Limmattal
Velo-Verleih-Riese O-Bike zieht sich aus dem Limmattal zurück und lässt alle Velos einsammeln

Der Fahrrad-Verleih-Riese O-Bike lässt im Limmattal seine Velos suchen und einsammeln, weil er sich zurückzieht. Wie viele es genau sind, weiss Firat Kutal, der die Velos suchen soll, nicht, weil das GPS-System von O-Bike nicht mehr funktioniert.

Leo Eiholzer
Drucken
Teilen
in Meer von O-Bikes: Auf dem Parkplatz von Feldschlösschen im Industriequartier Silbern in Dietikon wartete ab Sommer 2017 ein Meer von O-Bikes auf Abnehmer - jetzt kommen sie alle wieder weg.

in Meer von O-Bikes: Auf dem Parkplatz von Feldschlösschen im Industriequartier Silbern in Dietikon wartete ab Sommer 2017 ein Meer von O-Bikes auf Abnehmer - jetzt kommen sie alle wieder weg.

Limmattaler Zeitung

Letzten Sommer verfärbte sich das Limmattal gelb: Der Singapurer Velo-Verleih-Anbieter O-Bike überschwemmte es über Nacht mit seinen Fahrrädern. Zu Dutzenden standen sie an Veloabstellplätzen, auf Trottoirs und immer wieder völlig im Weg herum. Vor allem in Dietikon, Schlieren und Urdorf tauchten sie auf.

Doch jetzt können Ordnungsliebende aufatmen: Das Limmattal wird bald wieder frei sein von O-Bikes. Denn der Fahrrad-Verleih-Riese lässt seine Velos im Bezirk Dietikon einsammeln. Das bestätigt Firat Kutal, Inhaber der St. Galler Firma Umzug-24, gegenüber der Limmattaler Zeitung: «Wir sind nächste Woche in Dietikon sowie im ganzen Limmattal unterwegs, suchen nach den O-Bikes und sammeln sie ein.»

Bereits letzte Woche war bekannt geworden, dass O-Bike sich aus Winterthur und Zürich zurückzieht. Dort sind Kutal und seine Leute schon seit einem Monat unterwegs. Unklar war bisher, ob O-Bike auch die Velos im Limmattal einsammeln lässt. Das Unternehmen selbst war für diese Zeitung nicht erreichbar. Es kommuniziert seit Monaten nicht mehr. Auch die Verwaltungen der Städte Dietikon und Schlieren kontaktierte die Firma nicht; dort wusste man nichts von den Rückzugsplänen.

50

Euro zahlen Abnehmer aus dem europäischen Ausland ungefähr pro fahrtüchtiges O-Bike. Das sagt Firat Kutal, dessen Firma von O-Bike mit dem Einsammeln der Velos beauftragt worden ist.

Kutal hingegen gibt Auskunft. Er sagt, O-Bike habe ihm nicht nur den Auftrag
gegeben, in den beiden Städten die Hinterlassenschaft des Bike-Sharing-Riesen aufzuräumen, sondern auch im Umland. «Ich weiss nicht genau, wie viele Velos es im Limmattal noch sind. Aber mehr als fünfzig sollten nicht mehr übrig sein», so Kutal. Eine genaue Zahlenangabe wäre früher einfach gewesen. Denn die Velos haben alle einen Peilsender.

So konnten Kunden sie mit dem Handy orten und entsperren. Jetzt geht das nicht mehr, wie Kutal erklärt: «Das elektronische Ortungssystem von O-Bike läuft nicht mehr.» Also müssen Kutal und seine Mitarbeiter wohl oder übel das ganze Limmattal abfahren und sich auf ihre Augen verlassen. Deshalb bittet Kutal um Mithilfe der Bevölkerung: «Wer ein O-Bike sieht, kann uns das gerne melden.»

O-Bikes waren ein Verlustgeschäft

Kutals Firma ist laut Website eigentlich eine Umzugs-, Maler- und Reinigungsfirma. Bis Februar 2017 hiess sie gemäss Handelsregister noch «Kreatiweb-Kutal» und bot Webdesign, Online-Marketing und Computer-Reparaturen an. Ende März ist der Konkurs über das Unternehmen eröffnet worden. Anfang April wurde das Verfahren allerdings mangels Aktiven wieder eingestellt. Das bedeutet nicht, dass die Schulden getilgt sind.

Diese betragen laut eines Berichts des «Tages-Anzeigers» 120'000 Franken und hätten sich wegen des Geschäfts mit O-Bike angehäuft. Kutal hätte für die Singapurer die Velos seit letztem Sommer verteilen, bei Beschädigung einsammeln und lagern sollen. Dafür stellte er acht Mitarbeiter an. O-Bike bezahlte aber plötzlich nicht mehr und Kutal verschuldete sich. Jetzt, nach dem Rückzug von O-Bike, wurde ihm offenbar mit dem Einsammeln der Velos ein Deal vorgeschlagen: Die Hälfte des Erlöses, den er beim Einsammeln der Velos in ganz Europa generiert, darf er behalten. Der andere Teil geht an O-Bike. Damit bekommt Kutal die Chance, seine Schulden zu tilgen.

Mehrkosten erwartet

Im Limmattal werden beim Einsammeln wohl aber Mehrkosten auf ihn zukommen. Denn die Dietiker Stadtpolizei hat 16 O-Bikes eingezogen. Laut der Kommunikationsverantwortlichen der Stadt Dietikon, Esther Pioppini, kann die Stadt sichergestellte Fahrräder und auch zusätzliche Umtriebe verrechnen. Dennoch sagt Kutal: «Ich werde die O-Bikes holen und ich werde die anfallenden Kosten bezahlen.» Auch im Schlieremer Werkhof lagern O-Bikes, die abgeholt werden müssten. Dass das teuer werden könnte, sei ihm bewusst, sagt Kutal. Ein Verlustgeschäft? «Ja, wohl schon. Aber es hängt davon ab, wie gut ich die O-Bikes verkaufen kann. Dann ist es entweder ein kleines oder ein grosses Problem.»

Verkaufen wird er die Velos ungefähr für 50 Euro pro Stück ins europäische Ausland, wie Kutal sagt. Zumindest die, die noch fahrtüchtig sind und wenige Gebrauchs-
spuren haben: «Die Kunden demontieren den Bluetooth- und den GPS-Sender, schmirgeln das O-Bike-Logo ab und verkaufen die Velos dann einzeln.» Die Velos, die Kutal nicht mehr verkaufen kann, werden verschrottet.

Die Limmattaler O-Bikes landen also entweder in einer Schrottpresse oder werden irgendwo in Europa, wohl vor allem im Osten, inkognito über die Strassen fahren. Über das Verschwinden der gelben Velos sind wahrscheinlich viele im Limmattal nicht unglücklich. Die Kommunikationsverantwortliche Pioppini sagt für die Stadt Dietikon: «Die Stadt will keine wild parkierten und herrenlosen Fahrräder auf öffentlichem Grund.» Ein geordnetes Bike-Sharing werde aber grundsätzlich befürwortet.

Stadt Dietikon vermietet E-Lasten-Velos

Während der Velo-Verleih-Anbieter O-Bike sich aus dem Limmattal zurückzieht, ist die Stadt Dietikon seit Ende August letzten Jahres stolze Besitzerin von zwei elektrischen Lasten-Velos. Sie sind deutlich länger als normale Velos und haben vorne eine grosse Wanne. Michael Seiler, Leiter der Standortförderung der Stadt Dietikon, sagt: «Damit sind sie ideal für Leute, die Material transportieren oder für Familien, die mit den Kindern einen Ausflug machen wollen.»

Für die Kinder hat es in der Wanne gepolsterte Sitze mit Sicherheitsgurten. Das Fassungsvermögen für Material ist beachtlich. «Als Beispiel sage ich immer: Drei bis vier Kisten Bier passen gut rein», sagt Seiler. Die Velos gehören der Stadt, sind aber Teil des Netzes von Bike-Sharing- Anbieter «carvelo2go». Deshalb werden sie im Shop der «e-Bike Welt» in Dietikon auch zu den Konditionen von «carvelo2go» vermietet. Neben einer Buchungsgebühr von fünf Franken kostet ein Velo zwei Franken pro Stunde. Mit einem Abo für 90 Franken pro Jahr halbieren sich die Preise.

Hinter dem Anbieter «carvelo2go» steht die «Mobilitätsakademie», die im Auftrag des «Touring Club Schweiz» (TCS) innovative Verkehrslösungen ausarbeiten soll.
Beteiligt sind auch die Migros und die Post. «Wir haben uns entschieden, beide Velos für ‹carvelo2go› gleich für rund 10 000 Franken zu kaufen und nicht zu mieten oder zu leasen. Dies, weil im Kauf der Unterhalt der Velos inbegriffen ist und der Erwerb so bereits nach drei Jahren günstiger kommt», sagt Standortförderer Seiler.

Ausserdem können Stadtangestellte die Velos nun während ihrer Arbeitszeit gratis benützen. Die Mieteinnahmen von anderen Personen gehen an «carvelo2go».
Die Leute hätten wohl noch ein wenig Respekt davor, die Gefährte zu benutzen, sagt Seiler: «Bisher wurden die Velos nicht so oft gebraucht, wie wir es uns wünschen würden.» Doch Seiler geht davon aus, dass die Nachfrage zunimmt: «Es dauert ein bisschen, bis sich ein neues Angebot in den Köpfen der Leute festgesetzt hat.»