Oberengstringen
Vera Wenkert verhilft Sängern zur eigenen Stimme

Mit ihrer Lernmethode bricht die ehemalige Profi-Opernsängerin Vera Wenkert aus Oberengstringen mit der Tradition ihrer Lehrmeister. Kürzlich hat sie ein Buch über ihre ganzheitliche Lernmethode veröffentlicht.

Florian Schmitz
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Sie verhilft Sängern zur eigenen Stimme
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In ihrem Institut sind Lehrerin und Schüler auf Augenhöhe.
So will sie ihren Schülerinnen ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden, sttatt nur nachzuahmen und zu üben.
Schon über 30-mal stand Wenkert als Hauptrolle auf Opernbühnen.
Unter anderem in Nürnberg, Münster, Trier und Zürich trat sie auf.
Wenkert als Marie in der Oper «Wozzeck».
Unter anderem als Turandot trat sie in Zürich auf.
In der Oper "Der fliegende Holländer" verkörperte sie Senta.

Sie verhilft Sängern zur eigenen Stimme

Bilder: zvg

Ob als Tosca, Lady Macbeth oder Madame Butterfly: In mehr als 30 Hauptrollen stand die ­dramatische Sopranistin Vera Wenkert bereits auf mehreren Opernbühnen im deutschsprachigen Raum. Inzwischen gibt die Deutsche, die seit über 25Jahren zusammen mit ihrem Mann in Oberengstringen lebt, ihre Erfahrungen und ihr Wissen vor allem als Lehrerin an junge Sängerinnen und Sänger weiter und tritt nur noch sporadisch an Konzerten auf.

Sie habe bei international ­renommierten Sängern wie Susanna Eken, Birgit Nilsson und David Jones sehr viel gelernt, erzählt Wenkert. «Ich bin meinen Mentoren unendlich dankbar und bin auch durch sie zu dem Menschen geworden, der ich heute bin.» Mit einigen pflege sie auch Jahrzehnte später immer noch Kontakt.

Trotzdem ist für Wenkert als Gesanglehrerin klar: In die Fussstapfen ihrer Mentoren will sie auf keinen Fall treten. Es sei in der Opernwelt immer noch typisch, dass junge Sänger ihre Lehrer als Helden verehren und zu stark an deren Lippen hängen, erklärt sie. Das berge die Gefahr, dass man nicht zu sich selbst finde und nicht lerne, auf sich zu vertrauen. «Die Zeiten haben sich gerändert. Für junge Leute ist es wichtig zu spüren, dass sie viel Kraft und eine gute innere Stimme in sich tragen», sagt sie. Die Welt sei so komplex geworden, dass man schnell als Spielball hin und her getrieben werde, wenn man nicht bewusst bei sich selber sei.

Auf Augenhöhe unterrichten

Deshalb hat Wenkert ihre eigene Lernmethode namens Sonaravera entwickelt – eine Kombination der lateinischen Wörter sonare und vera, zu Deutsch «wahrer Klang». Eben ist dazu ihr erstes Lernbuch, «Der Weg zum selbstbestimmten Sänger», erschienen. Die Philosophie dahinter bricht mit dem typischen Machtgefälle zwischen Lehrer und Schüler. «Für mich waren meine Lehrer meine Meister und ich hatte das Gefühl, sie wissen alles», sagt Wenkert, die ihr Wissen seit 20 Jahren weitergibt und seit 2011 das internationale Institut Stimmkunst in Zürich führt. Ihre Schülerinnen und Schüler sollen sich als Partner auf Augenhöhe fühlen.

Die Stimme werde als Organ zu oft vernachlässigt oder nur bei Stimmproblemen thematisiert. Statt durch Nachahmung und Übung zu lernen, sollen Sängerinnen und Sänger den Weg zu sich selbst und ihrer eigenen Stimme finden. Dieser Weg sei für jeden Menschen individuell. Wenkert versteht sich selbst dabei eher als Reisebegleiterin. «Ich will herausfinden, was ihnen wichtig ist, statt ihnen zu sagen, was mir wichtig ist. Und ich will sie zur Erforschung der Verbindung zwischen ihrer Stimme und ihrer Persönlichkeit anleiten», sagt sie. Sie wolle den Mut vermitteln, auf sich selbst zu hören und sich mit sich selbst zu beschäftigen. «Wir wissen meist am besten, was wichtig und richtig für uns ist», sagt sie. Wenn man seinen eigenen Weg einschlage, könne man auch sein Selbstbewusstsein wie einen Muskel trainieren und wirke nach aussen viel authentischer.

Mit dem Buch wolle sie auch Menschen mit schmalem Budget ermöglichen, sich auf diesen Weg zu begeben. Neben vielen konkreten Übungen thematisiert sie auch die grösseren Zusammenhänge zwischen der Stimme und dem Körper sowie der Seele. Und gibt Tipps mit auf den Weg, wie man sich von Konflikten abgrenzt oder wie man Lampenfieber vor einem Vorsingen abbauen kann. «Sonara­vera» spiegelt sich auch in ihrer Lebenseinstellung: «Ich glaube daran, dass es einen trägt, wenn man ehrlich und wahrhaftig durch das Leben geht», sagt Wenkert, die es damals der Liebe wegen in die Schweiz verschlug.

Schon fünf Lehrer ­ausgebildet

Mit den Prinzipien ihrer Lernmethode hat sie schon länger Erfolg und hat viele Kurse gegeben quer durch Europa. «Sänger mit guten Ausbildungen kamen zu mir, weil ihnen auf dem klassischen Weg irgendetwas fehlte», sagt sie. Sie habe sich viel mit Gesangs-, Atem-, und Gehörtechniken auseinandergesetzt. Angefangen hat sie mit kleinen Übungsprogrammen, die sie über die Jahre auch dank intensivem Selbststudium immer weiter ausbaute und verfeinerte. Inzwischen hat sie auch schon fünf Lehrer ausgebildet, die nun ebenfalls mit der «Sonaravera»-­Methode unterrichten. Andersdenkende missionarisch auf ihren Weg bringen, will Wenkert aber nicht. «Ich arbeite autark auf meiner eigenen Insel», sagt sie. Jeder sei für seinen eigenen Weg verantwortlich. Das lebt sie auch in ihrem Studio, wo Lästern über andere strengstens verboten ist.

Vor drei Jahren begann sie, ihre gesammelten Aufzeichnungen bewusst niederzuschreiben und zusammenzutragen. Das daraus entstandene und nun ­erschienene Buch wird zurzeit ins Englische übersetzt. Zudem arbeitet sie bereits an einem «Sonaravera»-Buch, das spezifisch auf die Gesangsarbeit mit Kindern zugeschnitten ist. Und auch ein Buch für Redner ist in Planung. Ihre Philosophie beschränke sich nicht auf den ­Gesang, sondern helfe generell beim sich Ausdrücken und Präsentieren.

Auch wenn Wenkert heute keine Opern mehr singt, liebt sie es, junge Sängerinnen und Sänger aus aller Welt stimmlich und mental auf ihre Auftritte vorzubereiten. «Dann ist der Austausch besonders intensiv und fruchtbar.» Wegen der Coronapandemie finde dieser zurzeit vor allem digital statt. Das hat sie zum Anlass genommen, auch ihren Social-Media-­Auftritt zu überarbeiten. So erstelle sie zurzeit etwa Tutorialvideos für ihren Youtube-­Kanal. So will sie noch mehr Menschen dazu verhelfen, ihre eigene Stimme zu finden. «Wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Gehörsinn ausgebildet. Durch Nachahmung der Umgebung lernen wir sprechen und gewöhnen uns einen Klang für unsere Stimme an. Ich finde es spannend, zu suchen, was dahintersteckt.»