Bezirksgericht Dietikon
Vier Jahre Knast: Serbe stach zweimal mit dem Klappmesser zu

Im Club Frecce Tricolore in Dietikon stach ein Mann zweimal mit dem Klappmesser zu. Die Staatsanwältin forderte gestern vor Bezirksgericht sechseinhalb Jahre Freiheitsstrafe, der Verteidiger hingegen zwölf Monate bedingt.

David Egger
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Club Frecce Tricolore Dietikon
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Am 14. März, kurz nach 5 Uhr, kam es im Club zum verhängnisvollen Streit. Das Opfer wurde mit zwei Messerstichen verletzt: Einer durch den Oberarm, den anderen in den Rücken.
Der Club Frecce Tricolore (im Bild der Briefkasten) befand sich damals im Umbau. Deshalb sei wohl ein Handwerker-Klappmesser herumgelegen, sagte der Täter.
Während der Club Frecce Tricolore nicht sehr bekannt ist, ist es aber das Gebäude, in dem sich der Club befindet...
...denn auf der Vorderseite her ist die Liegenschaft vor allem für das Diga-Möbelhaus bekannt.

Club Frecce Tricolore Dietikon

Rund 1500 Kilometer südöstlich von Dietikon begann das Unglück: In Serbien trennte sich eine Frau von ihrem Freund, blockierte ihn auf allen sozialen Netzwerken und machte sich dann auf den Weg zu Bekannten im Limmattal.

Das liess der Mann nicht auf sich sitzen. Auch er reiste los. Am 13. März 2016 erreichte er Zürich. Ein Bekannter fuhr ihn zum Club Frecce Tricolore. Dort hielt sich die Ex-Freundin auf, zusammen mit mehreren weiteren Personen.

Der ungebetene Gast klopfte um 23.15 Uhr gegen die verschlossene Club-Türe. Am Ziel angekommen, stritt er sich mit seiner Ex-Freundin, verliess dann das Lokal und kehrte Stunden später zurück. Nun polterte er minutenlang gegen die Türe, bis man ihm schliesslich doch wieder Einlass gewährte.

Um 5 Uhr riss der Geduldsfaden

Es war nun 5 Uhr in der Früh, wieder kam es zum Streit zwischen dem Ex-Paar aus Serbien. Diesmal mischten sich zwei weitere Männer ein. Einer davon versetzte dem Gast Faustschläge gegen den Kopf. Das Opfer hob zum Selbstschutz den Arm. Dann passierte es: Der zweite Mann, ebenfalls Serbe, griff zum Handwerker-Klappmesser mit der acht Zentimeter langen Klinge.

Er stach zu – die Klinge flutschte vier Zentimeter durch den Oberarm hindurch. Dann stach der Täter drei Zentimeter tief in den Rücken des Opfers ein. Dort stiess die Klappmesserklinge zum Glück auf einen Brustwirbelkörper – sonst hätte sie tiefer eindringen können.
Der Mann mit dem Messer bugsierte das Opfer nun in den Korridor vor der Club-Türe. Der Faustschläger folgte den beiden und wollte weiter auf das Opfer einprügeln, wovon ihn der Mann mit dem Messer aber abhielt. Sie kehrten zurück in den Club.

Das Opfer schleppte sich nun über einen Kilometer weit, bis zum Limmat-Tower. Dort rief er einen Bekannten herbei. Er wurde ins Spital Limmattal gebracht.

Ein halber Liter Bourbon -Whiskey

Der Täter, noch im Club, liess sich von einem Verwandten abholen. Autofahren durfte er nicht mehr. Laut eigenen Angaben hatte er im Laufe des Abends einen halben Liter Jack-Daniel’s-Whiskey getrunken. «Normalerweise konsumiere ich keinen Alkohol, auch wegen der Religion, ich bin Moslem», sagte er am Dienstag vor Gericht. Das Handwerker-Klappmesser habe er von der Theke genommen. Wer es dort hinlegte, wisse er auch nicht. Es sei wohl dort gelegen, da damals ein Umbau des Clubs erfolgte.

Der Mann war seinem Opfer körperlich unterlegen und sah sich an besagtem Abend selbst in Gefahr. Den Gerichtsdolmetscher liess er übersetzen, dass er zum Messer gegriffen habe, um einen Ellbogen-Schlag des Opfers abzuwehren. «Er hat mich angegriffen, ich habe mich lediglich gewehrt», sagte er. An den Stich in den Rücken erinnere er sich nicht. Er wisse jetzt aber, dass sich das Opfer dort verletzt haben soll.

«Ihre Erinnerungslücken sind Schutzbehauptungen»

Sein Verteidiger Philipp Müller forderte einen Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand im Notwehr-Exzess – respektive 12 Monate bedingte Freiheitsstrafe. Die Staatsanwältin forderte sechseinhalb Jahre unbedingt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Das Gericht verurteilte ihn zu vier Jahren unbedingt. Für eine Notwehrsituation gebe es zu wenig Anzeichen.

Eine schuldausschliessende Alkoholisierung verneinte das Gericht, auch wegen eines Überwachungsvideos und eines Gutachtens. «Ihre Erinnerungslücken sind reine Schutzbehauptungen», sagte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher. Eine Enthemmung könne zwar attestiert werden. Der Täter habe aber bewusst gehandelt und den möglichen Erfolg des Tötungsversuchs in Kauf genommen. Zugute gehalten wurde ihm, dass es sich um Eventualvorsatz und nicht um direkten Vorsatz handelte und dass die Auswirkung auf das Opfer geringfügig war. Der Mann konnte das Spital nach einem Tag verlassen. Der Täter stellte sich zudem noch am Nachmittag nach der Tat der Polizei. Seither lebt er nunmehr ein Jahr hinter Gittern.

Bei guter Führung können die Strafvollzugsbehörden einen Drittel der Strafe erlassen; dann wäre er ab November 2018 ein freier Mann. Die Chance besteht: Bisher erhielt er nur gute Führungsberichte. Zudem wurde er im Arbeitsbetrieb des Affoltemer Gefängnisses zum Vorarbeiter befördert.

«Ich möchte mich entschuldigen und nur zu meiner Familie gehen», sagte der Familienvater vor dem Urteil. Er lebt seit den 90er-Jahren hier und war nicht vorbestraft. Bei den Angehörigen, die den Prozess verfolgten, flossen nach dem Urteil die Tränen.