Limmattal
Von über 300 Gemälden nur 40 verkauft: Begehrte Kunst ist etwas anderes

Um einen Trinkwasserbrunnen in Lesotho zu finanzieren, sollten die mehr als 300 Gemälde des Unterengstringer Künstlers Hans Brunner in der Schnäggeen-Beiz am Weininger Rebblüetefäscht verkauft werden. 260 davon fanden keinen Käufer.

David Egger
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Ein 30 Jahre altes Bild von Hans Brunner: Ist die figurative Kunst langweilig, weil man sieht, was sie abbildet?

Ein 30 Jahre altes Bild von Hans Brunner: Ist die figurative Kunst langweilig, weil man sieht, was sie abbildet?

ZVG

Trotz unglaublich tiefer Preise wurden bloss etwas mehr als 40 Bilder aus dem Nachlass von Hans Brunner verkauft. In der Schnäggeen-Beiz am Weininger Rebblüetefäscht, wo die über 300 Bilder hätten verkauft werden sollen, blieben gut 260 Bilder übrig. Ziel war es, Trinkwasserbrunnen in Lesotho zu finanzieren.

Das Spezielle daran: Es handelte sich um die letzte Gelegenheit, Gemälde von Hans Brunner zu kaufen, der einst beim weitaus berühmteren Max Gubler aus Zürich in die Kunstgewerbeschule ging.

3000 Franken Erlös erzielt

Ein bisschen mehr Interessierte habe er schon erwartet, sagt Harry Landis von der Schnäggeen-Beiz. Dann wären auch mehr Bilder verkauft worden. Oder nicht? «Wir erzielten 3000 Franken Erlös, das ist eine rundum positive Nachricht und dieses Geld ist ein grosser Zustupf an den Trinkwasserbrunnen in Lesotho», sagt Landis.

Ein stolzer Betrag, wenn man bedenkt, dass die günstigsten Bilder ab 20 Franken zu haben waren. Zu den 3000 Franken kommt noch der Erlös aus dem Gastro-Betrieb der Schnäggeen-Beiz, der zurzeit noch abgerechnet wird.

Maler Hans Brunner: Hier zusammen mit einem Windhund seiner Frau Gertrud.

Maler Hans Brunner: Hier zusammen mit einem Windhund seiner Frau Gertrud.

Künstlerin nimmt nicht verkaufte Bilder mit

Und Landis hat noch eine weitere gute Nachricht: Die übrig bleibenden Gemälde hätten eigentlich entsorgt werden sollen. Damit wären sie in den Flammen der Kehrichtverbrennungsanlage aufgegangen. Doch eine Künstlerin fand doch noch einen Verwendungszweck für die Bilder.

Sie holte die gut 260 Gemälde ab und will sie für ihr eigenes künstlerisches Schaffen nutzen. Vielleicht will sie die Leinwände übermalen. Gegenüber der Zeitung wollte sie sich nicht zu den Hintergründen äussern.

Auskunft gibt dafür, wenn auch nur anonym, ein Kunstexperte aus der Deutschschweiz. Er kennt sich insbesondere mit Künstlern aus, die in den 40er-Jahren aktuell waren. Dazu gehören zum Beispiel Max Gubler und dessen Brüder Ernst und Eduard.

Desinteresse kein Einzelfall

Das Desinteresse an Hans Brunners Nachlass ist offenbar bei weitem kein Einzelfall. Es gebe zurzeit unzählige Künstler, die beispielsweise 80 Jahre alt sind, und deren Keller mit Tausenden Gemälden überquellen, sagt der Kunsthistoriker.

Es gibt unzählige Künstler, deren Keller mit Gemälden überquellen, für die sich nie jemand interessieren wird.

Auch wenn sie sterben, wird sich niemand gross für ihre Werke oder deren Erhalt interessieren. Dafür gibt es auch wirtschaftliche Argumente: Den Nachlass einfach aufzubewahren, weil sich in Zukunft irgendwer für das Ganze interessieren könnte, wäre eine grosse Bürde, die zu tragen man von den Erben nicht erwarten darf. «Mit der Lagerung, der Verwaltung und der Versicherung der Werke entstehen grosse Kosten, insbesondere wenn es sich um einen riesigen Nachlass handelt», sagt der Kunstexperte.

Was das Vergessen vorbereitet

Es verwundert ihn auch nicht, dass kaum jemand aus der Wissenschaft Interesse daran hat, Künstler zu erforschen, die bisher kaum untersucht wurden und deren Werke nicht katalogisiert sind. «Kunsthistoriker wenden sich entweder den ganz grossen Klassikern zu, oder aber sie beschäftigen sich mit der aktuellen Moderne», sagt er. Selbst der Nachlass der drei Gebrüder Gubler ist bis heute nicht vollständig erforscht.

Um das Interesse der Wissenschaft zu wecken, braucht es mehr als nur gute Bilder. Gerade gegenständliche Gemälde, auf denen relativ klar zu erkennen ist, was der Künstler abgebildet hat, begeistern heute nur noch wenige. Erst recht, wenn die Bilder aus einer Zeit stammen, in der viele Maler ihre Pinsel dafür brauchten, etwas in der Realität Gesehenes malerisch umzusetzen. So wie es zu Hans Brunners Zeiten der Fall war. Nicht selten liessen die Maler die Verbindung zwischen Bild und Abgebildetem jedem Betrachter klar werden.

Dieses Figurative wurde je länger, je mehr belächelt. So interessierten sich weder Kunsthistoriker noch Sammler oder Kulturjournalisten für die Werke; deren Weg ins Vergessen war so geebnet. «Eigentlich ist es tragisch», sagt der Experte. Oder doch nicht? «40 verkaufte Bilder sind eine stolze Zahl. Sie werden den neuen Besitzern noch viel Freude bereiten», sagt Landis.

Was Hans Brunner zur Verkaufsbilanz von letztem Samstag sagen würde, lässt sich nur mutmassen. Klar ist: Schon zu Lebzeiten wollte er seine Werke kaum verkaufen.