Die Bergdietiker haben am Sonntag einen Rekord aufgestellt, genauer gesagt einen Negativrekord: Nicht einmal zwei Prozent der Wähler sind noch selbst ins Gemeindehaus gegangen, um ihre Gemeinderäte zu wählen. Nur sechs Stimmbürger haben den Wahlzettel persönlich in die Urne geworfen. Die übrigen 440 Wähler haben ihre Couverts in den Briefkasten geworfen. Ist die Zeit der Wahllokale vorbei?

Zwar ist Bergdietikon ein Extremfall. Seit Jahren besucht kaum ein Stimmbürger das Wahllokal: 96 Prozent hatten jeweils brieflich abgestimmt, bereits bevor die Gemeinde 2011 die Öffnungszeiten des Stimmlokals auf das gesetzliche Minimum reduzierte. Sonntags ist das Gemeindehaus nur noch von 9 bis 9.30 Uhr geöffnet. Überraschend kam die geringe Besucherfrequenz für Gemeindeschreiber Patrick Geissmann deshalb nicht. «Man hat davon ausgehen können.»

Um die 90 Prozent Briefe

Trotzdem: Im ganzen Limmattal neigt sich die Zeit dem Ende zu, als man am Wahlsonntag noch ins Stimmlokal ging. 1994 führte der Kanton Zürich die briefliche Stimmabgabe ein, 2004 stimmten in kleinen ländlichen Gemeinden zwischen 30 und 50 Prozent der Wählenden brieflich ab, in den Städten waren es zwischen 60 und 80 Prozent. Die Zahl der brieflich Stimmenden hat seither nochmals klar zugenommen, in allen Limmattaler Gemeinden sind es heute deutlich mehr: Bei den Eidgenössischen Volksabstimmung diesen Juni gingen in Oetwil 7,4 Prozent persönlich an der Urne, in Aesch 9,5 Prozent und in Uitikon 9,8 Prozent. In Dietikon geben im Schnitt 14 Prozent ihre Stimme im Wahllokal ab, zehn Prozent am Sonntag, vier am Samstag. Im tiefen einstelligen Bereich befinden sich generell die Stimmabgaben auf den Gemeindekanzleien.

Immer weniger geöffnet

Die Konsequenz sind Schliessungen der Wahllokale: Am Samstagabend ist das Wahllokal in Uitikon seit längerer Zeit nicht mehr geöffnet. Dietikon hat das Wahlbüro nur noch am Samstag- und Sonntagmorgen geöffnet, den Samstagabend hat die Stadt gestrichen. Und auch die Stadt Zürich hat im Juni 12 ihrer 62 Stimmlokale geschlossen. Mehrere Stimmlokale gibt es allerdings nur noch in den wenigsten Gemeinden.

Von der Kirche zur Urne

Wer kommt denn noch in die Wahllokale? «Eine eher ältere Generation», sagt der Bergdietiker Gemeindeschreiber Patrick Geissmann. «Jungbürger sind eher selten.» Es komme dafür aber vor, dass frisch eingebürgerte Wähler ihre ersten Abstimmungen persönlich an der Urne tätigen.

Der Uitiker Gemeindeschreiber Bruno Bauder beobachtet, dass die Stimmabgabe an der Urne für zahlreiche Leute ein besonderes Ritual geblieben ist. «Einige kommen jeweils von der Kirche, andere gehen noch beim Bäcker einkaufen.» Zwar komme «eher die ältere Hälfte der Stimmbürger», ab und zu sei es aber auch der junge Papi, dessen Sohn oder Tochter den Zettel in die Urne werfen darf. Die frühe politische Bindung könnte dafür sorgen, dass die Tradition vielleicht auch in Zeiten des E-Votings weiterleben wird. Keine angefragte Gemeinde kann sich vorstellen, dass die Wahllokale dereinst nicht mehr geöffnet werden könnten.