Spanischbrötlibahn
Vor 170 Jahren rückte das Tal dampfend näher zusammen

Im Limmattal wurde Schweizer Eisenbahngeschichte geschrieben. Die Strecke zwischen Zürich und Baden war die erste im Land. Allerdings war man vom neuen Fortbewegungsmittel nicht überall begeistert. Für einige war die Bahn schlicht «Satanszeug».

Sandro Zimmerli
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An der Jubiläumsfeier «150 Jahre Schweizer Bahnen» im Jahr 1997 nahm auch ein Nachbau der Spanischbrötlibahn teil. Das Original verkehrte erstmals am 7. August zwischen Baden und Zürich.

An der Jubiläumsfeier «150 Jahre Schweizer Bahnen» im Jahr 1997 nahm auch ein Nachbau der Spanischbrötlibahn teil. Das Original verkehrte erstmals am 7. August zwischen Baden und Zürich.

Keystone/Sigi Tischler

Zierpflanzen schmückten den Wartsaal. Der Bahnhof war festlich hergerichtet. Nun hiess es warten auf den grossen Moment. Dann, kurz nach halb zwölf Uhr, donnerten die Kanonen los. Der Zug aus Baden fuhr in Zürich ein. 33 Minuten benötigte er an diesem 7. August für die rund 23 Kilometer lange Strecke.

Nach einer Begrüssung wurden die aargauischen Behörden durch den neuen Bahnhof geführt, der sich damals noch ausserhalb der Stadt befand. Reden wurden gehalten, ehe sich der Tross um 13 Uhr mit rund 140 Gästen auf den Weg zurück nach Baden machte. Mit Eichenlaub und Girlanden geschmückt bahnte sich der Zug unter den Augen vieler Schaulustiger seinen Weg das Limmattal hinunter.

Die Probefahrt war geglückt. Und so konnte die erste ganz auf Schweizer Boden befindliche Bahnlinie zwei Tage nach diesen Feierlichkeiten, am 9. August 1847, ihren Betrieb offiziell aufnehmen. In den Anfangszeiten verkehrte die von der legendären Lok «Limmat» angetriebene Bahn vier Mal täglich von Zürich nach Baden und zurück. An Sonn- und Feiertagen fünf Mal. Haltestellen befanden sich in den Dörfern Altstetten, Schlieren und Dietikon.

Dietikon erhielt als einziger Ort zwischen Zürich und Baden einen Bahnhof. Das Bild ist von 1899. Es zeigt den 1867 erstellten Bahnhof, der denjenigen von 1847 ersetzte.

Dietikon erhielt als einziger Ort zwischen Zürich und Baden einen Bahnhof. Das Bild ist von 1899. Es zeigt den 1867 erstellten Bahnhof, der denjenigen von 1847 ersetzte.

Zur Verfügung gestellt

Wobei im heutigen Bezirkshauptort der einzige Bahnhof zwischen Zürich und Baden gebaut wurde. Denn zusätzlich zu den Perrons wurde dort ein Gebäude errichtet, das einem Bahnwärter als Wohnung diente. Eine einfache Fahrt kostete 80 Rappen. Kinder bezahlten die Hälfte. Die Reisezeit betrug rund 45 Minuten. Das Interesse am neuen Fortbewegungsmittel war gross. In den ersten 20 Tagen wurden bereits 24 836 Personen befördert.

Doch nicht überall war man glücklich über die Bahn, die im Volksmund schon bald Spanischbrötlibahn genannt werden sollte. Manche Gegner nannten sie «Satanszeug». Ärzte befürchteten durch das ständige Rütteln Gesundheitsschäden bei den Passagieren. Sie warnten auch davor, dass die Augen durch die schnell am Zug vorbeiziehenden Landschaften überfordert werden könnten. Bauern hatten Angst vor Schäden an Häusern und Feldern durch Funkenwurf aus den hohen Kaminen der Lokomotiven.

Eine Zürcher Initiative

Schon die Planung und dann die Realisierung der Bahnstrecke war eine zähe Angelegenheit. Während in England, Deutschland und Frankreich bereits in den 1820er- beziehungsweise 1830er- Jahren die ersten Eisenbahnen verkehrten, war man davon in der Schweiz noch weit entfernt. Ein erster Versuch, dies zu ändern, unternahm Oberst Friedrich Hünerwadel aus Lenzburg. Er regte den Bau einer Bahnlinie von Zürich nach Basel an.

Bald darauf ergriff die Zürcher Handelskammer die Initiative und beauftragte den Ingenieur Alois Negrelli, der kurz zuvor die Münsterbrücke erstellt hatte, Pläne für ein solches Vorhaben auszuarbeiten. Zu diesem Zweck wurde die Basel-Zürich-Eisenbahngesellschaft gegründet. Die Bahnlinie sollte den Flüssen Limmat, Aare und Rhein folgen. Um die Talenge bei Baden zu umfahren, sollte die Bahn unterhalb von Spreitenbach mit einer Brücke auf das rechte Limmatufer geführt werden.

Die Planungen wurden rasch in Angriff genommen. Allerdings trafen die Ingenieure immer wieder auf grossen Widerstand, vor allem seitens der Landbevölkerung. Viele Bauern fürchteten um ihr Land und sabotierten die Vermessungen, indem sie etwa Signalstangen ausrissen. Noch zäher gestalteten sich hingegen die Planungen auf der politischen Seite.

Der erste Zürcher Bahnhof wurde 1847 eröffnet. Er befand sich zwar am heutigen Standort, aber er lag noch ausserhalb der Stadt.

Der erste Zürcher Bahnhof wurde 1847 eröffnet. Er befand sich zwar am heutigen Standort, aber er lag noch ausserhalb der Stadt.

Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Während in Zürich der Grosse Rat im Dezember 1839 einen Konzessionsbeschluss und ein Gesetz zur Landenteignung verabschiedete, dauerte es im Kanton Aargau fast ein Jahr länger, bis auch dort nach zäher, dreitägiger Debatte im November grünes Licht für das Projekt gegeben wurde. Allerdings war in der Zwischenzeit ein Streit über die Linienführung ausgebrochen.

Der neue Vorschlag, der nun auf dem Tisch lag, sah vor, die Bahn durchgehend auf der linken Limmatseite über Baden, Brugg und den Bözberg bis nach Basel zu führen. Zu diesen Querelen gesellten sich nun auch noch finanzielle Schwierigkeiten, weil sich verschiedene Aktionäre weigerten, ihren Zusicherungen nachzukommen. Deshalb musste die Basel-Zürich-Eisenbahngesellschaft im November 1841 aufgelöst werden.

Im zweiten Anlauf klappte es

Es dauerte vier Jahre, ehe eine Gruppe um den Zürcher Industriellen Martin Escher-Hess wieder Schwung in die Eisenbahnplanungen brachte. Sie hatte sämtliche Akten und Pläne der eingegangenen Basel-Zürich-Eisenbahngesellschaft erworben. Die Gruppe plante nun eine Bahnlinie von Zürich über Turgi bis nach Koblenz, wobei eine Zweiglinie von Baden nach Aarau vorgesehen war. Die Konzessionen wurden dieses Mal, anders als beim ersten Anlauf, ohne Umschweife erteilt.

Im März 1846 nahm das Konsortium seine Arbeit auf und gründete die Schweizerische Nordbahngesellschaft. Als erste Etappe sollte die Strecke Zürich–Baden realisiert werden. Für die Streckenführung zeichnete wiederum Negrelli verantwortlich. Die Badener wollten ihren Bahnhof beim Mellingertor südlich der Altstadt erstellen lassen. Negrelli setzte jedoch durch, dass er auf die Nordseite verlegt wird, was den Bau eines Tunnels durch den Schlossberg notwendig machte.

Ein Gebäck gibt der Bahn ihren Namen

Das Spanische Brötli, ein luftiges Gebäck aus Blätterteig mit einem hohen Butteranteil, ist eine Badener Spezialität, die ihren Namen ihrem Ursprungsort Mailand verdankt, das im 16. Jahrhundert unter spanischer Flagge stand. Von dieser Köstlichkeit erbte die erste Schweizer Bahnlinie ihren Übernamen. Es existieren allerdings verschiedene Erzählungen darüber, weshalb das so war.

So sollen sich die Zürcher Herrschaften diese Spezialität durch ihre Bediensteten per Bahn ofenfrisch aus Baden nach Hause geliefert haben. Eine andere Erklärung hat mit einer eisenbahnpolitischen Auseinandersetzung in den 1870er-Jahren zu tun. Den Winterthurer Demokraten schwebte eine Volksbahn als Konkurrenz zur Herrenbahn der Zürcher Oberschicht vor. Möglicherweise handelt es sich bei der Spanischbrötlibahn deshalb um einen Spottnamen seitens der Winterthurer.

Im Gegensatz zum ersten Anlauf, auch in der Schweiz eine Eisenbahn zu bauen, ging es nun zügig voran, obschon es erneut einigen Widerstand gegen das Projekt gab. Insbesondere die Landenteignungsverfahren stellten sich als zähe Angelegenheit heraus. Während diese im Kanton Zürich relativ zügig über die Bühne gingen, wehrten sich die Aargauer Landgemeinden vehement gegen Landabtretungen.

Streit gab es vor allem um die Entschädigungszahlungen, die vielen Bauern zu tief erschienen. Viele weigerten sich gänzlich, Land abzutreten. Die Bauarbeiten kamen nur schleppend voran. Erst als die Aargauer Regierung mässigend eingriff, konnte das Projekt zügig weiter vorangetrieben und im August 1847 abgeschlossen werden.

Eine Bahn, kein Streckennetz

In ein Streckennetz war die Linie zwischen Zürich und Baden, die im Volksmund schon bald Spanischbrötlibahn genannte wurde, allerdings noch lange nicht eingebunden. Der Sonderbundskrieg, der im Herbst 1847 ausbrach, hemmte den Ausbau der Bahn. Erst 1856 wurde die Linie nach Brugg verlängert. Durch die Fusion der Schweizerischen Nordbahn und der Zürich-Bodenseebahn zur Nordostbahn im Juli 1853, konnten schliesslich 1858 Zürich und Basel mit einer Bahn verbunden werden. 1872 ging die Konzessionserteilung für Eisenbahnen von den Kantonen an den Bund über.

Es war der erste Schritt zur Verstaatlichung der Eisenbahn. Nach der Volksabstimmung vom Februar 1898 über das «Bundesgesetz betreffend die Erwerbung und den Betrieb von Eisenbahnen für Rechnung des Bundes und die Organisation der Verwaltung der Schweizerischen Bundesbahnen», gingen ab 1902 die vier grossen privaten Gesellschaften an den Bund über. Die Nordostbahn war Geschichte, die SBB geboren.

Quellen: Dietiker Neujahrsblatt (1997 ): 150 Jahre Eisenbahn im Limmattal; Werner Huber: «Hauptbahnhof Zürich»