Als Pietro in den 1960er-Jahren von Sizilien in die Schweiz kommt, erwartet ihn ein grausames Versteckspiel. Ein halbes Jahr lang, Tag für Tag, verbringt der Bub in einem kleinen möblierten Zimmer, während die Eltern arbeiten gehen: der Vater in einer Giesserei, die Mutter in der Fabrik. Sechs Monate, in denen er in Gesellschaft ausgestopfter Vögel dahinvegetiert. Er ass und wartete. «Schlief, vielleicht auch zu viel», erinnert sich der heutige Buchhalter in «Verbotene Kinder».

Das Buch der Psychologin Marina Frigerio zeigt aus Sicht der Gastarbeiterkinder die Folgen einer Migrations- und Wirtschaftspolitik, die ausländische Arbeiter wollte, aber nicht deren Familien. Das bis 1991 geltende Saisonnierstatut verunmöglichte einen legalen Nachzug. Und so liessen die jungen Italiener Frau und Kinder zurück, während sie in der Schweiz monatelang auf Baustellen und in Fabriken schufteten. «Wen wunderts, dass sie ihre Familien irgendwann in die Schweiz geholt haben?», fragte Marina Frigerio die Besucher der musikalischen Lesung zum Buch in der Dietiker Stadtbibliothek am Freitagabend.

Und so wurden die Kinder über die Grenze geschmuggelt. Zum Beispiel Catia, die panische Angst hat, als sie im Kofferraum des bordeauxroten Alfa Romeo der Familie die Grenze überquert. Die Angst, entdeckt zu werden, bleibt auch im neuen Zuhause in Zürich – einer kleinen Dachwohnung, deren Holzböden knarren. «Ich wagte es kaum, mich zu bewegen, und verbrachte die Tage auf dem Bett ausgestreckt», erinnert sich Catia in «Verbotene Kinder».

Damals, erzählt Frigerio an der Lesung, habe es in der Schweiz ein Sprichwort gegeben: «Im Schrank der Saisonniers gibt es mehr Kinder als Klamotten.»

Oft liessen die Gastarbeiter ihre Söhne und Töchter aber in Italien, bei den Grosseltern oder Tanten – eine schmerzhafte Alternative, bei der sich die Kinder langsam von ihren Eltern entfremden. Die Zwischenlösung, italienische Heime in Grenznähe, wurde für einige Gastarbeiterkinder ebenfalls zu einem traumatischen Erlebnis. Etwa für die Fabrikarbeiterin Mariella, die als Dreijährige in ein katholisches Klosterheim in Domodossola geschickt wurde. Ihre Schwester und sie wurden von den Nonnen geschlagen, getreten und gedemütigt. Als Mariella krank wurde und nichts mehr zu sich nimmt, löffelte ihr eine Nonne das Essen mit Gewalt ein. Als sie davon erbrach, drückte ihr die Nonne den Kopf in den Teller.

Es sind traurige und berührende Schicksale, die Frigerio in ihrem Buch gesammelt hat, und deren Wirkung an der Lesung durch die musikalische Begleitung noch verstärkt wird. Die italienischen Lieder, welche die beiden Musiker Umberto Castra und Luigi Fossati zwischen den vorgelesenen Erinnerungen spielen, handeln von Sehnsucht, Trennung und Liebe. Und dann sind da die Gegenstände, die Marina Frigerio zu den einzelnen Geschichten aus einem alten Reisekoffer holt: eine Packung Kaffeepulver für Elio, ein Pinocchio-Buch für Rosa, Sandförmchen für Mariella. Und eine Kerze. Für all jene Menschen, «die bis heute im Mittelmeer ertrunken sind, darunter Tausende von Kindern», sagt Frigerio. Ihr Buch ist auch eine Mahnung an die Schweiz, die verbotenen Kinder in der aktuellen Einwanderungs- und Flüchtlingsdebatte nicht zu vergessen und die Fehler der früheren Migrationspolitik zu wiederholen.