Imam, Pfarrer und Vikar
Viele Wege führen zu Gott: Limmattaler Geistliche erzählen, wie sie zu ihrem Beruf gefunden haben

Die Beweggründe, wieso jemand zum Geistlichen werden will, sind vielfältig. Gemeinsam ist dem Limmattaler Imam, dem Pfarrer und dem Vikar ein frühes spirituelles Interesse und Talent. Sie verraten, wie sie als Kinder mit der Religion in Berührung kamen.

Ly Vuong
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Gottes Wegen

Gottes Wegen

Ly Vuong

Im ehemaligen Kloster kam die Eingebung

Raffael Sommerhalder: Der 25-jährige Vikar der reformierten Kirche Bergdietikon will Pfarrer werden, obwohl es nicht cool ist.

Die reformierte Kirche in Bergdietikon macht einen eher nüchternen Eindruck – damit nicht zu viel von den Worten des Herrn ablenkt. «Meine Berufung ist die Verkündigung des Evangeliums», sagt der 25-jährige Vikar Raffael Sommerhalder. Sein Beruf zwinge ihn, kritisch zu bleiben und zu fragen, was zum Evangelium gehöre und was nicht. Das heisse auch, den Zeitgeist nicht einfach bedingungslos gutzuheissen, sondern ihn immer wieder zu hinterfragen. Dass der Zeitgeist nicht zwingend dem Evangelium entspreche, habe das letzte Jahrhundert Europas gezeigt, so Sommerhalder.

Er sei verpflichtet, den Zeitgeist zu hinterfragen, sagt Raffael Sommerhalder.

Er sei verpflichtet, den Zeitgeist zu hinterfragen, sagt Raffael Sommerhalder.

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Als angehender Pfarrer versuche er, seiner Gemeinde die Perspektive von Glauben, Hoffnung und Liebe aufzuzeigen. «Während meines Theologiestudiums an den Universitäten Zürich und Claremont habe ich eine grosse Bandbreite an theologischen Meinungen kennen gelernt», sagt der Vikar aus dem Aargau. Darüber, wie sich die Vorstellungen von einem gottgefälligen Leben gewandelt haben und wie die Bibel verstanden werden kann, spreche man ebenfalls in seiner Ausbildung. «Die Worte in der Bibel an sich sind symbolisch. Als Theologe implementiere ich sie im konkreten Alltag der Leute», sagt er.

Als Sohn einer reformierten Mutter und eines katholischen Vaters wurde Sommerhalder vor allem christlich erzogen. Seine Grosseltern mütterlicherseits seien sehr fromm und hätten ihn im Glauben nachhaltig geprägt. Der Grossvater wollte ursprünglich Pfarrer werden. Doch dessen Vater verlor durch eine Bürgschaft viel Geld, sodass der Sohn schliesslich als Oberrichter sein Brot verdiente. Trotzdem gründete der Grossvater zusammen mit seiner Frau eine Bibelgruppe in der Nachbarschaft. Als Kind in der Warum-Frage-Zeit konnte Sommerhalder ihnen viele Fragen zur Bibel, zum Glauben und zu Gott stellen.

Schöner Innenhof als Paradies

«Die Geschichte der Sturmstillung hat mich sehr beeindruckt als Kind», erinnert er sich. Jesus Christus schlief mitten auf einem See im Boot ein, während seine Jünger wach blieben. Als ein Sturm aufkam, weckten sie ihn. Jesus stillte den Sturm, sagte aber auch, dass man ihn nicht hätte wecken müssen, wenn man Vertrauen in ihn gehabt hätte. Die Geschichte stehe auch symbolisch für ein Grundvertrauen im Leben, dass es gut kommt, erklärt Sommerhalder, der im ehemaligen Kloster Wettingen ins Gymnasium ging. Im Gymnasium reifte auch sein Entschluss, Theologie zu studieren. Viel Zeit hat er im Kreuzgang des Klosters verbracht. Der Kreuzgang ist der schöne Innenhof des Klosters, der das Paradies symbolisiert. Dort hat Sommerhalder jeweils seine Anliegen mit Gott besprochen und über das Leben nachgedacht. «Während einer meiner Spaziergänge im Kreuzgang wurde mir auf einmal bewusst, Theologie muss mein Leben sein», erzählt Sommerhalder. Dass dieser Berufswunsch nicht cool sei, habe er an den Reaktionen seiner Mitschüler gemerkt. Doch er folgte seiner Berufung.

Dank einem Stau wurde er Imam

Cengiz Yükseldi: Der 53-jährige Imam der Islamischen Gemeinschaft Dietikon wollte als Kind eigentlich Pilot werden.

Die Moschee der Schweizerischen Islamischen Gemeinschaft Dietikon an der Bergstrasse ist mit Teppich ausgelegt. Man spürt eine rituelle Stimmung, wenn man sie betritt und die Schuhe beim Eingang abzieht. Im Gebetsraum hängen an der Wand grosse arabische Schriftzeichen. «Ich machte die Not zur Tugend», antwortet der 53-jährige Cengiz Yükseldi auf die Frage, weshalb er die Rolle des Imams in seiner Gemeinschaft innehat.

Als vor zehn Jahren der Vorbeter aufgrund eines Autostaus dem Freitagsgebet fernblieb, entschied sich Yükseldi kurzerhand, die Ansprache zu halten. Worüber er sprach, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Nervös sei er gewesen, das weiss der Dietiker noch. «Ich sagte zu meinen Kollegen, schaut mich bitte nicht direkt an», erzählt er und lacht.

Cengiz Yükseldi beim Beten – hier tankt der Imam Kraft für seine Aufgaben in der Gemeinschaft.

Cengiz Yükseldi beim Beten – hier tankt der Imam Kraft für seine Aufgaben in der Gemeinschaft.

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Das Vorbeten am Freitagsgebet sei am schwierigsten. Man betet nicht nur vor, sondern hält auch eine Ansprache zum aktuellen Geschehen in der Region und der Welt. Diese Aufgaben erfüllt normalerweise ein ausgebildeter Imam. Da die seit 1991 bestehende Islamische Gemeinschaft Dietikon nicht genug Geld für einen professionellen Geistlichen hat, übernehmen verschiedene geeignete Laien diese Rolle.

«Mittlerweile bin ich Präsident, Imam, Seelsorger, Freund und Kollege in unserer Gemeinschaft», fasst Yükseldi seine Funktionen zusammen. Schon früh wurde Yükseldi Seelsorger und Freund: Als Kind war er Ansprechperson für andere Kinder, die mit ihren Problemen zu ihm kamen. Bereits damals habe er lösungsorientiert beraten. Mittlerweile hat er einen Seelsorger-Kurs bei der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich absolviert. Der Kurs sei eine Art psychologische Weiterbildung, die Verständnis und Geduld schule.

Schon als Kind war er Berater

Im Alter von sieben Jahren besuchte er die Koranschule. Am besten in Erinnerung blieb ihm aus dieser Zeit die Geschichte von Abraham und Ismael. Dass man aus Hingabe zu Allah bereit wäre, den eigenen Sohn zu opfern, prägte sein Bild vom Glauben. Aber auch der Lehrer und Imam habe ihn beeindruckt, weil dieser so viel wusste und über gute Umgangsformen verfügte. Trotzdem war sein Berufswunsch Pilot.

Als 11-Jähriger kam er mit seiner Familie aus der Türkei in die Schweiz. Hier arbeitete er als Lastwagenfahrer und zog nach Dietikon. «In den 1990er-Jahren vermisste ich eine Koranschule in Dietikon. Deshalb fing ich an, mich autodidaktisch weiterzubilden», erinnert sich der Vater von fünf erwachsenen Kindern. Er begann die Ilmihal-Schriften zu studieren. Diese seien an die gegenwärtige Gesellschaft angepasste Verhaltensregeln. Besonders wichtig ist ihm auch der Kontakt zu anderen Glaubensgruppen: «Das Vermitteln zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der westlichen Gesellschaft ist eine verantwortungsvolle Aufgabe», hält Yükseldi fest, der seit 1998 eine Reinigungsfirma führt.

Die Kindheit im Lepra-Zentrum prägte ihn

Willy Mayunda: Der 52-jährige Pfarrer der katholischen Kirche Engstringen wollte schon als Kind Priester werden.

Der Duft von Weihrauch schwebt noch in den Räumen der katholischen Kirche St. Mauritius in Oberengstringen. «Meine Familiengeschichte war zentral für meine Berufswahl», sagt der 52-jährige Pfarrer Willy Mayunda, der in Kongo Theologie und Philosophie studiert hat. In Kongo könnten nur Privilegierte ein Priesterseminar besuchen. Dieses sei einerseits Gymnasium und andererseits Universität. Schon sein Grossonkel väterlicherseits, Joseph Kasavubu, habe am Priesterseminar in Kongo Philosophie, Latein und Griechisch studiert. Doch wie das Leben so spielte, wurde Kasavubu nicht wie beabsichtigt Priester, sondern erster Präsident der Demokratischen Republik Kongo.

Der Beruf als Hoffnungsschimmer

«Mein Vater und seine Brüder besuchten ebenfalls das Priesterseminar, aber auch sie änderten ihren Lebensweg, um Gott anders zu dienen», erzählt Mayunda. Obwohl sein Vater mithilfe seines Onkels eine politische oder kirchliche Karriere hätte machen können, leitete er lieber ein Lepra- und Tuberkulose-Zentrum, welches zuvor von belgischen Missionaren geführt wurde. Da das Zentrum etwas abgelegen lag und schlecht erschlossen war, konnten Priester nicht regelmässig zum Gottesdienst kommen.

Im Auftrag des Bischofs führte der Vater Wort-Gottesdienste im Zentrum durch und Mayunda durfte bei seinem Vater ministrieren. «Viele Studienkollegen meines Vaters sind Priester geworden, die bei uns ein- und ausgingen», erinnert er sich.

Willy Mayundas Grossonkel, Joseph Kasavubu, war der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo.

Willy Mayundas Grossonkel, Joseph Kasavubu, war der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo.

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Als Kind habe er die Priester gefragt, was sie machten und wie sie lebten. Diese antworteten ihm, sie verbreiteten in der ganzen Welt das Evangelium, die frohe Botschaft der Liebe, des Friedens, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit. Dem neugierigen Kind, das im Zentrum von Ausgestossenen und Kranken lebte, erschien der Beruf des Priesters als Silberstreifen am Horizont.

Mayunda strengte sich an und qualifizierte sich im Alter von zwölf Jahren als einer der zwei Klassenbesten fürs Priesterseminar. Am Ende des Gymnasiums hatte der damals 18-Jährige ein klares Bild von Gott. «Gott ist Liebe und Liebe ist die beste Macht der Welt», sagt der kongolesische Pfarrer. Würden alle richtig lieben, wie Gott es wollte, dann gäbe es keine Gewalt, keinen Hass und keinen Egoismus, so Mayunda. Als Pfarrer sei er Botschafter des Evangeliums.

Nach seiner Priesterweihe 1989 arbeitete er zehn Jahre in seiner Heimatstadt Boma und ging 1999 nach Deutschland, um zu promovieren. Seit Anfang Jahr ist er nun Pfarrer der katholischen Kirche in Oberengstringen. «Ein Teil meines Berufs ist Predigen. In Kongo fordere ich die Leute zum Teilen auf, weil es bei der Grundversorgung der Schwächsten grosser Verbesserungsbedarf herrscht. Hier in Oberengstringen leiden die Schwächsten hingegen unter Ausgrenzung und Einsamkeit», sagt er.

Mangel nicht akut

Persönliche Beziehungen helfen bei der Rekrutierung von geistlichem Nachwuchs.

Nachwuchs für den Beruf des Geistlichen zu rekrutieren, ist für die Religionsgemeinschaften in der Schweiz eine knifflige Angelegenheit. Sara Stöcklin, die für das Marketing des Pfarrberufs bei der reformierten Landeskirche Zürich verantwortlich ist, sagt, dass früher öfter auch Jugendliche ohne engen Bezug zur Kirche ein fachliches Interesse hatten, sich mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen. Heute brächten wenige dieses Interesse mit einem Theologiestudium in Verbindung. Umso wichtiger ist deshalb, den Zugang zu neuem Personal zu finden.

Dieser Zugang ist insbesondere über persönliche Beziehungen möglich, so der Grundtenor der Gemeinschaften. Plakatwerbung nütze wenig, sagt Stöcklin. Die reformierte Landeskirche setze deshalb auf Schnupperangebote und persönliche Begegnungen. 2015 gab es erstmals auch ein Quereinsteigerprogramm, das Akademiker zu Pfarrer ausbildet.
Önder Günes, Mediensprecher der Schweizerischen Islamischen Gemeinschaft, sagt, dass Imame hauptsächlich über gegenseitige Empfehlungen gefunden werden. Mit der Zeit bilde sich ein Pool an geeigneten Imamen.
Eine Hürde der Rekrutierung liegt bei den hohen Anforderungen, die der Beruf als Geistlicher mit sich bringt. «Neben einer soliden Ausbildung sind bei Imamen zusätzlich die Kenntnis der Landessprache und der Rechts- und Wertetradition der Schweiz wichtig», betont Günes. Auch Stöcklin sagt, dass ein Studium in Kauf genommen werden muss.

Eine Studie, die von der reformierten Landeskirche in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass die Maturanden keinen Bezug zum Pfarrberuf haben. Sie wissen nicht, was der Pfarrberuf ist, obwohl laut Stöcklin die Wünsche an eine zukünftige Arbeitsstelle mit dem Pfarrerberuf sehr gut übereinstimmen. Vielfach herrsche die falsche Vorstellung vor, dass eine bestimmte Art von Religiosität nötig ist, um Pfarrer zu werden.

Wie Stöcklin sagt, kann höchstens die Spitze des Personalmangels durch das Quereinsteigerprogramm gebrochen werden. Die Studienzahlen seien eher tief, aber keineswegs rückläufig. Auch die Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen, dass die Anzahl Absolventen eines Theologiestudiums in den vergangenen Jahren stabil sind.

Von einem Priestermangel zu sprechen, sei falsch, sagt auch Martin Rohrer, Leiter des katholischen Priesterseminars in Chur: «Es gibt weniger Priester, aber es gibt auch weniger Gläubige.» Das Verhältnis sei heute etwa gleich wie vor dreissig Jahren. (Thomas Mathis)