Mutig setzt die zehnjährige Yezda an, um Parmak Cocuk, also das Märchen vom Däumling, auf Türkisch laut vorzulesen. Sie blickt konzentriert in das Kinderbuch und fährt mit ihrem Finger den Buchstaben nach. Und obwohl nur wenige im Raum wirklich verstehen, was sie sagt, hängen alle an ihren Lippen.

Es ist ein aussergewöhnliches Erlebnis. Denn nach der Erzählung auf Türkisch geht es weiter mit Albanisch, Schweizer Mundart, Portugiesisch, Deutsch und Tamilisch. «Es ist beeindruckend, wie viele fremdsprachige Frauen gekommen sind, die den Mut hatten, sich an diesem Projekt zu beteiligen», sagt Sandra Razic, die Integrationsbeauftragte der Stadt Dietikon. Auch Agnes Matt, die Leiterin der Bibliothek, stimmt zu: «Es ist auch bewundernswert, dass die Mädchen sich getraut haben, vor einem fremden Publikum vorzulesen.»

Matt hat zusammen mit Razic den Vorlesetag organisiert und die Sprachen auf diese sechs eingegrenzt. «Ich wurde gefragt, ob ich irgendwelche Frauen kenne, die bereit wären, in genau diesen Sprachen vorzulesen. So haben wir uns gezielt an diese Personen gewendet», sagt Razic. Die meisten der fremdsprachigen Vorleserinnen besuchten einen Deutschkurs und seien dort angefragt worden.