Schlieren
Vom Erkältungstee bis zur Krebsarznei: So sieht es in der neuen Kantonsapotheke aus

Der Neubau der Kantonsapotheke Zürich in Schlieren wurde eingeweiht. Sie ist die modernste Spitalapotheke Europas. Grund genug für einen Blick hinter die Kulissen.

Nora Güdemann
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Kantonsapotheke Zürich
14 Bilder
Eröffnung der Kantonsapotheke Zürich
Im Erdgeschoss befindet sich das Lager der Kantonsapotheke. Vom Erklärungstee bis zum Schmerzmittel Dafalgan – hier findet sich alles. Nur Betäubungsmittel und Zytostatika, Arzneimittel gegen Krebs, werden in einem anderen Lager aufbewahrt.
Dieser Angestellte nimmt die bestellten Medikamente aus den Lagerregalen.
Auch Aspirin wird hier gelagert.
In diesen Kisten werden die Medikamente in die Spitäler transportiert.
Das Treppenhaus im Neubau.
Blick in die sterile Zone des Produktionsbereichs. Dieser befindet sich in einem Glaskasten abgeschottet und isoliert innerhalb des Gebäudes.
In dieser Petrischale wachsen Bakterien.
Bei Führungen durch die Kantonsapotheke kann man die Angestellten bei der Arbeit beobachten.
Utensilien im Glaskasten.
Hochmoderne Roboter unterstützen die Angestellten.
Ein Blick in einen aseptischen Raum des Produktionsbereichs.
Über dem Glaskasten hängt die Technik, wie Lüftungsschächte, Kabel und Leitungen, die die Versorgung der Produktion sicherstellen.

Kantonsapotheke Zürich

Sandra Ardizzone

Ein Mann in weissem Kittel, Mörser in der einen Hand, kramt mit der anderen Hand in einer der hundert Schubladen eines riesigen Regals. Diesem Bild entsprechen die heutigen Apotheker schon lange nicht mehr. Und die neue Zürcher Kantonsapotheke in Schlieren erst recht nicht. Gestern wurde die modernste Spitalapotheke Europas eingeweiht – Grund genug einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

An den Wänden im obersten Stock der Kantonsapotheke hängen riesige Bakterien und Aminosäuren, gedruckt auf meterlanger Tapete. Moderne Kunst – passend zum Neubau der Kantonsapotheke. Gegründet im Jahr 1809, beliefert sie primär das Universitätsspital Zürich und das Kantonsspital Winterthur mit Arzneimitteln. Sie beschafft, lagert und stellt Medikamente sogar selber welche her. Speziell Zytostatika, also sind Arzneien zur Krebstherapie. Auch werden Medikamente produziert, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr auf dem Markt sind. Die Kantonsapotheke bietet einen Pikettdienst, unterstützt klinische Studien und kümmert sich unter anderem um die Pandemie-Vorsorge.

In zwei Stunden zum Patient

Vor fünf Jahren war die Kantonsapotheke noch verteilt auf mehrere Standorte in Zürich. Doch die Produktionsorte mussten dringend renoviert werden – wenn nicht, drohte ein Bewilligungsentzug. Man entschied sich für einen zentralen Neubau. Nach einer Rekord-Bauzeit von vier Jahren, 500 000 Din-A4-Seiten voller Dokumentationen zum Qualitätsmanagement und einem unterbruchsfreien Umzug, startete gestern der Vollbetrieb.
Die neue Kantonsapotheke ist ein riesiger Bau mit einer Gesamtfläche von 10 700 m2. Andreas Hintermann, Leiter der Kantonsapotheke, begann den Rundgang im Erdgeschoss. Hier werden, Regal an Regal, Palette über Palette, Medikamente und Infusionen gelagert.

Vom Erklärungstee bis zum Schmerzmittel Dafalgan – im Lager stapeln sich tausende Medikamente. «Nur Betäubungsmittel und Zytostatika werden speziell aufbewahrt.» Zusätzlich gibt es ein Quarantänelager. 7.2 Tonnen Arzneimittel liefert die Kantonsapotheke pro Tag aus. Ein Teil davon sind Medikamente zur Krebstherapie (Zytostatika). Diese werden intern hergestellt, der Ablauf ist beeindruckend: «Der Arzt passt die Dosierung am Krankenbett an», erklärt Hintermann. «Dann schickt er uns den Auftrag, wir fertigen das Medikament, liefern es, und in maximal zwei Stunden kann es der Patient einnehmen.» Acht Transporte Zytostatika gehen täglich ans Unispital Zürich.

Ein Blick in den «Glaskasten»:

«Eigentlich ein Wunder»

Im zweiten Geschoss werden die Medikamente produziert. Die Herstellung ist in einem «Haus im Haus» untergebracht. Die Angestellten arbeiten in einem Glaskasten. Darüber hängt die Technik, wie Lüftungsschächte, Kabel und Leitungen, die die Versorgung der Produktion sicherstellen. «Am Anfang gab es hier über 2000 Störungsmeldungen pro Tag», so Hintermann. Diese Zahl konnte reduziert werden. «Trotzdem – so eine Konstruktion in so kurzer Zeit zu bauen, ist eigentlich ein Wunder», sagt er sichtlich stolz.

Anziehen dauert 45 Minuten

Im Glaskasten arbeiten die Angestellten in verschiedenen Reinheitszonen unter den Bedingungen «nicht steril, steril und aseptisch». Jede Zone besitzt eine eigene Farbe. In einer gelben, aseptischen Zone sitzt eine Person, die einem Astronauten gleicht. «Es dauert 45 Minuten, die Schutzkleidung anzuziehen», erklärt Hintermann. Die Person arbeitet mit Rohstoffen, die auf keinen Fall verunreinigt werden dürfen. «Damit ein Raum aseptisch wird, begast man ihn mit Wasserstoffperoxid», sagt Hintermann.

Das ist eine chemische Substanz mit hoher bakterizider Wirkung. Zudem gibt es Sensoren, die einen Alarm auslösen, wenn der Druck abfällt, sich die Temperatur erhöht oder wenn Partikel in der gefilterten Luft sind.

In allen Stockwerke des Baus herrscht futuristischer Charme. Trotzdem ist die Kantonsapotheke immer noch eine Apotheke: In der Reinheitszone liegt, neben Robotern und Computern, wie ein Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert, ein Mörser.

185.6 Millionen Umsatz

Die Kantonsapotheke ist nur Mieter des Neubaus, der dem Gewerbe- und Handelszentrum Schlieren gehört. Die Miete beträgt 4.9 Millionen Franken. Für die Planung und Ausstattung des Gebäudes bewilligte der Kanton einen Kredit von 15.7 Millionen Franken. Sie macht einen Umsatz von 185.6 Millionen Franken jährlich. Weiter will der Regierungsrat, dass die Kantonsapotheke zu einer Aktiengesellschaft wird. Noch ist sie eine Verwaltungseinheit der Gesundheitsdirektion.
Laut Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) ist die Aktiengesellschaft «Zukunftsmusik.» Der Kantonsrat muss zuerst darüber abstimmen.