Raumplanung
Wachstumsstopp stellt Gemeinden vor schwierige Aufgaben

Die Bevölkerung wächst, zugleich sind viele Kommunen in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Am Gemeindeforum haben Behörden und Planer über Lösungen diskutiert.

Heinz Zürcher
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Kleinen Gemeinden wie Hofstetten, mit rund 500 Einwohnern, werden auch ohne Wachstum gute Perspektiven prophezeit. Marc Dahinden

Kleinen Gemeinden wie Hofstetten, mit rund 500 Einwohnern, werden auch ohne Wachstum gute Perspektiven prophezeit. Marc Dahinden

Das Amt für Raumplanung geht davon aus, dass die Zürcher Bevölkerung bis 2040 um rund 20 Prozent wachsen wird. Damit in dieser Zeit kein Siedlungsbrei entsteht, soll das Wachstum zu 80 Prozent in Städten und urbanen Wohnlandschaften stattfinden – und nur zu 20 Prozent in ländlichen Gebieten. Dieses im kantonalen Raumordnungskonzept formulierte Ziel stellt nicht nur die kantonalen Planer vor eine grosse Herausforderung, sondern auch die Gemeinden – mitunter jene, die gar nicht mehr wachsen dürfen.

Am Gemeindeforum im Zürcher Kongresshaus rief gestern Regierungsrat Markus Kägi (SVP, Niederglatt) die Behörden dazu auf, diesen Druck als Chance zu sehen, um über die Dorfgrenzen hinauszuschauen und die Entwicklung überregional zu denken.

Dafür plädierte auch Kantonsplaner Wilhelm Natrup. Er zeigte auf, wie sich Gemeinden nach innen entwickeln können. Indem sie zum Beispiel bestehende Bauzonen nutzen und verdichten: Nicht einfach mit beliebigen mehrgeschossigen Bauten, sondern mit massgeschneiderten Lösungen. Dies sei aber nicht die schwierigste Aufgabe, sagte Natrup. «Die grösste Herausforderung wird sein, die Bevölkerung und Politik in diesem Prozess mitzunehmen.»

Traum vom Sehnsuchtsraum

Mut machte den Behörden Stefan Lüthi von der Brugger und Partner AG. Er zeigte anhand einer Studie auf, dass kleine oder ländliche Gemeinden auch ohne Wachstum gute Perspektiven haben.

Dazu nahm er das Tösstal, das Zürcher Weinland und das Bachsertal unter die Lupe. Für diese Gebiete sieht er eine echte Alternative zu den dichten Städten und Agglomerationen: mit Raum für Natur und Erholung, aber auch für Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe sowie exklusives Wohnen. Lüthi sieht die Zukunft dieser Gebiete positiv und brauchte dazu den Begriff «Sehnsuchtsräume».

Doch wie sollen diese Gemeinden Visionen finanzieren und umsetzen, wenn aufgrund des Wachstumsstopps die Einnahmen ausbleiben? Heinz Montanari vom Gemeindeamt widersprach der Meinung, dass sich Wachstum automatisch positiv auf die Finanzen auswirkt. In einer Untersuchung verglich er die Steuerkraft von Gemeinden mit hohem, mittlerem und tiefem Wachstum im Zeitraum zwischen 1990 und 2013. Sein Fazit: Gemessen am Kantonsmittel – ohne Zürich und Winterthur – hatte Wachstum kaum Einfluss auf die Steuerkraft der Gemeinden.

«Würden Topf begrüssen»

Hanspeter Lienhart, SP-Stadtrat von Bülach und Präsident der Planungsgruppe Zürcher Unterland, verwies an der anschliessenden Podiumsdiskussion auf die Unterländer Gemeinde Bachs.

Das Dorf im über weite Teile geschützten Bachsertal befindet sich raumplanerisch in einem engen Korsett. Doch selbst dort sei ein sanftes Wachstum möglich, wenn Bauten saniert und renoviert würden, sagte Lienhart.

«Vielleicht müssen wir aber darüber diskutieren, ob solche Gemeinden entschädigt werden sollen.» Jörg Kündig (FDP, Gossau), Kantonsrat und Präsident des Zürcher Gemeindepräsidentenverbandes, nahm das Stichwort auf und meinte, dass eine Abgeltung für den Verzicht auf die Nutzung von Flächen zumindest thematisiert werden müsse.

«Wenn keine Entwicklung mehr möglich ist, braucht es eine Entschädigung.» Als Abnehmerin meldete sich aus dem Publikum sogleich Verena Dressler, Gemeindepräsidentin von Hütten. «Wir sind eine kleine, arme Gemeinde. Raumplanerisch haben wir keine Möglichkeiten mehr. Von daher würden wir einen solchen Topf begrüssen.» Regierungsrat Martin Graf (Grüne, Effretikon) schloss eine Abgeltung nicht aus, warnte aber auch vor zu hohen Erwartungen: «2017 erscheint der Wirksamkeitsbericht über den Zürcher Finanzausgleich. Dann können wir weitersehen.»