Dietikon

«Verdichten heisst nicht zupflastern»: Der Vater des Stadtplanungsamts verabschiedet sich

Spürt den Aufbruch, den die Limmattalbahn auslöst: Der abtretende Stadtplaner Jürg Bösch vor dem Stadthaus. Bild: og

Spürt den Aufbruch, den die Limmattalbahn auslöst: Der abtretende Stadtplaner Jürg Bösch vor dem Stadthaus. Bild: og

Der erste Dietiker Stadtplaner tritt ab: Jürg Bösch erklärt, weshalb ein Stadtplaner Geduld braucht, das Niderfeld einzigartig ist und die Limmattalbahn auch irgendwie sein Kind ist. Der 62-Jährige lässt sich pensionieren und übergibt an Nachfolger Severin Lüthy.

Als Sie 2010 das Amt antraten, bezeichneten Sie das Niderfeld als wichtiges Handlungsfeld. Gebaut ist noch nichts. Ist der Job des Stadtplaners frustrierend?

Jürg Bösch: (lacht) Nein, die vergangenen neun Jahre in Dietikon waren äusserst spannend. Als Raumplaner ist man es sich gewohnt, dass man in langen Zeitepochen denken muss. Im Niderfeld sind 40, 50 Grundeigentümer beteiligt. Und es handelt sich um ein grosses Siedlungsgebiet von 40 Hektaren. Da sind zehn oder 20 Jahre Planungszeit normal. Wir sind im Niderfeld auf gutem Weg. Bei meinem Start war es noch eine Vision, nun ist es ein Projekt. Es werden gerade der Gestaltungsplan und der Quartierplan, die baurechtlichen Instrumente, erarbeitet.

Sie waren der erste Stadtplaner: Sähe Dietikon heute anders aus, wäre Ihre Stelle nicht geschaffen worden?

Es ist ja nicht so, dass die Stadt vorher nicht geplant hätte. Früher wurden die Aufgaben einfach extern vergeben. Vor neun Jahren kam der Stadtrat zum Schluss, dass es für eine Stadt in der Grösse von Dietikon ein eigenes Stadtplanungsamt braucht, um eine eigene Strategie entwickeln zu können.

Gefordert war also statt einer punktuellen Planung eine Gesamtschau?

Mit dem Aufbau des Stadtplanungsamtes haben wir eine Stadtentwicklungsstrategie und darauf basierend verschiedene Konzepte entwickelt, mit Blick in die weitere Zukunft. Dies nicht nur im Siedlungs- und Verkehrsbereich, sondern auch hinsichtlich Themen wie Freiraum, Gewässer, Naturschutz, Tiefbau und anderes. Die verschiedenen Bereiche müssen aufeinander abgestimmt sein, damit es keine Brüche gibt. Es ist wichtig, dass die Führung bei der Stadt liegt. Eine solche Aufgabe muss man inhouse machen, das kann man nicht an ein Büro delegieren.

Ein Leitbild heisst «Stadtboulevard»: Angestrebt wird entlang der Zürcher-/Badenerstrasse eine Aufwertung.

Der Bau der Limmattalbahn kann hier in diesem wichtigen Gebiet eine Entwicklung in Gang setzen. Wir streben mit neuen Anreizen an, dass die privaten Eigentümer in ihre Liegenschaften investieren. Im Gegenzug müssen diese aber auch Mehrwerte für das Quartier und die Öffentlichkeit schaffen.

Will die Bevölkerung überhaupt so einen Boulevard?

Dass nach der Bautätigkeit der vergangenen Jahre gewisse Bedenken und Ängste vorhanden sind, ist uns bewusst. Deshalb haben wir auch den Dialog Stadtentwicklung ins Leben gerufen. Es ist aber ein Fakt, dass Dietikon nicht mehr das Dorf von einst ist. Bis sich diese Wahrnehmung ändert, braucht es seine Zeit. Neben der Stadterneuerung muss auch zur alten identitätsstiftenden Bausubstanz Sorge getragen werden. Deshalb hat der Stadtrat das Denkmalschutzinventar überarbeitet.

Und trotz dieser Bedenken plant man heute einen städtischen Boulevard durch Dietikon?

Es ist entlang der Zürcher-/Badenerstrasse keine Boomtown vorgesehen, es werden dort nicht doppelt so viele Einwohner auf der selben Fläche leben. Wir streben eine qualitative, moderate Entwicklung an.

Was bedeutet das?

Innere Verdichtung heisst nicht, dass das Zentrum zugepflastert wird. Es soll nicht einfach mehr vom Gleichen geben. Das Ziel ist unter anderem, die neuen Bauvolumen besser zu strukturieren, damit attraktive und nutzbare Freiräume entstehen. Dies ist beispielsweise möglich, indem die oberirdischen Parkplätze in Tiefgaragen verlegt werden.

Die privaten Eigentümer werden aber nicht freiwillig in Garagen oder in Grünflächen investieren.

Sie machen es nicht gratis. Das Leitbild «Stadtboulevard» sieht vor, dass ihnen, wenn sie die vorgegebene hohe Qualität erreichen, eine grössere Ausnutzung zusteht. Es werden ihnen beispielsweise mehr Stockwerke erlaubt.

Das Leitbild ist drei Jahre alt, die Limmattalbahn ist im Bau – tut sich bezüglich «Stadtboulevard» etwas?

Zu sehen ist derzeit vom Boulevard noch nichts. Doch den Aufbruch spüren wir. Derzeit laufen bereits vier Projekte, darunter auch grössere mit einer Hektare oder mehr. Die Stadt begleitet die privaten Grundeigentümer. Die Prozesse dauern auch hier ihre Zeit. So müssen beispielsweise zunächst Studienverfahren durchgeführt werden. In den kommenden Jahren werden aber sicher mehrere private Gestaltungspläne dem Stadtparlament vorgelegt.

Da ist wieder die Geduld eines Stadtplaners gefragt?

Die Entwicklung entlang der Limmattalbahn wird schrittweise erfolgen, und das ist gut so. Wenn gleich die gesamte Achse umgestochen würde, wäre das auch für Dietikon zuviel. Und wohl auch für uns, so gross ist unsere Abteilung ja nicht (lacht).

Was beim Blick ins Archiv auffällt: Nur wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt hatten Sie sich an einer Veranstaltung klar für die Limmattalbahn ausgesprochen. Sie scheinen rasch im Amt angekommen zu sein.

Ich hatte nicht erst als Stadtplaner mit dem Limmattal zu tun. Bereits im Jahr 2000, als ich als Raumplaner bei Ernst Basler und Partner arbeitete, untersuchte ich das Gebiet. Die Kantone Zürich und Aargau wollten wissen, wie die Verkehrssituation angesichts des erwarteten Bevölkerungswachstums in 30 Jahren aussehen wird. Unsere Simulation zeigte schnell, dass die Strassen nicht mehr funktionieren würden, wenn alle geplanten Entwicklungsgebiete überbaut sind. Damit die Strassen für jene frei bleiben, die sie – wie Anlieferer oder Handwerker – auch wirklich benötigen, schlugen wir eine Stadtbahn vor, welche die Arbeitspendler aus den Wohnquartieren zu den Bahnhöfen bringt. Dass die Limmattalbahn nun gebaut wird, freut mich. Ich verstehe, dass wegen dieser Veränderung auch Bedenken bestehen. Doch wenn die Stadtbahn dann fährt, wird sie gut ankommen, davon bin ich überzeugt.

Besteht aus planerischer Sicht in Dietikon in einem Bereich akuter Handlungsbedarf?

Meinem Nachfolger Severin Lüthy wie auch dem gesamten Team des Stadtplanungsamts wird die Arbeit angesichts der breiten Themenpalette nie ausgehen. Aber die wichtigsten Grundlagen haben wir erarbeitet und aktualisiert, zahlreiche Konzepte stehen bereit. Ist beispielsweise die Limmattalbahn fertig gebaut und verlagert sich der Verkehr unerwarteterweise in Wohnquartiere, können wir je nach Entwicklung reagieren. Wir haben die Rezepte, die wir dann umsetzen können.

Trauern Sie einem Projekt nach, das Sie nicht umsetzen konnten?

Die Aufwertung der Reppisch wäre mir am Herzen gelegen. Diese Freizeitachse, die sich eigentlich prominent durch die ganze Stadt zieht, könnte besser zugänglich, besser sichtbar sein. Aber es handelt sich um ein kantonales Gewässer, da muss zunächst der Kanton seine Hochwasserschutzprojekte vorantreiben. Da hätten wir gern mehr gemacht, doch wir sind immer auch auf andere Stellen angewiesen.

Und welches war das spannendste Projekt?

Das Niderfeld. Das ist heute in der Raumplanung etwas Einmaliges, Spezielles. Hier kann auf grüner Wiese aus einem Guss ein ganzes Quartier geplant werden. Das gibt es in dieser Grössenordnung in der Schweiz heute sonst nicht mehr. Das Niderfeld mit seinem zentralen Park kann als eines der Aushängeschilder der Dietiker Stadtentwicklung bezeichnet werden.

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