Limmattal

Vorort statt Stadtquartier — Oberengstringen und Schlieren wollten 1929 Teil der Stadt Zürich werden

Damals vor 91 Jahren wollte die sogenannte Eingemeindungsinitiative Zürich auf einen Schlag massiv vergrössern. (Themenbild)

Damals vor 91 Jahren wollte die sogenannte Eingemeindungsinitiative Zürich auf einen Schlag massiv vergrössern. (Themenbild)

Die Stimmberechtigten von Oberengstringen und Schlieren wollten 1929 Teil der Stadt Zürich werden – sie wurden jedoch überstimmt.

Wäre es 1929 nach den Stimmberechtigten gegangen, könnte Oberengstringen sein 1150-Jahre-Jubiläum in diesem Jahr nicht begehen. Auch Schlieren hätte 2019 kein grosses Stadtfest feiern können. Wäre es nach dem Willen der damaligen Einwohnerschaft gegangen, gäbe es beide Gemeinden heute gar nicht mehr.

Damals vor 91 Jahren wollte die sogenannte Eingemeindungsinitiative Zürich auf einen Schlag massiv vergrössern. Zwölf Gemeinden sollten ihre Selbstständigkeit aufgeben und fortan Teil der Stadt Zürich sein. Nebst Schlieren und Oberengstringen waren dies auch Albisrieden, Altstetten, Höngg, Affoltern, Oerlikon, Schwamendingen, Seebach sowie Kilchberg, Witikon und Zollikon. Doch die kantonale Volksinitiative wurde mit 75000 Nein- zu 59000 Ja-Stimmen abgelehnt. Sehr zum Leidwesen der Schlieremer und Oberengstringer Stimmberechtigten. Dort war die Begeisterung für eine Eingemeindung gross.

In Schlieren stimmten am 12. Mai 641 Personen einem Anschluss an Zürich zu, 295 Einwohner legten ein Nein ein, wie Heinrich Meier im Schlieremer Jahrheft von 1993 schreibt. Dies obschon sich der Gemeinderat in der Vernehmlassung ablehnend zur Vorlage geäussert hatte. In Oberengstringen gab es gar nur 14 Gegenstimmen, bei 158 Ja-Stimmen. Dort unterstützte auch der Gemeinderat ein Zusammengehen mit Zürich.

Die Finanzen der Gemeinde spielten eine wichtige Rolle

Das war wenig verwunderlich. Gerade für ärmere Gemeinden schien eine Eingemeindung eine verlockende Möglichkeit zu sein, die finanziellen Sorgen zu lindern. Während der Staatssteuerertrag pro Einwohner in Zürich bei 90 Franken lag, wies etwa Oberengstringen einen von 27 Franken pro Person aus.

Bereits für die erste Stadterweiterung Zürichs, als die elf Vororte Aussersihl, Enge inklusive Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen eingemeindet wurden, waren finanzielle Probleme ausschlaggebend. Den Anstoss damals hatte die stark gewachsene und mehrheitlich von Arbeiterfamilien mit vielen Kindern bewohnte Gemeinde Aussersihl gegeben. Sie war finanziell überfordert und schaffte es nicht, die nötigste Infrastruktur bereitzustellen.

Bei der zweiten Eingemeindung ging die Initiative dann von den rasch wachsenden und in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Gemeinden in Zürich Nord aus. «Von einzelnen Gemeinden arbeiten mehr als die Hälfte aller Erwerbenden in der Stadt. Zürich hat dadurch enorme finanzielle Vorteile, weil die Geschäftsgewinne aller Unternehmungen eben nur in der Stadt versteuert werden. Den Vororten aber bleiben bloss die Lasten», schrieben die Initianten denn auch in der Abstimmungsbroschüre. Das zwinge die Gemeinden dazu, ausserordentlich hohe Steuern zu erheben. Dadurch würden jedoch die besten Steuerzahler vertrieben. Eine Entwicklung sei so nicht mehr möglich. Daher dürfe «der unnatürliche Zustand, wonach die armen Vororte der reichen Stadt Zürich Lasten abnehmen müssen, nicht weiter bestehen», forderten die Initianten.

In den betroffenen Gemeinden herrschte Uneinigkeit

Dies sah man freilich nicht überall so. Selbst in den betroffenen Gemeinden gingen die Meinungen weit auseinander. Für die Volksinitiative sprachen sich die Mehrheit des Zürcher Stadtrates sowie die Gemeinderäte Albisrieden, Altstetten, Oberengstringen, Seebach, Affoltern, Oerlikon, Schwamendingen und Witikon aus. Auch eine Minderheit des Gemeinderates Höngg unterstützte das Vorhaben. Die Gemeinderäte Schlieren inklusive die bürgerlichen Parteien, Zollikon und Kilchberg lehnten die Initiative ab. Auch der Kantonsrat und der Regierungsrat fanden keinen Gefallen am Begehren. Letzterer wies in seinem beleuchtenden Bericht auf ein weit verbreitetes Unbehagen im Kanton hin. So habe die Erörterung der Eingemeindungsfrage «die Befürchtung hervorgerufen, die Stadt werde das politische Übergewicht erhalten. Es ist namentlich die Landschaft, die diese Bedenken erhebt und sich durch eine grössere Stadt beengt fühlen wird».

Der Regierungsrat beurteilte aber auch die Situation der einzelnen Gemeinden nicht so dramatisch wie von den Initianten dargestellt. Er attestierte zwar den Gemeinden Altstetten, Affoltern, Seebach, Schwamendingen und in etwas geringerem Masse auch Albisrieden eine täglich bedeutende Abwanderung von Arbeitskräften nach Zürich. Oerlikon hingegen sei «eine ausgesprochene Betriebsgemeinde in finanziell günstiger Lage. Ähnlich, wenn auch weniger ausgesprochen, liegen die Verhältnisse in Schlieren», so der Regierungsrat.

Anders beurteilte er die Lage in Witikon und Oberengstringen. Zwar würden auch diese Gemeinden einen Passivsaldo bei der täglichen Wanderung aufweisen. «Jedoch ist in beiden Gemeinden eine so geringe Entwicklung festzustellen, dass von neuen Lasten infolge des Zuwachses der Arbeiterbevölkerung nicht die Rede sein kann. Beide Gemeinden zeigen eine sehr geringe Steuerkraft, die jedoch bei Gemeinden mit landwirtschaftlichem Charakter die Regel ist.» Und explizit auf Oberengstringen bezogen meinte die Regierung: «So sind auch die Nachbargemeinden – Oetwil, Geroldswil und Weiningen – ungefähr in gleicher Lage, ohne dass hier versucht werden kann, die Stadtnähe für die Finanzlage verantwortlich zu machen.»

Schlieren und Oberengstringen wurden fallen gelassen

Überhaupt sprach aus Sicht des Regierungsrats wenig bis nichts dafür, Oberengstringen und Schlieren einzugemeinden. «Ungleich wichtiger und dringender als Alleestrassen und Grünflächen in Oberengstringen ist doch sicher die Forderung, endlich einmal in der Zürcher Altstadt durch Durchbrüche Licht und Luft zu schaffen», hielt er fest. Und: «Ganz sicher kann mit verwaltungstechnischen Gründen eine Ausdehnung der Eingemeindung auf Schlieren und Oberengstringen nicht begründet werden.»

Gelöst war das Problem mit der Ablehnung der Initiative noch lange nicht. Nur wenige Monate später scheiterte der Regierungsrat mit seinem als Alternative präsentierten Finanzausgleichsgesetz ebenfalls an der Urne. Ein Kompromiss musste her. Statt zwölf sollten jetzt nur noch acht Orte eingemeindet werden. Zusätzlich sollte ein Finanzausgleich geschaffen werden. Für diese Vorlage gab es im Jahr 1931 schliesslich eine klare Zustimmung. 1934 wurde die zweite Stadterweiterung vollzogen. Oberengstringen und Schlieren gehörten da nicht mehr dazu. Sie «mussten ohne weiteres fallen gelassen werden», damit der Kompromiss zustande kommen konnte, wie es der Regierungsrat ausdrückte.

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