Zeitdruck. Zeitmangel. Zeitvergeudung. «Die Menschen haben keine Zeit mehr, sie geniessen nichts mehr, leider auch nicht die Kunst», sagt Lilo Fässler, Künstlerin und Maltherapeutin. «Das ist mein aktuelles Projekt, hier stehen alle Wörter, die mit Zeit zu tun haben. Zeit ist so vielseitig, doch wir verlieren sie aus den Augen», erklärt die Künstlerin und zeigt auf eine Säule voller Blätter. Ihr neuestes Projekt steht inmitten eines grossen Raumes im Zentrum Oberengstringen. Dort, wo bis vor einigen Monaten noch der Schuhladen Tiefenbacher war, hängen jetzt Bilder verschiedener Künstler.

Es ist ein grosses Lokal inmitten von Einkaufsläden, und dort hängt kein Schild an der Tür. Der Geruch nach Farbe dringt durch die geschlossene Tür. Lichter sind auf die Wände gerichtet, wo Bilder hängen. Eine bunte Kuh voller kleiner Kunstwerke steht am Eingang des provisorischen Ateliers der Oberengstringer Künstler. Seit April stellen sie hier, beruhend auf einer Idee der Gemeinde, an mehreren Tagen der Woche ihre Bilder aus. «Die Anfrage, hier auszustellen, kam von der Gemeinde», sagt Fässler. Das Lokal sei leer gewesen, was für alle sehr unattraktiv gewirkt habe. «Das ist ein Einkaufszentrum, der Treffpunkt hier in Oberengstringen. Da kann es nicht einfach ein leeres Lokal mittendrin haben», erklärt Fässler. Die Idee der Gemeinde sei etwas Neues und gänzlich unerwartet gekommen. «So etwas gibt es nirgendwo anders, da bin ich mir sicher.»

Der älteste Künstler ist fast 92 Jahre alt

Nachdem Fässler die Anfrage der Gemeinde angenommen hatte, ging es Schlag auf Schlag: «Zuerst musste ich die anderen überreden», sagt sie. Dafür habe sie einige Überzeugungskraft gebraucht. Nachdem dann sieben Künstler zugesagt haben, wurden die Wände des Lokals neu gemalt, damit die Bilder auf neutralem Hintergrund hängen. «Jeder der Künstler hat sich dann eine Ecke ausgesucht. Mit der Zeit hat sich alles entwickelt», sagt Fässler. Jetzt hängen an jeder Wand verschiedene Bilder. Winterlandschaften sowie einfarbige, bunte und abstrakte Motive.

«Jeder Künstler hat seinen eigenen Stil», fasst Fässler zusammen. Der Stil hänge sehr mit dem Charakter des Künstlers zusammen. «Auch das Erlebte beeinflusst die Werke», erklärt sie. Der Alltag, das Umfeld und die Laune würden eine grosse Rolle spielen, wenn man ein Bild malt. «Ich habe mich immer vom momentanen Zustand treiben lassen», sagt einer der Künstler. Es ist Robert Stulz. Mit seinen fast 92 Jahren ist er der Älteste im Künstlergespann. Er stellt bereits seit über 20 Jahren aus. Genauso wie viele seiner Kollegen, die die Kunst als Hobby sehen.

«Ich bin ein Wintermaler. Im Sommer habe ich keine Zeit, also male ich nur dann, wenn es kalt ist», sagt Franz Jenny. «So brauchst du auch weniger Farbe», entgegnet Uschi Zaoui-Konzelmann lachend und deutet auf die Ölgemälde von Jenny. Seine Bilder zeigen in Schnee versunkene Winterlandschaften.

Ganz im Gegensatz zu seinen Bildern stehen die Gemälde der jüngsten Künstlerin. Die 25-jährige Dana Solenthaler stellt kleine Aquarellbilder aus. «Das ist mein Ventil. Beim Malen kommt dann immer automatisch die Lösung zu meinen Problemen», sagt sie. Auf das Malen habe sie ihre Mutter gebracht, die ihre Bilder ebenfalls im Zentrum ausstellt. Das Hobby machen sie für sich selbst, sind sich beide einig. «Es kommt keiner, der dir etwas vorschreibt oder Druck ausübt», sagt Solenthaler.

Denn Druck führe dazu, dass die Künstler die Inspiration verlieren. «Dann gibt es schon Momente der Frustration, weil man das Gefühl hat, dass man die Farbe für nichts verbraucht hat», sagt Fässler. Doch gerade dann solle man nicht aufgeben, «beim Malen soll man nicht nachdenken, sondern einfach machen».

«Bilder verkaufen sich nicht wie Kleider»

Dass das Lokal kein Schild hat, wird so bleiben, denn die Künstler sind nur vorübergehend im Zentrum aufzufinden. Die Gemeinde hat ihnen den Platz bis Ende Oktober zugesichert. «Es könnte auch länger sein, das wissen wir nicht», erklärt Fässler. Die Zukunft der ganzen Einkaufspassage sei fraglich: «Es könnte sein, dass es das Zentrum nicht mehr lange gibt», sagt Pietro Martini. Der italienische Künstler hat unter anderem die bunte Kuh am Eingang gestaltet. Während er sich nicht allzu zuversichtlich zeigt, fällt Fässler ihm ins Wort: «Noch können wir bis Ende Oktober bleiben.» Es sei eine einmalige Chance, ihre Kunst an den Mann zu bringen – «und das kostenlos», sagt sie. Dass die Gemeinde sich so kunstaffin zeige, sei keine Selbstverständlichkeit. «Wir sind ihr sehr dankbar», sagt Fässler.

Das Atelier ist mittwochs und samstags geöffnet. Dann ist auch einer der Künstler zur Beratung vor Ort. «Die Leute sind interessiert, doch die Besucher haben seit April nachgelassen», erklärt Fässler. Viele Leute würden durch die Ladenpassage laufen und reinschauen, jedoch nur wenige würden in die Galerie kommen. «Im April haben wir eine Vernissage veranstaltet. Da waren viele Leute da», sagt Martini.

Einige der Künstler konnten ihre Bilder zwar verkaufen, jedoch habe die Veranstaltung hauptsächlich stattgefunden, um die Künstler besser kennen zu lernen. Auch der Gemeinderat war vor Ort, um sich die Bilder anzusehen und die Künstler zu begrüssen. Fässler selbst hat noch kein Bild verkaufen können. «Wir haben viel positives Echo bekommen, aber Bilder verkaufen sich eben nicht wie Kleider», sagt sie.

Ob die Bilder sich letztendlich verkaufen, hänge mit der Auffassung der Käufer zusammen, sagt Martin Weibel. «Was ist Kunst und was ist Installation? Das betrifft alleine den Betrachter», bemerkt auch Stulz. Kunst sei für jeden etwas anderes. «Es geht darum, Spuren zu hinterlassen», sagt Fässler. Jeder könne malen, man müsse sich nur hineinversetzen. «Es gibt schliesslich welche, die Farbe auf den Boden legen, draufspringen und es dann Kunst nennen», ruft einer der Künstler in die Runde. Die anderen stimmen zu. «Deswegen kann es auch keine zwei identischen Bilder geben. Das ist unmöglich», sagt ein anderer. Das Wichtige sei, dass die Kunst dabei helfe, sich selbst zu finden, sagt Fässler, «in welcher Form auch immer».