Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Für jene 27 Limmattaler Sekundarschüler, die sich im Sommer 1833 auf grosse Schulreise begaben, gilt das in besonderem Masse. Ganze sechs Tage waren sie unterwegs. Nicht nur deswegen ist sie vielen Leuten noch lange in Erinnerung geblieben. Auch die enormen Distanzen, die die 14-Jährigen täglich zurücklegten, lassen staunen. Zudem sorgte die Reise dafür, dass die Gemeinden links und rechts der Limmat schon bald näher zusammenrückten.

Dass wir heute über die Ereignisse von vor 185 Jahren im Bilde sind, liegt an zwei fast identischen Reiseberichten, die Mitte des letzten Jahrhunderts in Nachlässen in Weiningen und Unterengstringen entdeckt wurden. Darin wird detailreich beschrieben, was die Schüler der Sekundarschule Schlieren – Unterengstringer und Weininger Schüler besuchten damals die Sekundarschule ennet der Limmat – auf ihrer Reise in die Inner- und Ostschweiz erlebten.

44 Kilometer am ersten Tag

Schon der Auftakt war speziell. Besammlung war in Schlieren. Am Abend vor der Abreise trafen sich die Schüler vom gegenüberliegenden Flussufer bei ihren Kameraden, denn bereits um 3 Uhr in der Früh ging es los. «Früher als der Wächter hatte uns die freudige Erwartung im Herzen geweckt. Um 3 Uhr des Morgens fanden wir uns in der Stube des Herrn Cantonsrat Meyer ein und hatten Mühe, uns einander in den blauen Reisehemden mit Tornister und Alpenstock sogleich zu erkennen», heisst es im Bericht.

Ehe sich die Schar aufmachte, wurde noch gebetet. Danach wanderten die Schüler mit ihrem Lehrer, Pfarrer Sprüngli, Richtung Uitikon. Über Wettswil, Affoltern, Knonau und Steinhausen ging es bis Zug. Von dort brachte ein Schiff die Reisegruppe nach Immensee. Danach hiess es wieder zu Fuss weiter. Das Ziel dieser ersten Etappe war Rigi Klösterli. Insgesamt 44 Kilometer Fussmarsch hatten die jungen Leute dort hinter sich. Doch die Strapazen wurden belohnt. «In der Sonne wurden wir gut und freundlich bewirthet, und ein erquickender Schlaf endigte den reichen und frohen Tag», wird berichtet.

Auch die kommenden Tage hatten es in sich. So erklomm man den Rigi Kulm ehe es von dort zum Tagesziel Seewen ging. Auch ein Besuch auf dem Rütli stand an. Von Flüelen über Altdorf marschierten die Schüler danach bis Unterschächen. Von dort startete die vierte Tagesetappe, die Königsetappe der Reise. 51 Kilometer legte die Reisegruppe zurück. Ziel war Glarus. Die täglichen Anstrengungen – meist war es drückend heiss – gingen ob der Naturschönheiten fast vergessen, wie die Eindrücke auf dem Rigi Kulm belegen. «Wir standen auf hocherhabener Bergspitze, unter uns lagen rings um den Bergstock der Zuger-, Lauerzer- und Vierwaldstättersee, an deren Ufer liebliche Dorfschaften oder schöne Wälder prangten, auf deren Fläche hin und wieder ein Schiff zu entdecken war, und über deren Spiegel noch etwas weisse Wölkchen im Sonnenglanz dahinsegelten.»

Eindrückliche Begegnungen

Bleibenden Eindruck hinterliessen bei den Verfassern auch die vielen Begegnungen, die sie auf ihrer Reise machten. «So war es denn recht gemütlich auf dieser Alpe und wir hätten das Sennenvolk glücklich preisen mögen, welches nicht eine Mittagstunde nur, sondern einen ganzen Sommer lang, ja so manchen Sommer seines Lebens hier fern von Eitelkeiten, dem Neid und den Zänkereien niederer Gegenden, ungetrübte Ruhe und Freiheit geniesst», heisst es über die Menschen auf dem Urnerboden. Allerdings werden diese Aussagen sofort relativiert, angesichts der ärmlichen Lebensumstände, die die Schüler dort antrafen. Von «schwarzen, zerbrechlichen Hütten», die von Kot umgeben sind, ist die Rede. «Ärmliche Kleidung» und «hungrige Mienen» sahen die jungen Limmattaler.

Die positiven Eindrücke überwogen aber bei Weitem. Auch wenn manch einer froh war, als es von Glarus bis nach Stäfa und dann, am letzten Tag, von dort wieder ins Limmattal zurückging. «In unsere Jugendjahre hat diese Woche ein bleibendes Denkmal wahrer und reiner Freude gesetzt», ist zum Abschluss des Berichtes zu lesen. Und auch bei den Daheimgebliebenen war die Schulreise, während der die Schüler durchschnittlich 34,5 Kilometer am Tag zurücklegten, noch lange Gesprächsthema. Denn der Umstand, dass es bereits in aller Herrgottsfrüh losging, zeigte den Bewohnern rechts der Limmat, wie sehr sie von der Fähre über den Fluss abhängig waren. Und so wurde die Schulreise zum Auslöser für die Forderung nach einer Brücke über die Limmat. Es sollte jedoch noch eine Weile und viele Wendungen dauern, ehe die erste Verbindung zwischen Zürich und Wettingen über die Limmat errichtet wurde. 1844 war es so weit. Die Brücke verband fortan Unterengstringen mit Schlieren.