Limmattal
Verzweifelter Kampf gegen den Hauptfeind der Förster: den Borkenkäfer

Der Borkenkäfer frisst sich durch die Limmattaler Wälder. Hitze, Dürre und ausgebuchte Sägereien helfen ihm dabei.

Leo Eiholzer
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Verzweifelter Kampf gegen den Käfer
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 Hier haben die Forstwarte 30 Kubikmeter Holz gefällt.
 Die Käfer-Larven hinterlassen ein schaurig schönes Muster.

Verzweifelter Kampf gegen den Käfer

Leo Eiholzer

Roland Helfenberger fährt in seinem silbernen Geländewagen mit der Aufschrift «Revierförster Limmattal-Süd» über eine Waldstrasse auf einem Hügel über dem Waffenplatz Birmensdorf. Auf Urdorfer Gebiet bremst er und zeigt auf eine Fichte, die mindestens 20 Meter misst. Der Baum sieht ungesund aus: Seine normalerweise grünen Nadeln sind braun, und tausende davon hat er schon abgeworfen. Es wirkt, als wäre Herbst. Doch die Hitze erinnert daran: Nein, es ist mitten im Sommer. «Diese Fichte ist stark gestresst. Sie hat wegen der Dürre nicht genug Wasser», sagt Helfenberger. «Da hat der Borkenkäfer leichtes Spiel.»

Diese Käferart ist der Hauptfeind der Förster in diesem historisch warmen und trockenen Sommer. Je heisser die Temperaturen, desto schneller wächst der Borkenkäfer. Ausserdem sind die Bäume vom Wintersturm Burglind ohnehin geschwächt – und es liegen von damals noch gefällte Baumstämme herum, die jetzt ideale Brutstätten darstellen. Dazu kommt, dass die Bäume wegen der Dürre viel zu wenig Wasser haben. Die Fichte ist besonders betroffen, weil ihre Wurzeln nicht so tief in den Erdboden reichen und sie deshalb weniger gut an Wasser kommt.

So geschwächt, kann sich die Fichte weniger gut gegen den Käfer wehren. Dieser legt seine Eier in die Bäume ab. Die Larven ernähren sich vom Gewebe des Baumes und fressen sich quer durch das Holz. Dabei kappen sie die Verbindung der Baumkrone zu den Wurzeln; der Baum kann kein Wasser mehr nach oben transportieren und stirbt ab.

«So ein Gutsch bringt nichts»

An diesem Morgen ist der Boden feucht. Am Abend zuvor hatte es über dem Limmattal gewittert. Das löst die Birkenkäfer-Probleme aber nicht: «So ein Gutsch bringt nichts. Der Regen verdunstet sofort wieder», sagt Helfenberger. Es bräuchte einige Tage Regen, der die Luftfeuchtigkeit ansteigen lässt. «Dann würden die Larven der Borkenkäfer vom Pilz befallen.» Das verkleinert die Käferpopulation und dämmt die Plage ein.

Momentan bleibt das ein frommer Wunsch. Helfenberger, der in seinem Wohnort Aesch für die SVP im Gemeinderat sitzt, stellt seinen Wagen an den Strassenrand und sieht sich die ungesund aussehende Fichte näher an. Am Stamm liegt eine dünne Schicht Holzstaub. Für Laien ist sie kaum wahrnehmbar. «Bohrmehl», sagt Helfenberger knapp. Dieses zeigt an: Mehrere hundert Käfer leben wohl schon in der Fichte. Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Denn jeder vom Käfer befallene Baum muss gefällt werden. Wenn Helfenberger und seine Forstwarte die befallen Bäume nicht «rüsten» würden, wie es im Förstersprech heisst, würden sie rEin paar hundert Meter von der sterbenden Fichte entfernt liegen mindestens 20 Stämme ihrer Artgenossen auf dem Waldboden, die die Forstwarte bereits gefällt haben. «Das hier war ein Borkenkäfer-Nest», sagt Helfenberger, als er mitten in dutzenden Fichtenästen steht, die noch am Boden liegen. Rund 30 Kubikmeter an Holz rüsteten die Forstwarte hier. In Aesch, das wie Urdorf, Birmensdorf, Uitikon und Schlieren zu Helfenbergers Forstrevier gehört, sei es noch viel schlimmer – dort mussten 300 Kubikmeter an Holz geschlagen werden.

Limmattaler Holz geht nach Italien

Es wäre wichtig, die gefällten Stimmen schnell aus dem Wald zu bringen, um die Käferplage einzudämmen. Es gibt aber ein Problem. Helfenberger sagt: «Die Sägereien sind voll. Sie nehmen uns im Moment kein Holz ab.» Der Wintersturm Burglind hat den Verarbeitern schon mehr als genug Holz gebracht. Trotz Zollformalitäten, mit denen er sich selbst herumschlagen muss, exportiert Helfenberger die Limmattaler Fichtenstämme deshalb nach Italien.

Dadurch muss er einen tieferen Preis in Kauf nehmen. Der italienische Abnehmer bezahlt rund 50 Franken pro Kubikmeter. Der Schweizer Preis liegt bei 70 bis 80 Franken für dieselbe Menge. Für Waldbesitzer wie Holzkorporationen ist das nicht so leicht wegzustecken. «Der Unterhalt für die Waldstrassen und andere Kosten sinken ja nicht. Bei einem solchen Borkenkäfer-Befall kann man froh sein, wenn man knapp mit einer schwarzen Null rauskommt», sagt Helfenberger. Trotz des tiefen Preises hält er es für das Beste, den Export zu wagen und nicht zu warten, bis die Schweizer Sägereien wieder Holz kaufen, wie es andere Förster machen. «Die Gefahr ist gross, dass die Preise dann noch mehr abstürzen, weil viel Holz auf den Markt kommen wird», sagt Helfenberger.

Aus dem Käfer-Holz werden noch Häuser gebaut. Helfenberger: «Auf die Tragfähigkeit und Stabilität hat der Käfer keinen Einfluss.» Aber für Aussenwände und andere sichtbare Teile des Gebäudes sollte man es nicht verwenden. Weil der Käfer einen Pilz mit sich trägt, verfärbt sich das Holz bläulich.

Helfenberger ist über die grossen Verluste, die er hinnehmen muss, nicht überrascht. Im Gegenteil sogar: «Ich bin viel mehr erstaunt, dass es erst jetzt so weit ist. Ich hätte die Käfer schon im Mai erwartet.» Der Winter war mild, der Wintersturm Burglind schwächte den Wald und der April war deutlich wärmer als sonst. «Doch es blieb ruhig. Warum, weiss ich auch nicht genau», sagt Helfenberger.

Der grosse Frust

Dass seine Fichten nun doch befallen sind, ist für ihn als Förster «ein grosser Frust.» Währenddessen stützt sich Helfenberger an einem grossen Baum ab, der ebenfalls vom Borkenkäfer befallen ist und sagt: «Generationen von Förstern haben diese Fichte gehegt und sich Mühe gegeben. Ich wünschte, man könnte sie unter anderen Umständen und mit einem besseren Ertrag fällen.»

Der Frust wird wohl noch anhalten. Helfenberger sagt: «Ich denke, wir haben mit den etwas über 300 Kubikmetern noch nicht einmal die Hälfte davon gefällt, was wir werden fällen müssen.» Der Käfer könnte das Fällen von Holz im vierstelligen Kubikmeter-Bereich nötig machen.

«Ich gehe davon aus, dass die Fichte langfristig aus dem Limmattal verschwindet.»

Roland Helfenberger, Revierförster Limmattal-Süd

Auch in der ferneren Zukunft sieht es nicht besser aus. Mindestens für die Fichte. Sie ist ursprünglich im Limmattal nicht heimisch und wurde aus dem Gebirge importiert, weil sie für die Waldbesitzer finanziell attraktiv war. «Ich gehe davon aus, dass die Fichte langfristig aus dem Limmattal verschwindet», sagt Helfenberger. «Weil die Fichte bei Dürre und Borkenkäferbefall so anfällig ist, schwenken wir auf andere Baumarten wie zum Beispiel die Eiche oder die Douglasie um. Das ist aber ein Prozess, der Generationen dauert.»