erstmals schriftlich erwähnt.

Eine Trennung zwischen Ober- und Unterengstringen fand damals noch nicht statt. Das sollte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht ändern. Bis ins 15. Jahrhundert wurde zwischen den beiden Gemeinden nicht unterschieden. Dennoch tauchen ihre Namen schon im 13. beziehungsweise im 14. Jahrhundert erstmals auf. 1265 wird Unterengstringen zum ersten Mal als Nitern Engstringen genannt. Oberengstringen wird erstmals explizit in einer Urkunde vom 25. Februar 1306 erwähnt, als Lütold von Regensberg Twing und Bann «ze Obren Enstringen», die Gerichtsbarkeit, an das 1130 gegründete Kloster Fahr verkaufte.

Bescheidene Bevölkerungszahlen

Die Bevölkerungszahlen in den rechts der Limmat gelegenen Ortschaften blieben lange Zeit auf für heute bescheidenem Niveau. Um 870 dürften Weiningen und Engstringen gerade einmal einige Dutzend Einwohner gezählt haben. Um 1470 waren es dann etwa 210 und um 1634 deren 440. In Oberengstringen blieb die Einwohnerzahl über Jahrhunderte stabil tief. Wie Karl Grunder in «Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich» schreibt, waren 1454 nur Hans Müller von Lanzrain, Hans Leimbacher mit Frau, Hans Offely mit Frau und Heini Ryciner mit Frau mit Steuern registriert. Neun Jahre später waren es zusätzlich Clewy Neuner Und Hensli Dosenbach. 1467 kam dann noch ein Stelzer dazu. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts dürften in Oberengstringen kaum mehr als 30 Personen gewohnt haben. Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren es noch nicht viel mehr.

Die wenigen Häuser in Oberengstringen standen am Fürtlibach, dem heute eingedolten Dorfbach. Zudem befand sich gemäss Überlieferungen südöstlich des ehemaligen Dorfes, dort wo heute das reformierte Kirchgemeindehaus steht, eine kleine Feldkapelle. Sie wurde von der Pfarrkirche Höngg aus betreut. Die Kapelle diente im 19. Jahrhundert als Speicher und wurde 1897 abgerissen. Noch weiter östlich stand die Mühle Lanzrain. Die Ortsbezeichnung – Landelohs Rain – erinnert noch heute an den reichen Grundbesitzer aus der Urkunde von 870.

Bei den damaligen Bewohnern des Limmattals handelte es sich zum grossen Teil um sogenannte Gotteshausleute, meist leibeigene Bauern, die von einem Kloster oder einer Kirche abhängig waren. Aber auch um solche, die einer adligen Grundherrschaft verpflichtet waren. Unabhängige Bauern gab es im Limmattal wohl nur sehr wenige. «Die Sorge der Bauern galt ihren Familien, ihrem Vieh, ihren einfachen Wohnstätten und der Bewirtschaftung ihres Grundes, den die meisten als Lehen vom Kloster Einsiedeln oder von dem Gerichtsherren trugen und für das sie hart zu zinsen hatten», heisst es in der Festschrift «1100 Jahre Weiningen und Engstringen» von Peter W. Hintermann-Hirzel.

Unübersichtliche Besitzverhältnisse

Die Ländereien in Oberengstringen aber auch in den anderen Ortschaften befanden sich anfänglich im Besitz reicher adliger Familien. Grossgrundbesitzer rechts der Limmat waren die Regensberger. Aber auch die Grafen von Rapperswil, die Freiherren von Wasserstelz und die Habsburger besassen zeitweise einige Güter in der Gegend. Ab dem 13. Jahrhundert ging dann immer mehr Besitz an geistliche Institutionen, wie das Kloster Fahr beziehungsweise Einsiedeln, über. Seit 1306 verlieh der Abt von Einsiedeln die Vogteirechte an stadtzürcherische Bürger.

1435 gelangten die Rechte der seit 1130 bestehenden Gerichtsherrschaft Weiningen, welche die rechte Seite der Limmat umfasste, an die Zürcher Familie Meyer von Knonau. Diese übte die niedere Gerichtsbarkeit – sie befasste sich in der Regel mit geringeren Delikten des Alltags – bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft im Jahr 1798 aus. Die Hohe oder Blut-Gerichtsbarkeit – darunter fielen Straftaten wie Raub und Mord – lag in den Händen der Grafschaft Baden.

Angesichts der wenigen Einwohner von Oberengstringen verwundert es nicht, dass sich Gemeindestrukturen nur langsam entwickelten. Erste Ausprägungen eines Gemeinwesens macht Grunder ab 1550 aus. «1623 stellte der Gerichtsherr die Erlaubnis zum Bau einer Schmiede aus, was ebenfalls als Hinweis auf ein selbstständigeres Gemeinwesen gedeutet werden kann», so Grunder. In diesem Jahrhundert sind auch erste Anzeichen für ein Schulwesen erkennbar. Da Oberengstringen grösstenteils zu Höngg kirchengenössig war, unterstand die Schule ab 1670 dem jeweiligen dortigen Pfarrer. Der erste Schulmeister war ein Heinrich Fietz, der wohl zehn Kinder bei sich zu Hause unterrichtete und ihnen das Lesen und Schreiben beibrachte. Die eigentliche Schule wurde dann 1681 gegründet. Als erster Lehrer wirkte ein Ruedi Stelzer.

Ein Anwachsen der Bevölkerung setzte erst Mitte des 18. Jahrhunderts ein. Um 1850 zählte Oberengstringen dann 453 Einwohner. Das einst aus einer Handvoll Einwohnern bestehende Dorf war zu einer Gemeinde ge­worden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1