Viele Worte musste Brigitte Spiess über den Gast nicht verlieren. «Alain Sutter ist so bekannt, dass ich ihn nicht mehr vorzustellen brauche», sagt die Leiterin der Bibliothek Oberengstringen in ihrer Begrüssung des ehemaligen Fussballnationalspielers und heutigen Fussballkommentators. Weniger bekannt ist, dass Sutter mittlerweile auch als Mentalcoach tätig ist. In dieser Funktion stellte er den 60 Besucherin im Zentrumssaal sein 2013 erschienenes Buch «Stressfrei glücklich sein» vor.

«Wie hast du es immer geschafft, so souverän und stark zu sein», werde er immer wieder gefragt, erzählte Sutter von seiner Erfahrung. Wenn man sein Buch gelesen habe, würde man ihm diese Frage so nicht stellen. Denn Sutter gab zu, dass er bei Vorträgen ohne Ende nervös, im Fernsehen hingegen ruhig sei. Dies, weil beim Fernsehen nur ein Kamerateam filme.

Sutter führt diese Nervosität darauf zurück, dass er sich als Teenager in der Schule zwei Mal vor der ganzen Schulklasse total blamiert habe. Das eine Mal musste er im Klassenlager vortanzen, ohne dass er sich darauf vorbereitet hatte. Das andere Mal war es ein Vorsingen mit Stimmbruch. «Die Klassenkameraden lachten Tränen und haben sich auf dem Boden gewälzt», so Sutter.

Selbstvertrauen als Schlüssel

Sein autonomes Nervensystem habe diese Erfahrung damals als Gefahr gespeichert. «Deshalb schaltet es jedes Mal, wenn ich vor Publikum auftrete, auf den Flüchten- oder Totstellen-Modus um», erklärte Sutter und erntet damit die Lacher der Zuhörer. Wegen seiner Nervosität laufe er beim Vortragen herum und reibe sich die Hände, wovon jeder Rhetoriktrainer abraten würde. «Die Impulse des Körpers wahrnehmen und Schwächen eingestehen, sind ein Ausdruck von Gesundheit und wirken authentisch», hielt Sutter fest. Gerade die vielen Meldungen über Depressionen, Burnouts oder Selbstmorde erfolgreicher Persönlichkeiten, sehe er als Zeichen dafür, dass diese Menschen viel zu lange versucht hätten, stark zu sein.

«Eine wichtige Voraussetzung für wahre Stärke ist jedoch Selbstvertrauen», so Sutter. Das bedeute, auf seine Impulse zu hören. In Studien habe man zeigen können, dass das Herz Situationen bereits vorher antizipieren könne. Auch in seiner Fussballkarriere habe er magische Momente erlebt, in denen er genug Selbstvertrauen gehabt hätte, um den Ball — ohne sich mit einem Blick rückwärts zu versichern — seinem Mitspieler zuzuspielen.

«Bei fehlendem Selbstvertrauen reagiert man immer einen Moment zu spät, weil man den Mut nicht hat, das Risiko einzugehen», erläuterte Sutter. Er gab den Besuchern deshalb den Rat, ihren Impulsen und dem Herzen zu folgen und Dinge zu tun, die ihnen etwas bedeuten würden. Denn Perfektion könne nicht das Ziel sein. «Jeder ist so, wie er ist, einzigartig und in Ordnung», schloss Sutter seinen Vortrag und traf damit den Nerv des Publikums.

«Der Vortrag war super», meinte die 70-jährige Romy Wigger. Sutter spreche ihr aus dem Herzen. Auch Bruno Wenger aus Bern war voll des Lobes: «Ich habe Freude daran, wie sich Sutter als junger, erfolgreicher Mann solch tiefsinnige Gedanken übers Leben macht». Sutters Auftritt habe ihn inspiriert. Der 15-jährige Franz Schwinn aus Unterengstringen sagte, dass ihn die Ausführungen zum Nachdenken animieren würden. Sein Vater Ludger philosophierte gar: «Es ist ein toller Aufruf zur Authentizität. Gerade in der Schweiz, einem Land des Durchschnitts und der Kompromisse, hat ein solcher Aufruf e