Wenn Ernst Graf mit dem Stecken ausholt, dann zischt das Träf in einem eleganten Schwung durch die Luft. Denn den richtigen Schlag beherrscht der ehemalige Präsident der Hornussergesellschaft Dietikon trotz Schmerzen in der Schulter immer noch problemlos. «Irgendwann kann man den Schlag selbst mit verbundenen Augen führen», erzählt er und schmunzelt.

Viel Gelegenheit zum Hornussen hat Graf allerdings nicht mehr, seit die Hornussergesellschaft an der letzten Generalversammlung die Auflösung des Vereins beschloss. Irgendwann sei kein Nachwuchs mehr nachgekommen, sagt Graf mit Bedauern. Die jungen Leute hätten keine Zeit mehr fürs Hornussen.

Nun gestaltet Klaus Guhl im Ortsmuseum in Dietikon eine Ausstellung über den einst erfolgreichen Dietiker Verein.

Und wer weiss heute noch, wie der Sport funktioniert? Beim Hornussen treffen jeweils zwei Mannschaften mit 18 Spielern aufeinander. Die Schläger schlagen den Hornuss, auch Nouss genannt, mit dem Stecken möglichst weit auf das «Ries», das Spielfeld. Dabei kann der Nouss bis zu 300 Stundenkilometer schnell werden und über 280 Meter weit fliegen. Die gegnerische Mannschaft muss ihn mit der Schindel treffen, die sie in die Luft wirft, bevor er zu Boden geht. Ansonsten kassiert sie ein «Nummero», also eine Art Tor. Nach der Halbzeit wechseln die Mannschaften die Position. Für den Gewinn ausschlaggebend sind sowohl die Anzahl Nummero als auch die Distanz, über welche hinweg der Hornuss geschlagen wurde. Beim Hornussen braucht man hohe Beweglichkeit im Oberkörper und gute Augen.

Ein Spiel mit langer Tradition

Das Spiel hat in der Schweiz eine lange Tradition: Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wird es im Jahr 1625, als einige Lauperswiler Männer sich vor dem Chorgericht verantworten mussten, weil sie statt brav im Gottesdienst zu sitzen, lieber hornussen gingen. Nach Zürich brachten das Mannschaftsspiel Arbeiter aus dem Bernbiet, speziell dem Emmental, wo es herkommt.

1932 gründeten solche Exil-Berner die Hornussergesellschaft Holzbirliberg und belegten im Jahr darauf gleich den ersten Platz am Ostschweizerischen Hornusserfest. 1934 verlegte die Gesellschaft dann ihren Sitz nach Dietikon, wo sie fast 80 Jahre beim Schiessplatz Fondli trainierte. In den 60er-Jahren erlebte die Gesellschaft ihre Blütezeit und gehörte zeitweise zu den grössten der Schweiz. An nationalen und kantonalen Turnieren war sie dermassen erfolgreich, dass der Becherkasten im Vereinslokal bald aus allen Nähten platzte. Im «Ochsen-Säli» in Dietikon können die Auszeichnungen heute noch bewundert werden.

Hornussen mit den Exil-Bernern

Auch Ernst Graf stammt ursprünglich aus dem Bernbiet und kam als Maschinenmechaniker zur Firma Maag Zahnräder nach Zürich. Hornussen kannte er bis dahin zwar aus seiner Heimat, selber ging er aber lieber zum Schiessen auf die Anlage Fondli. Und genau dort lernte Graf mit der Zeit die Berner kennen, die nebenan das Hornussen trainierten.

Als er das Spiel dann selbst ausprobierte, war er begeistert und blieb fortan dabei. Das Hornussen sei ihm leicht von der Hand gegangen und habe ihm viel Freude bereitet, sagt Graf. Zudem heimelte ihn das Berndeutsch der anderen Spieler an. Jahrelang trainierte er zweimal in der Woche das Hornussen und half bis zuletzt mit, neue Spieler zu rekrutieren. Die Gesellschaft habe regelmässig Probetrainings an Schulen angeboten, wo vor allem Mädchen begeistert mitgemacht haben. Dabei geblieben sei dann aber leider keines der Kinder, so Graf.

Bis Ende dieses Jahres geht das Ortsmuseum den Erfolgen und Niederlagen des Vereins nach. Den Besuchern werden neben diversen Spielgeräten auch Pokale und Fotos aus neun Jahrzehnten Hornussergesellschaft präsentiert.