Sie hat am Morgen noch etwas Mühe mit dem Zeitgefühl. «Ich schlafe immer noch sehr spät ein, ich bin immer noch im Rhythmus des Bücherschreibens», erklärte Verena Wermuth, 55, beim Treffen mit dieser Zeitung. Dieser Rhythmus hat sie in den letzten gut anderthalb Jahren auf Trab gehalten. Sie hat für den WOA-Verlag, der sie einst gross herausbrachte, ein neues Buchprojekt lanciert und enorm viel Arbeit und Herz hineingesteckt. «Blindflug Abu Dhabi» ist die Geschichte eines ehemaligen Swissair-Piloten, der das Grounding hautnah miterlebt hat.

Im Internet auf Dieter Eppler gestossen

Auf Eppler ist sie gekommen, als sie an ihrem letzten Buch gearbeitet hatte, «Lockruf Saudia», einer Tatsachengeschichte über eine Schweizer Stewardess in Saudi-Arabien. Für dieses Buch musste sie im Internet nachrecherchieren. «Dabei kam ich beim Thema Wüste und Arabien auf den Blog «Wüstenspuren» von Dieter Eppler», blickt Verena Wermuth zurück. Sie fand Epplers Episoden aus der arabischen Wüste hochspannend.

Immer wieder schaute sie rein, anderthalb Jahre lang. «Plötzlich war der Zeitpunkt für mich gekommen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ich dachte, Epplers Schicksal würde auch andere Menschen berühren.» Es stand 10 Jahre Swissair-Grounding an, für Verena Wermuth der richtige Zeitpunkt für das Buch. «Seine Geschichte soll den Menschen, die vom damaligen Schicksal betroffen waren, ein Gesicht geben. Er steht für viele Hunderte da», dachte sie sich.

Eppler meintezunächst, das Buchangebot sei ein Scherz. Er recherchierte. Und er fand den WOA-Verlag mitsamt Bestsellerautorin Verena Wermuth. Er habe sich danach sofort gemeldet. Bereits drei Wochen später flog er nach Zürich. «Unser erster Treff fand im Hilton-Hotel beim Flughafen statt. Wir sprachen über das Leben in Abu Dhabi, über den Berufsalltag als Etihad-Pilot und wie ich mir unser Buchprojekt vorstelle. Ein Teil aus seinem Blog würde ins Manuskript fliessen, den Rest würden wir in gemeinsamer Arbeit ergänzen, vertiefen und in Buchform bringen.»

Austausch hauptsächlich per E-Mail

War die Zusammenarbeit einfach? «Nicht immer», sagt Wermuth sofort, «denn aufgrund der Distanz Zürich – Abu Dhabi konnten wir uns nicht jede Woche sehen oder telefonieren. Der Austausch erfolgte hauptsächlich per E-Mail, was die Verwirklichung gewisser Ideen nicht immer einfach machte. Kommt hinzu, dass Piloten von Berufs wegen ja meistens in der Luft sind. Letztlich war es ein intensives Jahr», betont Wermuth nochmals. Sie und der Flugkapitän hatten sich alle paar Monate getroffen, im Frühjahr 2011 flog sie gar nach Abu Dhabi, um dort mit ihm die Gesamtüberarbeitung zu besprechen.

Für Dieter Eppler, der in seinem Leben nie daran gedacht habe, ein Buch zu veröffentlichen, sei das Projekt ein riesiges Abenteuer gewesen. Verena Wermuth freut sich darüber, dass der Captain im Zusammenhang mit dem Tag des Swissair-Groundings bereits mehrmals in hiesige TV-Sendungen eingeladen wurde. «Er kam gut und sympathisch rüber.»

Und für sie, war es schon Routine? Nein, jedes Buchprojekt sei wieder neu und auf seine Art aufregend, meint Wermuth. Sie habe Freude und Erfüllung empfunden, als das Buch fertig geschrieben war. Doch die Arbeit ging für Verena Wermuth weiter. Sie erledigt für den WOA-Verlag die gesamte PR-Arbeit an dem Buchprojekt. Nicht ohne Schmunzeln präsentiert sie ein grosses Porträt über den Captain in einer bekannten Schweizer Illustrierten. Doch die PR-Begleitung soll bald abgeschlossen sein, denn mittlerweile steht «Blindflug Abu Dhabi» seit fünf Wochen in der Schweizer Sachbuch-Bestsellerliste. Am letzten Sonntag stand es gar schon auf Platz drei (siehe Box).

«Das gibt mir ein gutes Gefühl, vor allem zu wissen, dass ich andere für ein Thema begeistern kann. Und schliesslich hat das Buch ja auch einen Bezug zu Arabien, meiner alten Heimat. Scheinbar zieht es mich bei den Themen immer wieder in diese Richtung.»

Am Freitag fand die Buchvernissage in Bülach statt, bei der eine grosse Anzahl Gäste, insbesondere ehemalige Swissair-Mitarbeiter und Fliegerkollegen, mitfeierten. Captain Dieter Eppler ist diesen Sommer mit seiner Familie aus den Arabischen Emiraten in die Schweiz zurückgekehrt. Er fliegt seither wieder für die Swiss.

Verena Wermuth willbis zum Frühjahr eine Pause einlegen – sprich, neue Ideen und Energie für weitere Projekte sammeln. Sie hat in letzter Zeit ihren Freundeskreis, ihre Familie, ihren Ehemann etwas vernachlässigt (lacht). «Das hole ich jetzt alles wieder nach.»

Und dann ist da noch die Verfilmung ihres Grosserfolgs «Die verbotene Frau». Die Dreharbeiten sind mittlerweile auf den Herbst 2012 angesetzt worden. Der Film soll dann auf Sat 1 ausgestrahlt werden.