Uitikon
Victor Gähwiler: Der Kapitän nimmt den Hut

Er war 24 Jahre lang Gemeindepräsident von Uitikon. Mit seinem Abschied möchte Victor Gähwiler jedoch kein Aufsehen mehr erregen.

Alex Rudolf
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Blumen zum Abschied an der "Gmeind".
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2010: Ein dunkles Jahr für die Uitiker Exekutive.
Victor Gähwiler
2003: Lässt Mitarbeitern grosse Freiheit.
2004: Zwölf Jahre im Amt.
2006: Er leitete rund 560 Gemeinderatssitzungen.
2002: Kein Fan der 1.-August-Feierlichkeiten.

Blumen zum Abschied an der "Gmeind".

zvg

Eine minutenlange, stehende Ovation war der Lohn des abtretenden Uitiker Gemeindepräsidenten Victor Gähwiler, nachdem er heute vor einer Woche seine letzte Gemeindeversammlung geleitet hatte. Dass ihm frenetisch zugejubelt wurde, dürfte ihm wohl eher unangenehm gewesen sein. Denn er ist kein Mann der Inszenierungen, rang seinen Gemeinderatskollegen im Vorfeld das Versprechen ab, keine grosse Sache aus seinem letzten Auftritt zu machen.

Auch der Limmattaler Zeitung verweigerte Gähwiler ein Abschiedsgespräch mit dem Verweis, dass er das Rampenlicht nicht mehr suche. An der Gemeindeversammlung richtete er einige wenige Worte an die Anwesenden, ohne jemals Gefahr zu laufen, ins Sentimentale oder gar Nostalgische zu verfallen: «Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit», sagte er mit einem Augenzwinkern.

27 Gemeinderäte und 7400 Geschäfte

Victor Gähwiler (FDP), geboren 1949, verheiratet, ist Vater dreier erwachsener Kinder. Dem Lehrerseminar hängte Gähwiler das heilpädagogische Seminar an und machte im Anschluss die Heimleiterausbildung. Er kam 1987 nach Uitikon und übernahm die Direktion der kantonalen Arbeitserziehungsanstalt (heute Massnahmenzentrum Uitikon). Im Jahr 2000 wechselte er die Stelle und wurde Chef über die Zürcher Bezirksgefängnisse. Er amtet seit 1990 als Uitiker Gemeinderat. 1992 wurde er zum Gemeindepräsidenten gewählt. In seiner Zeit in der Uitiker Exekutive lernte Gähwiler rund 27 Gemeinderatsmitglieder kennen und verabschiedete den Grossteil davon auch. Er absolvierte über 560 Sitzungen des Gemeinderates und war an 7400 Geschäften beteiligt. (aru)

Dabei hatte Gähwiler im Jahr 1992 um ein Haar auf eine Kandidatur für das frei werdende Gemeindepräsidium verzichtet, wie sich sein FDP-Parteikollege Hans Mathis erinnert: Mathis sass einer Findungskommission der Ortspartei ein, die auf der Suche nach einem valablen Kandidaten für den abtretenden Gemeindepräsidenten Martin Wernli war. «Mir wurde schnell klar, dass er das Potenzial dazu hat», erinnert sich Architekt Mathis. Weil der damals 43-jährige Gähwiler zum Zeitpunkt der Wahl erst seit knapp zwei Jahren Mitglied der Exekutive war, rechnete er sich jedoch keine grossen Chancen auf einen Sieg aus.

Das Ehepaar Mathis lud den Hoffnungsträger und dessen Frau zu sich zum Abendessen ein, mit dem erklärten Ziel, am Ende des Abends eine Zusage zu erhalten. «Die Gemeinde braucht jemanden, der zukunftsgerichtet ist. Du bist der richtige Mann und es ist der richtige Zeitpunkt», habe er gesagt, erzählt Mathis. Gähwiler sagte zu.

Kein typischer Freisinniger

Der heute 67-jährige Gähwiler sei nie ein typischer Vertreter des Zürcher Freisinns gewesen. Da der Sonderpädagoge jahrelang als Direktor der Arbeitserziehungsanstalt Uitikon (das heutige Massnahmenzentrum MZU) fungierte, sei er auch mit Randständigen in Kontakt gewesen und nicht nur mit der wirtschaftlichen und politischen Elite, so Mathis.

Im Jahr 2000 wechselte Gähwiler die Stelle und wurde Direktor der Zürcher Bezirksgefängnisse, die er bis Ende 2013 führte. Die Abwechslung zwischen der Gefängniswelt und dem Gemeindeleben reizte ihn. In einem Interview mit der Limmattaler Zeitung brachte er es 2001 auf den Punkt: «In meiner Branche ist die Gefahr gross, den Bezug zur Normalität zu verlieren. Das Amt hilft mir, zu erkennen, was ‹draussen› läuft.»

Zurück zur Gemeindepräsidentenwahl: Nur eine Woche nachdem Gähwiler seine Kandidatur bekannt gegeben hatte, hob auch die SVP-Ortspartei einen Kandidaten auf den Schild. Es war Gemeinderatskollege Emil Bosshard, der am Wahltag jedoch das Nachsehen hatte. Dabei hatte sich Bosshard als «Einheimischer» durchaus Chancen auf einen Sieg gegen den «Zugezogenen» ausgerechnet: «Dass ich gegen Victor unterlag, hat mich überrascht.

Unsere Zusammenarbeit im Gemeinderat war im Anschluss aber immer sehr respektvoll», erinnert sich Bosshard. Sein Amt habe Gähwiler in den vergangenen zwei Dekaden sehr gut ausgeführt und stets souverän durch die Gemeindeversammlungen geführt. «Als Gemeindepräsident ist man exponiert. Kritiker sind immer da – das kann anstrengend sein.» Mehrmals sei er während seiner Zeit als Vizepräsident am Nationalfeiertag für Gähwiler eingesprungen und habe die Dorfbewohner und Festredner begrüsst, sagt Bosshard. «Victor sagte mir jeweils, dass ich viel besser sei in dieser Art von Ansprachen als er selber.»

Obwohl der ehemalige Gemeindeschreiber Kurt Neeser nur gerade zwei Jahre unter Gemeindepräsident Gähwiler diente, blieb ihm so einiges in lebhafter Erinnerung. So sei Gähwiler von Anfang an bestrebt gewesen, die Verwaltungsprozesse kennen zu lernen: «Ihm war bewusst, dass man ein System nur verbessern kann, wenn man es sehr gut kennt.» Diesem System verlieh Gähwiler während seiner Zeit als Präsident einige Neuerungen.

So unterstrich Markus Hoppler (CVP), Finanzvorstand und Anwärter auf das Präsidentenamt, am vergangenen Mittwoch Gähwilers Streben nach Effizienz. Er habe nicht nur veranlasst, dass der Gemeinderat nicht mehr wöchentlich, sondern alle zwei Wochen tage. Auch die Zusammenarbeit unter den verschiedenen Exekutivmitgliedern wollte er optimieren. «Wir alle kennen Victor Gähwiler als jemanden, der immer die richtigen Worte findet. Dies sind manchmal humorvoll und manchmal auch bestimmt», so Hoppler.

Gähwiler habe keine Mühe, bei Fehlern geradezustehen und sich Asche aufs Haupt zu streuen. Eines der markantesten Beispiele dafür trug sich im Jahr 2010 anlässlich eines Nachtragskredits zur Sanierung des Hallenbades zu. Dieser betrug knapp 290 000 Franken und wurde an der damaligen Rechnungsgemeindeversammlung von den Stimmberechtigten einstimmig genehmigt. Wie die Limmattaler Zeitung damals berichtete, fand Gähwiler klare Worte: «Zwar sind wir mit einem blauen Auge davongekommen, doch hat der Gemeinderat auf allen Ebenen versagt.»

Zurück zum Bodensee

Einer, der Gähwiler so gut kennt, dass sich die beiden oft nur mit Blicken austauschen können, ist sein langjähriger Mitarbeiter, Gemeindeschreiber Bruno Bauder. Seit über zwei Jahrzehnten prägen die beiden Männer Uitikon. Während dieser Zeit hätten sich Streitereien an einer Hand abzählen lassen, wie Bauder auf Anfrage sagt. «Ich schätze, dass Victor Gähwiler seinen Angestellten viel Freiheit gibt und nicht jedes Komma diktiert, sondern einen Blick fürs grosse Ganze hat.» Gähwiler sei ein natürlicher Leader, eine Respektsperson, die das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommen lasse, so Bauder. Er ist zuversichtlich, dass auch Gähwilers Nachfolger – ob es Markus Hoppler (CVP) oder Chris Linder (FDP) sein wird, entscheidet sich am 5. Juni – hervorragende Arbeit leisten wird. Mit Bauder zusammenarbeiten wird er jedoch lediglich für ein Jahr, da dieser Mitte 2017 ebenfalls in Pension gehen wird.

Was kommt für Victor Gähwiler als Nächstes? Nach seinem Rücktritt wird er wieder zurück in die Ostschweiz ziehen, zurück zu den Wurzeln. Dort kann er seinem grössten Hobby, der Nautik, frönen. So wünscht ihm Bauder, dass er seinen Lebensabend auf seinem Boot auf dem Bodensee geniessen kann. «Dann ist er nicht mehr Uitikons Kapitän oder jener einer Institution, sondern lediglich der seines Bootes.»