Kürzlich habe ich gelesen, dass es dieses Jahr «in» sein soll, sich nichts zu schenken. Wahrscheinlich kommt dieser Hinweis ziemlich spät und die Geschenke stapeln sich schon in den Verstecken und die Wunschliste ist in der Familie schon herumgereicht worden.

Ja, warum eigentlich nichts schenken? Nun, das ist ja auch etwas mager. So mit gar nichts aufwarten. Wie wärs denn, wenn wir uns mit etwas beschenken, über das wir verfügen, was nichts kostet und das ehrlichste Geschenk überhaupt ist? Zeit!

Keine Angst, es folgt keine vorweihnachtliche Predigt, sondern vielmehr ein Gedankengang, inspiriert aus dem eigenen Leben und eigenen Erfahrungen: Wieso nicht einmal der Materialschlacht unter dem Weihnachtsbaum und der nachfolgenden Entsorgungsschlacht der Verpackungen aus dem Weg gehen und Zeit schenken?

Das Zeitgeschenk kann unterschiedlich gross sein und man muss es ja nicht einmal unbedingt als Geschenk verpacken. Zeit soll einfach von Herzen eingesetzt werden. Statt des 5 Minuten langen Hektik-Gesprächs könnte man auch mal eine Viertelstunde einsetzen – mit mehr Gefühl, mit mehr Verständnis.

Zeit geben, Zeit nehmen

Diejenigen, die mehr geschäftsorientiert sind, können das Experiment als Investition betrachten. Jede Begegnung ist eine Inspiration. Inspiration ist eine Bereicherung. Nehme ich die Begegnung nicht wahr und nehme ich mir nicht Zeit für die Begegnung, so habe ich keine Inspiration erhalten und demzufolge findet keine Bereicherung statt. Dabei ist es völlig unwichtig, ob es sich um eine positive oder negative Inspiration handelt. Dass sie überhaupt stattfindet, ist wichtig.

Zeit ist nicht nur Zeit. Zeit ist Aufmerksamkeit dem und den andern gegenüber. Zeit verschafft auch Raum für Verständnis und einen Blick hinter die Kulissen. Zeit schafft Raum für Nachsicht und Zeit schafft Raum, um eine Situation auch einmal aus der Perspektive eines anderen zu sehen. Daraus entsteht Verständnis, ohne dass man die Sichtweise des anderen zwingend gutheissen muss. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es zum gleichen Sachverhalt verschieden gefühlte Wahrheiten gibt und keiner «falsch liegt».

Zeit ist exklusiv

Ist es vermessen, in den Raum zu stellen, dass Zeit Raum für Austausch, Verständnis und Bereicherung schafft? Zeit ist ein sehr exklusives Geschenk. Nur Sie selber können es verschenken.

Zeit ist nicht nur Zeit. Ich wünsche mir mit meiner Weihnachtsgeschichte, dass wir uns Zeit schenken. Zeit kann man nicht kaufen, mit keiner Währung. Zeit kostet nur Lebenszeit, die zugegebenermassen begrenzt ist. Ich wünsche mir neben der Zeit auch, dass wir uns alle ein wenig offener, mit weniger Vorurteilen, Misstrauen, Ungeduld und Unverständnis begegnen.

Eine grosse Schweizer Tageszeitung hatte dieser Tage zwei Schlagzeilen, die offenbar die Einstellung der Gesellschaft widerspiegeln oder zumindest ihrer Leserschaft. Ein Millionenbetrüger bekundet – zwar spät, aber er bekundet – Reue, und möchte sich wieder in die Gesellschaft integrieren. Das wird ihm schwer gemacht.

Nicht, dass ich es gutheisse, was er getan hat, und ich muss gestehen, wahrscheinlich noch weniger, wäre ich selber von seinen Betrügereien betroffen gewesen. Vielleicht ist die Reue auch Taktik zur Strafmassmilderung. Wie auch immer. Das Ergebnis der Umfrage ist auf jeden Fall, dass über ein Drittel der Leserschaft der Meinung war, er verdiene absolut keine zweite Chance. Sollte nicht jeder im Leben eine zweite Chance haben? Ghandi hätte sie gegeben!

In der zweiten Umfrage wurden die Leser der Zeitung über die polizeiliche Ausweisung beziehungsweise Zwangsräumung einer 77-jährigen Rentnerin aus ihrer Wohnung befragt.

Fast 90 Prozent der Leser antworteten teilnahmslos, und nur 10 Prozent machten sich Gedanken darüber, wo denn die Frau jetzt hin soll. 46 Prozent waren der Meinung, die Frau habe genügend Zeit gehabt, sich um eine neue Bleibe zu suchen.

Den Zeitaufwand, den die Verfasser der Kommentare investiert haben, hätten sie auch einsetzen können, der Frau zu helfen oder Hilfe zu organisieren.

Damit möchte ich meinen eher etwas philosophisch angehauchten Gedankengang zu Ende bringen und den Kreis schliessen. Wenn Sie sich überlegen, dieses Jahr nichts zu verschenken, aber trotzdem denken, dass nichts schenken eben doch nicht geht, dann schenken Sie doch Zeit. Denn Zeit ist nicht nur das exklusivste Geschenk überhaupt, Zeit schafft auch Raum, Verständnis, Nachsicht und mehr.

So wünsche ich mir, als leidenschaftlicher Koch der ich noch heute bin; eine Prise Gandhi, eine Spur Mandela und etwas Mutter Teresa und dazu die richtige Zeit.