Dietikon

Verletzte, Verschüttete, defekte Wasserversorgung: Zivilschutz probt den Ernstfall

Die Angehörigen der Zivilschutzorganisation Region Dietikon standen gestern Dienstag im Einsatz: Rund 140 Zivilschützer wurden per SMS zur Grossübung «Riforma» aufgeboten.

«Notwasserabgabe» steht auf mehreren Hinweisschildern auf dem Kirchplatz. Ein grosses Zisternenfahrzeug ist am Rande parkiert, drei Wasserleitungen führen von diesem zu je einem Gestänge mit zehn Wasserhähnen. Rundherum stehen am Dienstagnachmittag Zivilschützer, die an Passanten Trinkbecher voller Wasser abgeben, und auch gleich auf Gratis-Würstchen aufmerksam machen.

Die Angehörigen der Zivilschutzorganisation Region Dietikon stehen im Einsatz, weil sich gestern am frühen Morgen im Raum Reppischtal ein schweres, lokales Erdbeben ereignet hatte: Gemäss Anlage der Zivilschutz-Übung «Riforma» war dieses zwar auch in Dietikon spürbar, doch blieben hier – anders als etwa in Schlieren und Birmensdorf – sichtbare Schäden gemäss ersten Erkenntnissen aus.

Das Kader der Zivilschutzorganisation Region Dietikon wurde gestern um 6.15 Uhr alarmiert. Dieses bot kurz dar­auf, nachdem es sich im Hauptquartier unter der Schulanlage Luberzen ein Bild der Lage verschafft hatte, die rund 140 Angehörigen der Organisation per SMS auf. «Einrücken in Anlage Luberzen, Einsatzübung», hiess es darin.

Anders, als dies bei einem Notfall gewesen wäre, traf das SMS die Zivilschützer nicht völlig unvorbereitet; sie mussten ihre Arbeitgeber nicht kurzfristig über ihre Abwesenheit informieren. Die Übung «Riforma» fand im Rahmen eines ohnehin angesetzten Wiederholungskurses statt. Doch statt wie auf dem Marschbefehl vermerkt um 9 Uhr einzurücken, hätten sich die Zivilschützer gestern so schnell als möglich auf den Weg machen sollen.

Gemäss Übungsanlage hätten um 8.30 Uhr bereits rund 40 Mitglieder beim Waffenplatz Reppischtal im Einsatz stehen sollen, um verletzte Verschüttete aus verschiedenen Häusern und Kellern zu retten. Doch zu diesem Zeitpunkt waren erst knapp 20 Zivilschützer bereit.

Der Start verzögert sich etwas

Woran es haperte, ob beispielsweise die SMS-Alarmierung stockte oder der Verkehr, das müsse abgeklärt werden, meinte Sandro Magistretti, Kommandant der Zivilschutzorganisation Region Dietikon, während der Übung. Später zeigte sich zudem, dass es auch verschiedene Krankmeldungen gab und einige gar nicht erst auftauchten.

Trotz des anfänglich kleiner als erwarteten Mannschaftsbestandes kamen die Rettungen beim Waffenplatz mit der Zeit, auch weil kontinuierlich weitere Zivilschützer eintrafen, in Gang. Mit Hilfe von Hunden des Schweizerischen Vereins für Such- und Rettungshunde sowie einer Drohne der Schlieremer Zivilschützer konnten die Verletzten geortet und – mit unterschiedlichen Geräten – aus ihrer misslichen Lage befreit werden.

In der Schlussbesprechung am Abend meinte deshalb Übungsleiter Severin Bochsler, dass es eine «lange Anlaufzeit» benötigt habe. Doch am Ende seien alle Aufträge erfüllt worden.
Über die genaue Lage bei der Rettungsaktion war nicht nur der Einsatzleiter vor Ort dank seinen Leuten im Bild; aktualisierte Karten, Drohnen-­Bilder und weitere Angaben waren jeweils sogleich online verfügbar. Kommandant Magistretti rief die Pläne auf seinem Handy ab, im Lagezentrum in der Luberzen wurden sie auf einem der vier grossen Bildschirme live an der Wand gezeigt.

Übung erfüllt – doch hätte es noch besser gehen können

Im Weiteren Verlauf des Tages entwickelte sich das Übungsszenario dynamisch; statt dass ein Punkt nach dem anderen geübt wurde, galt es gleichzeitig mehrere Einsätze an verschiedenen Standorten zu koordinieren und zu gewichten.

So hatten die Zivilschützer nach einem Brand beim Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon 23 Personen und einen Hund zu betreuen. In einem Waldstück mussten Wege von umgestürzten Bäumen freigeräumt werden. Und auf den Dietiker Kirchplatz wurde, da wegen des Erdbebens inzwischen die lokale Wasserversorgung zusammengebrochen war, ein Zisternenwagen beordert, um die Notwasserabgabe zu errichten.

Insgesamt gilt die gestrige Gross-Übung als erfüllt, wie Bochsler am Abend ausführte. «Dies aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben.» Qualitativ hätten die Ergebnisse besser sein können, und die Aufgaben hätten schneller erledigt werden können. «Wir werden aber von Jahr zu Jahr besser», führte der Übungsleiter weiter aus. Deshalb gebe es ja auch die Wiederholungskurse, an denen bestehende Defizite ausgemerzt werden sollen.

Dass die Organisation auch Widrigkeiten meistern kann, zeigte sie gestern: So hatte nach Übungsbeginn ein Blick auf die Präsenzliste gezeigt, dass gleich alle drei Hauptköche krankheitsbedingt ausfallen. Da andere Zivilschützer einsprangen, waren am Ende dennoch alle rechtzeitig versorgt.

Auf dem Kirchplatz hatten die Passanten zunächst etwas verdutzt auf die Notwasserabgabe reagiert. Nachdem ihnen die Zivilschützer einen Becher mit Trinkwasser gereicht hatten, liessen sich alle auf einen Schwatz ein. Was denn die Zivilschützer hier tun, fragten viele. Andere erkundigten sich schmunzelnd, ob es statt Wasser nicht ein Glas Rotwein gebe.

Viele lasen auch die aufliegenden Info-Zettel oder schauten einen Zivilschutzfilm. Gerade diesen Teil der Übung auf dem Kirchplatz stufte Stadtrat Heinz Illi (EVP) als besonders wichtig ein. Der Zivilschutz müsse von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Die Bevölkerung müsse wissen, was diese Organisation alles leisten könne. «Sie ist modern aufgestellt und sehr gut ausgerüstet», sagte Illi. Das frühere Image einer Kaffee- und Gipfeli-Truppe sei längst überholt.

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