Der Entscheid des Parlaments Dietikon, den «Alten Bären» zum Verkauf freizugeben, hätte das Ende eines jahrelangen Streits um das historische Haus auf dem Kronenareal sein können. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Nur gerade zwölf Stunden, nachdem es das Parlament am Donnerstagabend mit 18 zu 12 Stimmen ablehnte, den Stadtrat mittels Motion an einem Verkauf zu hindern, fand sich gestern Morgen eine Gruppe von wild entschlossenen Gemeinderätinnen und Gemeinderäten vor dem heruntergekommenen Gebäude wieder. Ihr Ziel: Sie wollen den «Alten Bären» retten. Die Stadt soll ihn selber sanieren und vermieten.

Dazu greifen die Politiker aus SP, AL, Grünen und CVP zum letzten demokratischen Instrument, das ihnen noch bleibt: der Volksinitiative. «Das Volk soll entscheiden, wie es mit dem Ortskern weitergeht», sagte SP-Fraktionschef Sven Koller. Konkret soll in der Gemeindeordnung festgehalten werden, dass der historische Ortskern Dietikons auf dem Kronenareal geschützt wird. Die Stadt besitzt dort neben dem «Alten Bären» auch die daran angebaute Zehntenscheune, die bereits sanierte Taverne zur Krone, die Metzgerei Brechbühl, das ehemalige Bauamt und das ehemalige Wasch- und Schlachthaus.

Wo sich die Geschichte abspielte

«Dies ist der Ort, an dem sich ganz viel Dietiker Geschichte abspielte», sagte SP-Gemeinderätin Catherine Peer, die auch regelmässig Stadtführungen durch Dietikon leitet. Auf dem Kronenareal seien die Leute mit ihren Pferdewagen vorbeigekommen, die alte Limmattaler Strassenbahn sei um die Ecke gefahren und in der Zehntenscheune habe man den «Zehnten» seines Lohns abliefern müssen. Dieses Stück Geschichte müsse unbedingt erhalten bleiben, so Peer: Alt Hochbauvorsteherin Gertrud Disler habe einst zu Recht gesagt, eine Stadt ohne Verbindung zu ihrer Vergangenheit habe keine Seele.

Die Stadt habe Glück, dass sie an diesem zentralen Ort Liegenschaften besitze, sagte Ernst Joss (AL), der ebenfalls gegen einen Verkauf des «Bären» kämpft. «Es wäre kurzsichtig, eines dieser historischen Gebäude aus den Händen zu geben.» Samuel Spahn (Grüne) sagte, man führe die Leute hinters Licht, wenn man behaupte, mit den höchsten 400 000 Franken Erlös könne man die Sanierung der benachbarten Zehntenscheune, die zwischen 2,5 und 3 Millionen kosten wird, querfinanzieren. «Das ist Unsinn.»

Lucas Neff (Grüne), der eine Architekturfirma besitzt, warnte, es werde zu grossen Komplikationen führen, wenn man – wie es der Stadtrat mit dem «Alten Bären» und der Zehntenscheune plant – nur einen Teil eines aneinandergebauten Gebäudeensembles verkaufe und dann beide Teile separat renoviere. Das wenige Geld, das man für den «Alten Bären» bekomme, werde man in extrem aufwendige Koordinationsarbeit stecken müssen.

Deutliche Worte fand auch Max Wiederkehr (CVP). Seine Partei ist in Sachen «Alter Bären» zwar gespalten, doch für Wiederkehr gibt es keine Zweifel: «Ein Grundstück auf diesem Platz zu verkaufen, ist eine Sünde», sagte er. Diese werde durch den Preis erst recht nicht gerechtfertigt. Zudem könne man durch eine Investition einen bleibenden Wert schaffen. Koller verwies zudem darauf, dass es auch der Stadt möglich sein müsse, mit dem «Alten Bären» Gewinn zu machen, wenn dies ein Privater könne, der zudem erst noch den Verkaufspreis investieren müsse.

Unterstützt werden die Politiker auch von Stefan Baier, dem Präsidenten des Vereins Kultur Krone. Dieser wurde 2005 gegründet, um sich für einen kulturellen Treffpunkt auf dem Kronenareal einzusetzen. «Hier ist ein grosser Teil der Seele der Stadt», sagte Baier. «Und diese wird immer wieder auch durch Kultur genährt.» Er wünsche dem Volk, dass es den Mut habe, für diesen so wichtigen Dietiker Ort einzustehen.

Wettlauf gegen die Zeit

Bis das Volk über die Initiative abstimmen kann, wird es noch eine Weile dauern. Zuerst müssen sich die Initianten auf den genauen Initiativtext einigen. Dieser wird vom Stadtrat geprüft und, zusammen mit dem Titel der Initiative und den Namen des Initiativkomitees, als amtliche Publikation veröffentlicht. Danach haben die Initianten sechs Monate Zeit, um mindestens 500 Unterschriften zu sammeln.

Das Ganze könnte durchaus zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden. Denn der Stadtrat hat dem Verkauf des «Alten Bären» an einen Investor bereits zugestimmt, wie Stadtpräsident Otto Müller (FDP) gestern gegenüber der Limmattaler Zeitung bestätigte. Realisiert werden soll ein Wohnprojekt. Ein formeller Verkaufsbeschluss ist aber noch ausstehend. Ob der Stadtrat sich von der Tatsache, dass nun eine Volksinitiative lanciert wird, beeinflussen lässt, wollte Müller nicht sagen: Das weitere Vorgehen könne erst bestimmt werden, wenn der Initiativtext bekannt sei. Er sei sich bewusst, dass man unter Zeitdruck stehe, sagte Koller. Wenn möglich wolle man schon nächste oder übernächste Woche mit dem Sammeln der Unterschriften beginnen. «Wir sind aber auch darauf angewiesen, dass der Stadtrat nun politischen Anstand zeigt und den ‹Alten Bären› nicht schon heute oder morgen verkauft.»