Geroldswil
Von Opfern zu Rächern: Ehemaliger ETH-Professor präsentiert sein Roman-Debüt

Hans-Gert Kahle aus Geroldswil las in der Dorfbibliothek aus seinem packenden Roman «Die fünfte Posaune».

Florian Schmitz
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Hans-Gert Kahle aus Geroldswil las in der Dorfbibliothek aus seinem packenden Roman «Die fünfte Posaune».

Hans-Gert Kahle aus Geroldswil las in der Dorfbibliothek aus seinem packenden Roman «Die fünfte Posaune».

Florian Schmitz

Nachdem Hans-Gert Kahle 2009 nach 30 Jahren als Professor für Geodäsie und Fotogrammetrie an der ETH emeritiert wurde, beschäftigte ihn das Thema Ausbeutung zunehmend. Zunächst befasste er sich intensiv mit der Ausbeutung von Tieren. Weil er sich viel mit Tagesaktualität auseinandersetzte und dabei von Migrantenströmen, Verschleppten und moderner Sklaverei las, wurde die Ausbeutung des Menschen für ihn zu einem dringlichen Thema. 2013 fasste er den Entschluss, seine Recherchen in einen Roman fliessen zu lassen.

Gestern Morgen las Kahle, der 1973 mit seiner Frau Renate von New York nach Geroldswil gezogen ist, in der lokalen Bi­bliothek aus dem daraus entstandenen Buch: «Die fünfte Posaune». Die fiktive Geschichte mit realem Hintergrund handelt von zwei jungen Sahrauis. Die arabischen Nomaden besiedelten ursprünglich die Westsahara. Eine grosse Minderheit flüchtete 1975 nach dem Einmarsch der marokkanischen Armee in die algerische Sahara, wo bis heute noch rund 165'000 tausend Sahrauis in vier Flüchtlingslagern wohnen. Unter ihnen sind auch die Protagonisten Tahira und Habib. Nach jahrelanger Ausbeutung gelingt ihnen der Ausbruch aus den desolaten Zuständen im Lager. Getrieben vom Hass auf ihre Peiniger sinnen sie nach Rache.

Der Titel des Romans ist angelehnt an die Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments. Die fünfte Posaune führe den Racheengel ein, erklärte Kahle. «Ich wollte mit dem Titel auch aufzeigen, dass die Ausbeutung anderer ein archaisches Problem ist, das die Menschheit seit ihren Ursprüngen beschäftigt.»

Die Fortsetzungsgeschichte ist in zwei Bändern ­erschienen, aus denen Kahle prägnante Passagen vorlas. Dazwischen erläuterte er die bis heute tragische Geschichte der Bewohner der Westsahara. «Ich wollte den Opfern der Ausbeutung eine Stimme geben, ohne das Leiden in den Vordergrund zu stellen», erklärte Kahle. Er wolle Hoffnung vermitteln und zeigen, wie starke Menschen den Teufelskreis durchbrechen und sich zur Wehr setzen können.

«Sie schreiben sehr schön und bildreich»

Die rund 20 Besucher hörten Kahle gebannt zu. «Ich hoffe, ihr seid nicht zu erschlagen», sagte Bibliotheksleiterin Marianna Portaluri bei der Überleitung zur Fragerunde. «Als Physiker habe ich jahrzehntelang Daten analysiert und Schlüsse daraus gezogen.» Auch beim Schreiben sei er sachlich und emotionslos geblieben, antwortete Kahle auf die Frage, wie schwer es ihm gefallen sei, in so ein schlimmes Thema vorzudringen. Daraufhin lobte eine überraschte Besucherin: «Ich finde, Sie schreiben sehr schön und bildreich.»

Solange Menschenhandel weiter so extreme Profite abwerfe und die wachsende Weltbevölkerung für viele arme und verzweifelte Menschen sorge, sei es schwierig, etwas gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu tun, so Kahle. Das Thema beschäftigt ihn weiter. Bereits seit einiger Zeit arbeitet er an einer Fortsetzung seines Romans.

Nächste Lesung

Am 4. März um 19.30 Uhr besucht Autorin ­Silvia Götschi die Bibliothek Geroldswil für eine szenische Lesung.