Bezirksgericht Dietikon

Vorwürfe wegen Vergewaltigung: zwei Freisprüche mit Zweifeln

Es bleiben gewisse Zweifel: Das Bezirksgericht Dietikon spricht zwei Männer vom Vorwurf der Vergewaltigung frei.

Es bleiben gewisse Zweifel: Das Bezirksgericht Dietikon spricht zwei Männer vom Vorwurf der Vergewaltigung frei.

Das Dietiker Bezirksgericht spricht zwei junge Männer frei: Juristisch gesehen sei der Vorwurf der Vergewaltigung nicht bewiesen. Das Gericht glaubt dem Opfer dennoch.

Das Urteil, das das Bezirksgericht Dietikon gestern fällte, wird nicht rechtskräftig: Die Vertreterin des Opfers kündigte noch im Gerichtssaal an, dass sie Beschwerde einlege.

Staatsanwalt Matthias Stammbach wartet das schriftliche Urteil noch ab, bevor er sich entscheidet. Es ist aber davon auszugehen, dass auch er den Fall vor Obergericht ziehen wird; denn zu weit liegen seine Anträge – er hatte Freiheitsstrafen von je vier Jahren und zwei Monaten gefordert – vom Urteil entfernt. Das Bezirksgericht gelangte hingegen zu Freisprüchen.

Diese waren nicht klar gefallen, sondern nach dem Grundsatz im Zweifel für die Angeklagten. Richter Benedikt Hoffmann betonte denn auch am Schluss seiner Urteilsbegründung, dass es sich um «Freisprüche vor dem Gesetz» handle. Denn der angeklagte Sachverhalt – der Staatsanwalt hatte den beiden Männern sexuelle Nötigung und Vergewaltigung vorgeworfen – sei «absolut plausibel». Aber es bestünden auch Zweifel; der Tatablauf hätte sich doch auch anders abspielen können.

Ein Dreier im Partykeller

Unbestritten ist, dass sich die drei im Oktober 2016 getroffen hatten: In einem Partyraum in einem Keller eines Mehrfamilienhauses im Limmattal wollten die beiden damals 18- und 19-Jährigen sowie die 17-Jährige gemeinsam Shisha rauchen – und dann weitersehen. Die Männer hatten im Vorfeld gegenüber der jungen Frau von einem Dreier gesprochen.

Zu diesem ist es dann auch gekommen, wie die vorliegenden Handyaufnahmen belegen. Doch während die Männer von einvernehmlichem Sex redeten, zeigte die Frau sie wegen Vergewaltigung an.

Die Männer hielten an der Gerichtsverhandlung, die vor anderthalb Wochen stattgefunden hatte, fest, dass sie die Frau zu nichts gezwungen hätten. Diese sei in den Jüngeren der beiden verliebt gewesen und hätte ihn unbedingt zurückgewinnen wollen – deshalb habe sie aus freien Stücken mitgemacht. Dass die junge Frau an Brust, Hüften und Gesäss Spuren aufgewiesen hatte, die von Schlägen stammen könnten, überraschte die Männer nicht. Schläge auf den Po gehörten zum Sex und seien normal, sagte einer von ihnen.

Die Verteidiger wiesen zudem darauf hin, dass auf den Videoaufnahmen nichts ersichtlich sei, was auf Zwang hindeute. Die 17-Jährige soll eine aktive Rolle gespielt, gelacht und gestöhnt haben. Ein Verteidiger sprach deshalb von einer wilden Rammelei. Dass sie später zur Polizei gegangen sei, erklärten sich die Beschuldigten damit, dass die Frau nicht als Flittchen gelten wollte und deshalb das Märchen mit der Vergewaltigung erfunden habe.

Den Willen gebrochen

Der Staatsanwalt und die Rechtsvertreterin der Frau hatten ein anderes Bild gezeichnet. Die 17-Jährige habe im Partykeller immer wieder versucht, vom Sofa aufzustehen und davonzulaufen, sei aber an den Haaren zurückgezogen und grob behandelt worden. Sie habe «Nein» gesagt und auch darum gebeten, das Handy abzuschalten. Am Ende sei ihr Widerstand angesichts der Ausweg- und Hilflosigkeit der Situation und der Übermacht der beiden Männer gebrochen gewesen. Sie habe beim gleichzeitigen Oral- und Vaginalverkehr gewissermassen «ausser sich» mitgemacht.

Beide Seiten hätten sowohl Argumente vorgebracht, die unzutreffend seien, als auch solche, die ihren jeweiligen Standpunkt gut untermauern würden, befand Richter Hoffmann in seiner Urteilsbegründung.

Die Aussagen der jungen Frau stufte das Gericht dabei als glaubhaft ein. Sie habe – im Gegensatz zu den Männern – auch sehr selbstkritisch, zurückhaltend ausgesagt. Dennoch blieben gewisse Ungereimtheiten zurück, die sich nicht erklären liessen. So sei sie nach dem Vorfall nicht nur mit den Männern zurückgefahren, sondern habe zunächst auch noch fünf Minuten auf sie gewartet, obwohl sie ein Taxi oder ein Bus hätte nehmen können.

Und auf die Frage, wovor sie sich an jenem Oktoberabend am meisten fürchtete, entgegnete sie spontan, dass ihr Umfeld vom Dreier erfahren könnte. Erst auf Nachfrage habe sie Drohungen oder Zwang genannt. Auch das Video wecke gewisse Zweifel; darin mache die Frau zwar einen frustrierten, aber keinen verängstigten Eindruck. Die Version des Staatsanwalts sei angesichts dieser verschiedenen Fragezeichen nicht die einzig denkbare. Deshalb musste das Gericht zu den Freisprüchen gelangen.

Den Aussagen der Frau glaubte das Gericht trotz den Freisprüchen für die Männer: Es liege keine falsche Anschuldigung vor, sie lüge nicht, hielt Hoffmann fest. «Sie hat etwas erlebt, das sie traumatisiert hat.» Über die Haltung und Gesinnung der Männer – die «NZZ» hatte von einem «testosteronverseuchten Frauenbild» geschrieben –, hatte das Gericht nicht zu befinden, merkte Richter Hoffmann bei der Urteilsbegründung an. Er legte den Männern aber implizit nahe, ihr Ansichten zu ändern: «Ihnen muss klar sein, dass Sex nicht dasselbe ist, wie einfach schnell ein Bier zu nehmen.» Dieser habe Konsequenzen für andere, auf die Befindlichkeiten des Gegenübers müsse Rücksicht genommen werden.

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