Sie kamen in die Schweiz und wollten irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren. Doch viele Italiener, Portugiesen, Türken, Kroaten, Albaner und Serben schafften den Absprung nicht: Sie blieben, arbeiteten ihr Leben lang hier und kommen nun in ein Alter, in dem sie pflegebedürftig werden. Welche Probleme diese neue Lebenssituation für viele Senioren mit sich bringt, weiss Nusran Fera aus eigener Erfahrung als Pflegefachmann. Der gebürtige Mazedonier hat deshalb in Schlieren eine Privat-Spitex gegründet, die sich vor allem um pflegebedürftige Migranten kümmert.

«Als ich bei der Spitex der Stadt Zürich arbeitete, baten mich Kolleginnen und Kollegen immer um Hilfe, wenn sie einen Patienten aus Ex-Jugoslawien pflegen mussten», sagt Fera. Oft würden kulturelle Gewohnheiten zu Konflikten zwischen dem Pflegepersonal und ihren Klienten führen. So sei es bei Albanern und Serben etwa üblich, dass man die Schuhe ausziehe, wenn man die Wohnung betritt, erklärt der 36-Jährige: «Wenn man das bei einem Hausbesuch nicht berücksichtigt, kann sich eine Patientin oder ein Patient beleidigt fühlen. Damit sinkt automatisch auch die Kooperationsbereitschaft.»

Weil aufgrund der personellen Organisation bei der Zürcher Spitex nicht darauf geachtet werden konnte, dass Migranten möglichst von Pflegepersonal aus demselben Kulturkreis gepflegt werden, beschloss Fera, eine eigene Firma zu gründen. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich nicht von anderen Pflegeorganisationen: Die Angestellten der «Privat-Spitex Heimat» haben alle eine Schweizer Pflegefachausbildung absolviert, und die Krankenkassen tragen den allergrössten Teil der Pflegekosten der Klienten.

Die Pfleger sind meist Secondos

Doch bereits im Werbeprospekt dieser privaten Spitex wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Angestellten neben Deutsch entweder Italienisch, Portugiesisch, Türkisch Bosnisch, Albanisch oder Serbokroatisch sprechen. Sie haben fast alle selbst einen Migrationshintergrund, wie Fera sagt.

Ziel seiner Firma sei es, dass eingewanderten Senioren auch im Alter in ihrem Zuhause eine Heimat geboten werden könne. Dazu brauche es oft gar nicht viel: «Nur schon wenn unsere Mitarbeiter ihre Klienten in ihrer Muttersprache begrüssen, geht vielen das Herz auf. Es entsteht ein ganz anderes Vertrauensverhältnis als zu Pflegern aus anderen Kulturkreisen», erklärt er.

Doch müsste man nicht eher die Integration der Migranten in der Schweiz fördern, als ihnen mit solchen Angeboten zu ermöglichen, dass sie bis ins hohe Alter ein Leben ausserhalb der hiesigen Gesellschaft führen können? Fera verneint. Er, der in Einsiedeln aufgewachsen ist und heute in Schlieren lebt, ist überzeugt, dass seine Generation – jene der Secondos – im Alter kein Problem mehr damit haben werde, aus welchem Kulturkreis das Pflegepersonal stammt, das sie betreut. «Wir wurden in der Schule integriert und haben Freunde unterschiedlicher Herkunft. Unsere Eltern arbeiteten aber meist nur mit Landsleuten und anderen Migranten zusammen», sagt er. Das mache einen grossen Unterschied. Gerade religiöse Grundsätze könnten auch bei der Pflege der Secondos noch immer eine Rolle spielen, wie Fera erklärt. So stelle es für einige Muslime oder auch Juden beispielsweise eine Verletzung der Intimsphäre dar, wenn sie von einer Person des anderen Geschlechts gewaschen oder anderweitig gepflegt würden.

Damit seine Angestellten auch mit Riten und Gebräuchen anderer Glaubensgemeinschaften als ihrer eigenen vertraut sind, will sie der Firmengründer intern weiterbilden: Er werde in regelmässigen Abständen Imame, Rabbiner, Priester der orthodoxen Christen und Instanzen anderer Religionen einladen. «Von ihnen sollen meine Mitarbeiter lernen können, worauf sie im Umgang mit Gläubigen der jeweiligen Glaubensgemeinschaft achten müssen», sagt Fera.

Es gebe im Alltag von Pflegebedürftigen Notsituationen, etwa bei Stürzen, in denen kein Pfleger zur Verfügung stehe, der aus demselben Kulturkreis stammt. «In solchen Fällen sollten alle unsere Angestellten im Umgang mit den verschiedenen Religionsangehörigen entsprechende Kompetenzen mitbringen», sagt Fera. Darauf, dass in solchen unvorhersehbaren Situationen nicht die gewohnte Pflegeperson bei ihnen vorbeikommt, seien die Klienten vorbereitet. Bei der Bedarfsabklärung würde er immer darauf hinweisen, sagt der 36-Jährige: «Es stellte für die Senioren bisher nie ein Problem dar.»

Grosse Nachfrage in Schlieren

Dass die Privat-Spitex Heimat ihren Sitz in Schlieren hat, hängt nicht nur damit zusammen, dass Fera dort wohnt, wie er sagt: «In einer Stadt mit einem derart hohen Ausländeranteil, besteht eine grosse Nachfrage nach unserer Dienstleistung.» Als seine Firma vergangenen Oktober die Arbeit aufnahm, seien die ersten Interessenten aus der Schlieremer Bevölkerung gekommen. Heute betreuen Fera und seine vier Angestellten bereits zehn Klienten. Diese wohnen aber auch in der Stadt Zürich und den umliegenden Gemeinden. Derzeit verfügt die Privat-Spitex Heimat erst über die Betriebsbewilligung im Kanton Zürich. Doch der Wahlschlieremer würde sein Einzugsgebiet gerne ausdehnen: «Auch in Spreitenbach oder Neuenhof gibt es viele Migranten der ersten Generation, die froh wären, von jemandem mit demselben kulturellen Hintergrund gepflegt zu werden.»