Die Erlebnisse der vergangenen Woche wird der Dietiker Fabian Hauser wohl nie mehr vergessen: Zusammen mit drei weiteren Mitgliedern des Vereins «Jetzt – Helfer helfen Helfern» reiste er am 10. Oktober auf die griechische Insel Kos. Dort unterstützten sie eine Woche lang eine Hilfsorganisation, die Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern betreuen. «Auf der Insel herrschen noch immer prekäre Zustände», sagt Hauser. Er hat erschreckende Dinge erfahren und miterleben müssen, wie er sagt. Dennoch bereut er nicht, gegangen zu sein: «Im Gegenteil. Nun, da ich im Arbeitsalltag zurück bin, frage ich mich schon manchmal, was ich hier eigentlich mache», so Hauser.

Am Tag nach ihrer Ankunft trafen sich die Limmattaler mit den Gründern von «Kos Solidarity». «Es herrschte Chaos», erinnert sich Hauser. Kurz zuvor wurde ein neues Lager für Hilfsgüter in Betrieb genommen. Gleichzeitig musste ein Altes aufgegeben und die Infrastruktur zwischen den beiden Noteinrichtungen verschoben werden. Und die griechische Inselverwaltung beschränkt sich, was die Flüchtlinge angeht, generell darauf, Däumchen zu drehen, wie Hauser sagt.

Die vier Limmattaler konnten der Hilfsorganisation «Kos Solidarity» einzig ihre Arbeitskraft anbieten. Dies, obwohl sie Mitte September zu einer grossen Spendenaktion aufgerufen und rund 1,4 Tonnen Hilfsgüter – vor allem Hygieneartikel, Rucksäcke, Spielzeug und Decken – aus der Bevölkerung gesammelt hatten. Doch am Tag bevor die Gruppe nach Kos abreisen sollte, folgte die Ernüchterung: Ein Schweizer Transportunternehmen hätte die Ware nach Österreich überführen sollen, von wo aus sie die Organisation «Griechenlandhilfe.at» nach Athen transportiert hätte. Doch der Spediteur teilte kurz vor dem Abholtermin mit, dass die österreichische Grenzwache die Einfuhr der Ware wegen eines Deklarationsproblems nicht erlauben würde. So musste der Verein ohne die 127 Umzugskartons nach Kos abreisen.

1000 Menschen in zwei Nächten

Vor Ort boten die Schweizer den Mitarbeitern von «Kos Solidarity» an, beim Verteilen von Esswaren und Getränken an Flüchtlinge zu helfen. Denn noch immer erreichen Nacht für Nacht Hunderte von ihnen in völlig überfüllten Gummibooten vom türkischen Bodrum aus die Ferieninsel. «An zwei aufeinanderfolgenden Tagen waren es rund 1000 Leute – grösstenteils Männer», sagt Hauser. Der Verein «Jetzt – Helfer helfen Helfern» unterstützte die Freiwilligen des Hilfswerks daher dabei, diese Menschen in Empfang zu nehmen – im Schichtbetrieb. Meist hatten die Gestrandeten nicht mehr als die Kleider am Körper, ein wenig Geld, ein Telefon und die Hoffnung, es bis nach Europa zu schaffen, wie Hauser sagt. Nach der Registrierung durch die Polizei in der Stadt Kos wollen sie so schnell wie möglich weiter nach Athen reisen – und von dort weiter nach Deutschland.

Einige der vielen Begegnungen mit den Flüchtlingen gingen dem Dietiker besonders unter die Haut. Etwa jene mit einem 14-Jährigen, der sich ganz alleine auf die Flucht begeben und seine Familie in Syrien zurückgelassen hatte. Dieser habe ihm davon erzählt, dass er sich unbedingt einer Familie oder einer Gruppe von Flüchtlingen anschliessen wolle, sagt Hauser. Der Grund: Jugendliche ohne Begleitung werden auf Kos oft vorsorglich ins Gefängnis gesteckt. «Ich habe gehört, dass einige von ihnen eineinhalb Tage lang nichts zu essen kriegten», so der Flüchtlingshelfer.

Flüchtlingsstrom bricht nicht ab

Auch wenn die Lage auf der Insel entspannter ist als noch im Juli, als innert weniger Wochen bis zu 60 000 Flüchtlinge dort ankamen, war das Flüchtlingshilfswerk froh um die vier Helfer aus der Schweiz. Noch immer halten sich auf Kos durchschnittlich um die 2000 Gestrandete auf. «Man versucht dort jetzt die Hilfestellungen in einer Art Tagesstruktur zu organisieren. Dafür blieb bislang schlicht keine Zeit», sagt Hauser. Der selbstständige Designentwickler erstellte neben seinen Einsätzen am Strand etwa eine Website für «Kos Solidarity», um den Spendentransfer und die Rekrutierung von Freiwilligen besser abwickeln zu können. Denn die Hilfsaktion müsse effizienter werden sagt er. «Der Flüchtlingsstrom wird nicht abreissen. Und viele Helfer müssen nun, da die Ferien vorbei sind, wieder zurück zur Arbeit», so Hauser.

So auch er und seine drei Vereinsmitglieder. Nach der Rückkehr will er nun möglichst schnell dafür sorgen, dass die gesammelten Hilfsgüter baldmöglichst nach Griechenland gelangen – diesmal wird für den gesamten Transport ein Schweizer Spediteur engagiert. Allerdings müssen erst einige Dinge aussortiert werden: «Als wir den Aufruf starteten, kamen auf Kos vor allem Familien an. Heute sind es fast nur noch Männer. Es braucht daher kaum mehr Spielzeug und nicht mehr so viele Hygieneartikel», so Hauser. Den Rest will der Verein wenn möglich der Zürcher Hilfsaktion «Tsüri hilft» übergeben. Diese versorgt an der Grenze zu Ungarn Flüchtlinge mit Hilfsgütern und betreut dort auch ganze Familien.