Dietikon

Von der Nötzliwiese fliesst Ammonium ins Grundwasser

Unter der Dietiker Nötzliwiese liegen 22 000 Kubikmeter Abfall. Aus der sanierungsbedürftigen Altlast fliesst ein Schadstoff in die Limmat und ins Grundwasser. Doch die Überwachung endet bald.

Die Dietiker Nötzliwiese zwischen Bahnhof und Limmat ist eigentlich grün. Knallrot eingezeichnet ist sie aber im Kataster der belasteten Standorte. Sie gilt als überwachungs- und sanierungsbedürftig, weil von ihr der Schadstoff Ammonium ins Grundwasser gelangt.

Um zu verstehen warum, muss man weit zurückblicken: Noch 1877 gab es die heutige Nötzliwiese gar nicht. Stattdessen floss dort die Limmat. Das Flussufer lag damals weiter westlich, näher an der Bahnlinie (siehe Grafik). Dies ist auch auf einer Karte von 1877 zu sehen.

Doch was passierte danach? Und warum geraten heute unter der Nötzliwiese Schadstoffe ins Grundwasser? Erste Antworten bringt ein Blick in den öffentlichen Kataster der belasteten Standorte, genauer in die Information zu Standort Nummer 0243/D.N004, auch Schifflände genannt. Der Standort wurde aufgeschüttet. Es handelt sich um Altlasten, die mehr als drei Prozent Schlacke enthalten. Der Standort wurde von der Behörde als belastet und sanierungsbedürftig beurteilt. Die Überdeckung der Abfälle betrage zwischen 10 und 20 Zentimeter. Nur so tief müsste man also graben, um auf die Altlasten zu stossen. Zum Vergleich: Ein handelsüblicher Teelöffel ist etwa 13 Zentimeter lang.

Weiter heisst es, dass die Vulnerabilität des Grundwassers, also dessen Verletzlichkeit, «sehr hoch» sei. Zudem gebe es zwar eine direkte Entwässerung in das Oberflächengewässer, also die Limmat, darin aber keine Hinweise auf Belastungen.

Nötzliwiese entstand ab 1877

Der Kanton, genauer das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel), hat schon diverse Untersuchungen angeordnet. Die genauen Daten zu belasteten Standorten sind nicht öffentlich einsehbar. Auf Anfrage nimmt Wolfgang Bollack, Sprecher der Baudirektion, aber Stellung zu einigen Fragen. Das Ufer am heute belasteten Standort sei gemäss den kantonalen Unterlagen ab 1877 aufgeschüttet worden – damit verschob sich das Limmatufer an dieser Stelle also immer weiter nach Osten. Das Ausmass ist erstaunlich. Dazu Bollack: «Es handelt sich um eine 22 000 Kubikmeter grosse Schüttung aus mineralischen Bestandteilen wie Ziegel, Backsteinen und vereinzelt Schlackeresten sowie Aushub. Bei einer Fläche von 8700 Quadratmetern ergibt sich eine durchschnittliche Mächtigkeit von etwa 2,5 Metern.» So dick ist die ehemalige Deponie also, von der kaum mehr jemand weiss.

Bliebe alles so, wie es ist, müsste all dieses Material dereinst entfernt werden, auch wenn die Sanierung «aufgrund einer Gefährdungsabschätzung vorderhand nicht notwendig ist», wie Bollack erklärt. Das Awel hat schon diverse Untersuchungen der Nötzliwiese angeordnet, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Die Grafik zeigt, wie sich der Verlauf der Limmat verändert hat

Die Grafik zeigt, wie sich der Verlauf der Limmat verändert hat

2012 wurden vier Baggerschächte und zwei Kernbohrungen bis in den Limmatschotter gefertigt. Die Bohrungen wurden dann zu Grundwasser-Messstellen ausgebaut, wie Bollack sagt. Das Fazit bisher: «Der Standort ist in Bezug auf das Schutzgut Grundwasser sanierungsbedürftig», so Bollack. Denn direkt vom Standort fliesst Ammonium ab. Der massgebende Konzentrationswert gemäss Altlastenverordnung wird überschritten.

Warum es keine Sanierung gibt

Doch die Altlasten sollen nicht saniert werden. Der Grund: Der Bund will die nationale Altlastenverordnung revidieren. Ammonium und Nitrit sollen für die Beurteilung der Sanierungsbedürftigkeit keine Rolle mehr spielen, wenn es ums Grundwasser geht. Bei der Belastung von Oberflächengewässern, also zum Beispiel Flüssen, sollen die Grenzwerte weiterhin gelten, denn Ammonium und Nitrit sind für Fische toxisch.

Im Sommer 2016 fand die Vernehmlassung des neuen Verordnungsentwurfs statt. «Insbesondere die Kantone sowie Umwelt- und Wirtschaftsverbände beteiligten sich daran. Es gab keinen nennenswerten Widerstand», erklärt auf Anfrage Rolf Kettler von der Sektion Altlasten des Bundesamts für Umwelt (Bafu). «In der Tat werden etliche Standorte mit der Verordnungsänderung nicht mehr sanierungsbedürftig sein. In diesem Zusammenhang muss aber erwähnt werden, dass es noch nie eine Sanierung alleine wegen des Abflusses von Ammonium und Nitrit ins Grundwasser gab», so Kettler. Denn diese beiden Stoffe treten bei fast allen belasteten Standorten auf. Bisherige Sanierungen wurden vor allem dort getätigt, wo zum Beispiel Schwermetalle ins Wasser gelangen.

Bundesrat entscheidet bald

Wie Kettler auf Anfrage sagt, plant der Bundesrat, in etwa einem Monat die erwähnte Verordnungsänderung zu verabschieden, damit sie per ersten Mai in Kraft treten kann. Vom Awel wird dann geprüft, ob die Nötzliwiese zurückgestuft werden kann, vom überwachungs- und sanierungsbedürftigen in einen weder überwachungs- noch sanierungsbedürftigen Standort. Fortan wäre die Nötzliwiese im Kataster der belasteten Standorte dann nur noch gelb statt knallrot eingezeichnet. Bis dahin findet noch eine Überwachung des Grundwassers statt. Diese wird danach beendet.

Zur Klärung der Frage, ob Ammonium und Nitrit tatsächlich als massgebende Stoffe für die Beurteilung von Altlasten in Bezug auf das Schutzgut Grundwasser wegfallen sollen, hatte das Bundesamt für Umwelt eigens einen 25-seitigen Bericht namens «Relevanz von Ammonium und Nitrit im Abfall- und Altlastenbereich» anfertigen lassen. Ein Fazit: Ammonium wird schnell biologisch abgebaut.

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