Bergdietikon
«Von van Gogh hielt ich zunächst nicht viel»: Wie ein Lehrer den Weg zur Kunst fand

Malerei und Poesie, Astronomie und Kochkunst – Hermann Dunkel ist ein Mann mit vielen Leidenschaften. Der 90-Jährige gibt nun Einblicke in seine Kunst und sein Leben.

Gabriele Heigl
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Mit seinem Bild «Tor in die Unendlichkeit» ist Hermann Dunkel besonders zufrieden. GAH

Mit seinem Bild «Tor in die Unendlichkeit» ist Hermann Dunkel besonders zufrieden. GAH

Gabriele Heigl

Vielleicht nähert man sich der Persönlichkeit von Hermann Dunkel am besten über sein selbst gebautes Teleskop. Für Astronomie hat er sich schon immer interessiert, also musste ein Teleskop her. Aber anstatt eines zu kaufen, hat er es mitsamt dem Stativ in den 1980er Jahren selbst gebaut.

«Ich dachte, das wäre doch glatt, wenn man das selbst zustande brächte.» Sogar den Spiegel hat er selbst geschliffen. Eine Vertiefung von dreitausendstel Millimetern brauchte der Spiegel in der Mitte – ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht für Hermann Dunkel, der eine ausgeklügelte Messmethode ausfindig machte.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Internet. «Ich habe mich zwar lange dagegen gesträubt, mich damit zu befassen.» Aber es hätten ihn so viele Dinge interessiert, an die er ohne die moderne Informationstechnologie nicht herankam. «Also habe ich gelernt, wie man sich eine E-Mail-Adresse zulegt und im Internet surft – mit 84 Jahren.»

Zur Person

Hermann Dunkel (90) lebt seit 58 Jahren mit seiner Frau in Bergdietikon. Beide haben zusammen drei Töchter und zwei Enkelkinder. Der gebürtige Niederurner machte zunächst eine kaufmännische Lehre, bevor er als Primarlehrer nach Bergdietikon kam, wo er 31 Jahre lang unterrichtete.

Schon früh begann Dunkel, sich nicht nur für Kunst zu interessieren, sondern auch selbst zu malen. Anregungen holte er sich auf vielen Reisen und in der Natur. Derzeit werden seine Bilder in Bergdietikon in der Reihe «Kunst im Gemeindehaus» bis 22. Dezember ausgestellt. Gleichzeitig hat Dunkel auch seinen Vers- und Aquarellband «Freude am Kleinen» von 1993 neu aufgelegt.

Beliebter Lehrer

Da hat man schon längst vergessen, dass man einem 90-Jährigen gegenüber sitzt, der von seinem Leben erzählt, einem Leben, das von Beharrlichkeit, Neugier und Lernen geprägt ist. Obwohl der Vater zunächst eine Malerlehre für den Sohn im Auge hatte, absolvierte der gebürtige Niederurner schliesslich eine kaufmännische Lehre, die sein Onkel ihm vermittelte.

«Was ich möchte, hat mich niemand gefragt. So waren die Zeiten damals.» Aber mit 28 Jahren und «zweieinhalb Kindern», beschliesst er, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er hatte sein Talent für den Lehrerberuf entdeckt und machte, obwohl er eigentlich schon zu alt war, eine Primarlehrerausbildung in Wettingen.

Bei der Auswahl der ersten Stelle im Jahr 1958 fiel die Entscheidung auf Bergdietikon. «Wir sahen, dass hier ein neues Quartier mit Zuzug entsteht; ausserdem schätzten wir die Nähe zu Zürich.» 31 Jahre lang unterrichtete er von da an die Bergdietiker Dritt- bis Fünftklässler. Als er mit 63 Jahren in Pension ging, versuchten die Eltern - wenn auch vergeblich -, ihn zum Weitermachen zu bewegen.

Auch heute noch erinnern sich die Schüler gerne an ihn. «Am vergangenen Donnerstag auf der Vernissage meiner Bilder im Bergdietiker Gemeindehaus haben mich ein paar meiner früheren Schüler umarmt. Eine Schülerin hat mir ein Glas Honig geschenkt», freut sich Dunkel.

In der Reihe «Kunst im Gemeindehaus» werden derzeit bereits zum dritten Mal seine Bilder ausgestellt. Bis zum 22. Dezember hat man Gelegenheit, sie zu betrachten oder auch zu kaufen.

Kein Flair fürs Abstrakte

Die Kunst ist eine lebenslange Liebe von ihm. Ein ehemaliger Kollege aus KV-Zeiten, der als Kunstbildhauer arbeitete, weckt sein Interesse. «Er brachte mir Kunstverständnis bei. Von van Gogh zum Beispiel hielt ich zunächst nicht viel. Ich dachte: ‹Der kann ja nicht mal Farben mischen.›»

Mit dem Freund beginnt er Kunstreisen zu unternehmen, besichtigt den Louvre in Paris, Giottos Fresken in Padua, die Uffizien in Florenz. Schliesslich greift er selbst zum Pinsel und entdeckt sein Talent für Aquarellmalerei und Federzeichnungen.

Sein Stil: gegenständlich, real. «Ich habe nicht das Flair fürs Abstrakte», wie er sagt. Seine Motive: Landschaften, Häuser und Blumen. Letztere spielen in seinem kleinen Kunstband «Freude am Kleinen» von 1993 eine Hauptrolle. Anlässlich der Vernissage wurde das Buch neu aufgelegt. Die darin enthaltenen Aquarelle und Verse sind eine Liebeserklärung an die Blumenwelt.

Der Poet Dunkel bringt seine Leser zum Schmunzeln, etwa, wenn es um die Blume Männertreu geht: «Als Blumen sind Männertreu gar nicht so selten, das sollte für Treue von Männern auch gelten.» Dunkel lacht: «Ich habe schon immer gern Sprüche gemacht.»

Das Haus, das die Dunkels in Bergdietikon gebaut hatten, haben sie inzwischen verkauft und wohnen seit dem Frühjahr altersgerecht im Schlittental. Sie fühlen sich wohl dort, und die neue Wohnung erleichtert den Alltag von Hermann Dunkel, der sich liebevoll um die Pflege seiner Frau kümmert. Hier kann er auch einer weiteren Leidenschaft frönen: der Kochkunst.

Seit etwa zehn Jahren besucht er einmal im Monat das «Kochen für Männer» im Mehrzweckgebäude der Gemeinde. «Meine Töchter haben zu Anfang gespottet: ‹Der Papi in der Küche, das mag was Gutes geben!› Inzwischen haben sie ihre Meinung geändert.»

Kunst im Gemeindehaus: Das Aus kommt nach 32 Jahren

Die Ausstellung mit Bildern von Hermann Dunkel wird die vorletzte im Bergdietiker Gemeindehaus sein. Die Wände seien so gross und leer, hiess es vor 30 Jahren, als das Gemeindehaus bezogen wurde.

Die Idee des früheren Vizeammanns Werner Rodel, man könnte doch Bilder von Künstlern aus der Gemeinde ausstellen, nahm Gemeindeschreiber und späterer Gemeinderat Urs Spörri gerne auf. «Der Anfang war schwierig; kaum jemand hatte grosses Interesse, hier auszustellen», erinnert er sich.


Die erste Ausstellung gestaltete Elfi Zeindler mit ihren Radierungen. Mit der Zeit wurde «Kunst im Gemeindehaus» bekannter. 1989 wurden ausschliesslich Dietiker Künstlerinnen und Künstler gezeigt. Anlass war das
900-Jahr-Jubiläum der Stadt. Der Besucherandrang war stets gross und der Bekanntheitsgrad stieg.

Gezeigt wurden regional und überregional bekannte Kunstschaffende, aber auch solche, die erst am Anfang standen. Zu sehen waren Bilder, Skulpturen, Tapisserien, Puppen und vieles mehr. Spörri betreute die Ausstellungen von 1985 bis 2001, danach trat er die Aufgabe bis 2013 an Sibylle Mazzotta-Loche ab, bevor er selbst wieder den Stab übernahm.

«Das Bereitstellen des Gemeindehauses für die Kunst war vor 30 Jahren im Limmattal ein Novum und wurde auch von anderen Gemeinden nachgeahmt. Die Zeiten haben sich geändert, heute bestehen andere Bedürfnisse», so Spörri. Die Wände werden künftig Aufnahmen von Gegenständen des Ortsmuseums im Untergeschoss des Gemeindehauses Platz bieten und sollen zu dessen Besuch animieren.

Die Bergdietiker Künstlerin Elisa Sindico, wird die letzte Ausstellung gestalten. Ihre Bilder werden vom 23. Februar bis 1. April 2017 ausgestellt. (GAH)