Emmi Schmid-Schubigers Augen funkeln noch heute, wenn sie von den Bundesfeiern im sanktgallischen Kaltbrunn erzählt. Wie die Männer des örtlichen Turnvereins in ihren weissen Uniformen da eine menschliche Pyramide in der dunklen Nacht bildeten, erleuchtet nur von den bengalischen Lichtern, bewundert vom ganzen Dorf: Das hat der kleinen Emmi «schaurig Eindruck gemacht». Und sogleich die Frage geweckt: «Wieso sind da keine Frauen dabei?»

Diese Frage konnte sich die mittlerweile 71-jährige Trainerin der Weininger Kunstturnerinnen noch viele weitere Jahre lang stellen, wenn sie die Schweizer Delegationen für internationale Wettkämpfe betrachtete. Denn der damalige Schweizerische Frauenturnverband SFTV blockierte die Teilnahme Schweizer Kunstturnerinnen jahrzehntelang erfolgreich. Die Haltung des Verbands: Der Wettkampfsport würde die weiblichen Becken für deren eigentliche Bestimmung, die Geburt möglichst vieler Kinder, ruinieren. Das Kunstturnen, das historisch auch eine mächtige Rolle im Gesamtkonstrukt der geistigen Landesverteidigung einnahm, war zudem militärisch geprägt und assoziiert – so fürchtete man ganz generell eine «Vermännlichung» der Frauen, sollten sie den Sport zu ernsthaft verfolgen.

Doch Emmi Schmid-Schubiger – heute dreifache Mutter – war ihr Becken damals egal. Sie wollte turnen. Und sie liess sich von niemandem davon abhalten. «Ich konnte noch nie stillsitzen», sagt sie, während sie in ihrer Stube hin und her flitzt, um alte Zeitungsberichte aus ihren goldenen Turnjahren aus Ordnern zu fischen. Als Kind hangelte sie von jeder Stange, die sie fand, übte an jeder Wand den Handstand, schlug auf jeder beliebigen Wiese Räder. Beirren liess sie sich weder von der Grossmutter, die das Gezappel der Enkelin gar nicht ziemlich fand, noch vom Pfarrer, der sie beim Üben an der Reckstange auf dem Pausenplatz erwischte. Denn für fast jeden Verhinderer in ihrem Leben hatte Emmi auch einen Förderer – oder eine Förderin: Als der Pfarrer der Mutter einschärfte, das Geturne ihrer Tochter gehe einfach nicht, wo es ihr doch immer das Röckchen lüpfe am Reck, da verbot ihr die Mutter nicht das Turnen. Sie nähte ihr Pumphosen.

Emmi Schmid-Schubiger gehört zu den Pionierinnen im Kunstturnen.

Emmi Schmid-Schubiger gehört zu den Pionierinnen im Kunstturnen.

Auf den Verband kommts an

Als Emmi älter wurde und eine bessere Turnerin, fand sie im aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Turnverband Satus ein sportliches Zuhause. Anders als im Eidgenössischen Turnverband (ETV) mit seinem Frauenkapitel SFTV liess man beim Satus auch die Mädchen an Wettkämpfen teilnehmen – wenn sie so gut waren wie Emmi, die schnell das Aushängeschild des Vereins wurde. Als sie beim Satus zu turnen begann, gab es zwar auch dort noch keine eigentliche Frauenförderung für den Spitzensport. Doch schnell wurde klar: Emmi kann was. So wurde ihr kurzerhand ein persönlicher Trainer zur Verfügung gestellt. Als Turnerin endlich ernst genommen, lief sie schnell zu Höchstform auf. Fünfmal in Folge wurde sie mit dem Verband im Rücken Schweizer Meisterin. Und es war auch der Satus, der sie 1966 zusammen mit ihrer Kollegin Gabrielle Theinz nach Dortmund schickte und damit erstmals eine weibliche Schweizer Teilnahme an einer Kunstturn-Weltmeisterschaft ermöglichte.

Auch ihre Weininger Chefin, bei der sie eine Lehre zur Keramikmalerin absolvierte, unterstützte sie auf ihre Weise. Sie sah grosszügig darüber hinweg, dass die damals noch in Rapperswil wohnhafte Turnerin immer häufiger bei der Arbeit fehlte, um zu trainieren. Schmid-Schubigers strenger Arbeitstag ist in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1966 festgehalten, mit dem Verweis, ein solch «enormes Pensum würde man dem nicht überaus gross gewachsenen und nicht ausgesprochen robusten Persönchen mit den etwas verträumten Augen gar nicht zutrauen». Im Detail: «5:00 Uhr Aufstehen, anschliessend Bahn-, Tram- und Busfahrt an ihren Arbeitsort in Weiningen; 7.15 Arbeitsbeginn; 15.15 Arbeitsschluss; 17:30 Rückkehr nach Rapperswil, 18:00 Trainingsbeginn; 22:00 Schluss des Trainings und Schlafengehen.» Freizeit? Brauchte sie nicht: «Das Einzige, das zählte, war, immer noch mehr aus mir herauszuholen, noch besser zu werden.»

Emmi Schmid-Schubiger 1966 an der WM in Dortmund.

Emmi Schmid-Schubiger 1966 an der WM in Dortmund.

In Dortmund angekommen, wartete allerdings die Realität: Dort musste sich die beste Schweizer Turnerin mit der internationalen Konkurrenz messen. Und deren Heimatländer hatten schon Jahre bis Jahrzehnte vor der Schweiz mit der Frauenförderung im Spitzensport begonnen – besonders die damaligen Ostblock-Staaten. Schmid-Schubiger erreichte bei den Weltmeisterschaften, die vom 21. bis 25. September abgehalten wurden, immerhin noch Rang 116 von 180. Und sie hatte die Zeit ihres Lebens. «Es war eine wunderschöne Erfahrung: Gabi und ich in diesem schicken Hotel in Dortmund – wir waren ja arme Schlucker zu Hause, wussten unter all diesen edlen Damen nicht mal, aus welchem Schälchen wir essen müssen!», erinnert sich Schmid-Schubiger. In der Umkleide hat sie Bekanntschaften geschlossen, etwa mit der legendären DDR-Turnerin Erika Zuchholz. «Unser jahrelanger Briefwechsel hat mir wohl auch eine Fiche beschert», sagt sie und lacht.

Alle Hoffnung verloren

Kurz ging es für Schmid-Schubiger noch weiter auf der Erfolgsstrecke: 1967 nahm sie der Eidgenössische Turnverband mit dem Versprechen, an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen, auf; nicht zuletzt unter internationalem Druck schien die Nachricht selbst beim Schwesterverband SFTV langsam anzukommen, dass die heilige Sorge ums weibliche Becken vielleicht etwas gar überholt sei. «Mir war eigentlich egal, welcher Verband mich aufstellt – ich wollte einfach die Chance haben, mein Bestes zu geben», sagt Schmid-Schubiger. Im selben Jahr vertrat sie die Schweiz an den Europameisterschaften in Amsterdam, wo sie es auf den 30. Rang schaffte.

Doch bereits im nächsten Jahr folgte der nächste Rückschlag: An die Olympiade in Mexiko, auf die sie wie besessen hingearbeitet hatte, sollten doch wieder keine Schweizer Frauen zugelassen werden. «Das war wirklich ein herber Schlag», sagt sie heute, und ein Schatten zieht über ihr sonst ausgesprochen fröhliches Gesicht. Es war für sie der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Sie schwor dem Wettkampfsport ab. «Es war von Anfang an ein steiniger Weg, aber nach diesem Entscheid habe ich alle Hoffnung verloren.» Ebenfalls nicht förderlich für ein weiteres Durchbeissen dürfte gewesen sein, dass sie mit dem neuen Schweizer Trainer, dem Prager-Frühlings-Flüchtling und Starturner Ludek Martschini, das Heu so gar nicht auf derselben Bühne hatte.

Doch Schmid-Schubigers Geschichte hört nicht hier auf. Denn das Pech der Turnerin – und der Schweiz, die sich rückständiger nicht hätte zeigen können auf dem internationalen Sportparkett – wurde zum Glück der Weininger: Sie, die nach dem plötzlichen Fallengelassenwerden «unter regelrechten körperlichen Entzugserscheinungen» litt, erbat sich das Recht, am Feierabend für sich in der Schlüechti-Turnhalle weiter zu turnen. Bald hätten die Schulkinder ihre Nasen plattgedrückt an der exponierten Fensterfront. Es ging nicht lange, bis erste Anfragen von Eltern eingingen, ob sie die Turnkunst nicht ihrem Mädchen beibringen könne. «So gab es einen nahtlosen Übergang von der Wettkämpferin zur Trainerin, den ich so gar nie geplant hatte.»

«Ihren Meitli» soll es besser gehen

Seit 1969 geht sie auf in der Rolle der Trainerin der Kunstturnerinnen des Weininger Turnvereins. Der Eindruck liegt nahe, dass sie die Förderung, um die sie so hart kämpfen musste, umso leidenschaftlicher ihren Schülerinnen bieten will. Sie spricht liebevoll und konsequent von «ihren Meitli» und sie erinnert sich an jedes einzelne von ihnen, ob es nun mässig oder überdurchschnittlich talentiert war. Mit besonderer Genugtuung erzählt sie von der Turnerin, die sie 1972 ins Nationalteam für die Olympischen Spiele in München brachte. Vier Jahre nach der Absage an Schmid-Schubiger hatte der Eidgenössische Turnverband endlich und endgültig die Barrieren für die Frauen beseitigt – 38 Jahre, nachdem diese an internationalen Wettkämpfen eigentlich willkommen geheissen worden wären.

Verbittert ist Schmid-Schubiger nicht – dafür ist sie insgesamt eine viel zu fröhliche Person. Doch wirklich vergeben hat sie ihren Hinderern auch nicht: «Ich war auf dem Höhepunkt meiner Fähigkeiten, als ich aufhören musste», sagt sie. Für eine, die das Turnen als ihre «krankhafte Leidenschaft» bezeichnet, muss die Leere nach dem Abschied vom Spitzensport schier unerträglich gewesen sein. «Es war schlimm», sagt sie: «Ich hatte von einem Tag auf den anderen kein Ziel mehr im Leben.»

Doch heute, mit fast 50 glücklichen Trainerinnenjahren auf dem Buckel, konzentriert sie sich lieber aufs Positive. Auf all die «einzelnen Leute, die mein Talent eben doch gesehen und mich unterstützt haben»; auf Erinnerungen an Reisen, Freundschaften mit Turnkolleginnen und harmlose Schäkereien mit feschen jungen Turnern. «Ich würde alles noch einmal genau gleich machen», sagt sie. «Selbst im Wissen darum, wie unschön meine Wettkampfkarriere zu Ende ging.»