Limmattal
Vaterschaftsurlaub: Limmattaler Arbeitgeber sind skeptisch und bevorzugen individuelle Lösungen

Vom Bundesrat wurde der Vorstoss für 20 bezahlte Urlaubstage für frischgebackene Väter ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Auch Limmattaler Arbeitgeber stehen der Initiative kritisch gegenüber, wie eine Umfrage zeigt.

Christian Tschümperlin
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Viele junge Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Gaetan Bally/Keystone

Viele junge Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Gaetan Bally/Keystone

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20 bezahlte Urlaubstage für frischgebackene Väter, flexibel beziehbar innerhalb eines Jahres – das fordert die im Sommer eingereichte Vaterschaftsurlaubsinitiative. Damit soll in den Augen der Initianten – dem Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse, dem Dachverband der Männer- und Väterorganisationen «männer.ch» sowie dem Bund der Frauenorganisationen Alliance F und Pro Familia – eine Gesetzeslücke geschlossen werden. Das Obligationenrecht spricht nämlich im Zusammenhang mit dem Vaterwerden nur von den «üblichen freien Tagen», die gewährt werden müssen. Die meisten Arbeitgeber verstehen darunter gemäss Initianten einen freien Tag.

Vom Bundesrat wurde der Vorstoss ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Auch Limmattaler Arbeitgeber stehen der Initiative kritisch gegenüber, wie eine Umfrage zeigt. Viele gewähren Vätern heute schon mehr als den üblichen einen Tag Urlaub. Die Firma Planzer bietet ihren Vätern immerhin zwei freie Tage. Das Transport- und Logistikunternehmen beschäftigt insgesamt 4400 Mitarbeitende, davon an seinem Hauptsitz in Dietikon 360. Drei Tage Vaterschaftsurlaub erhalten Väter beim Familienunternehmen Pestalozzi + Co, an dessen Hauptsitz in Dietikon 310 Angestellte arbeiten. Gleiches gilt für die Väter, die bei der Firma Steffen in Spreitenbach angestellt sind. Das Spital Limmattal in Schlieren und die beiden Stadtverwaltungen in Dietikon und Schlieren schicken die bei ihnen angestellten Väter eine Woche lang in die Baby-Ferien.

Auf Wünsche eingehen

Bei der Firma Pestalozzi sind die drei Tage Papiurlaub auf den Gesamtarbeitsvertrag des Verbands Zürcher Handelsfirmen zurückzuführen. Wie die Personalabteilung auf Anfrage bekannt gibt, könne der einzelne Arbeitsvertrag den Vater aber auch besserstellen. Marlis Steffen, Personalverantwortliche bei Steffen, sagt, dass in ihrem Betrieb Väter ihre Ferientage oft auf die Zeit legten, in der das Kind erwartet werde. Bei Früh- oder Spätgeburten könne auch spontan umdisponiert werden. Zudem werden gegebenenfalls mittels eines individuellen Gesprächs die Bedürfnisse abgeklärt und man versuche, so gut als möglich auf die Wünsche einzugehen.

Beim Spital Limmattal wurden im letzten Jahr 14 männliche Angestellte Vater. Über ein Viertel der Männer arbeitet Teilzeit. «Dass wir uns als Arbeitgeber mitfreuen und eine Form der Anerkennung zeigen, ist durchaus angebracht», sagt Matthias Gehring, Leiter Human Resources. Für ihn ist ein Vaterschaftsurlaub «nice to have», aber nicht entscheidend für die Frage, ob jemand einen Arbeitgeber auswählt.

«Die Attraktivität eines bestimmten Arbeitgebers macht gerade auch eine auf die spezifischen Mitarbeitenden ausgerichtete individuelle Anstellungspolitik aus», sagt Gehrig. Insofern dürfe der Handlungsspielraum der Arbeitgebenden nicht allzu stark vereinheitlicht und eingeschränkt werden. Nicht jeder Mitarbeitende habe die gleichen Bedürfnisse. Natürlich möge er jungen Vätern und Müttern eine möglichst lange gemeinsame Zeit mit ihren Kleinen gönnen. «Die Frage ist aber, wie viele Tage rein unternehmerisch auch sinnvoll und machbar sind», sagt Gehring. Den administrativen Mehraufwand bei Annahme der Initiative hält er für kaum erwähnenswert. Die entsprechenden Urlaubstage müssten aber durch andere Mitarbeitende abgedeckt werden.

Bei der Firma Planzer, deren Belegschaft zu 81 Prozent aus Männern besteht, gibt es durchschnittlich rund 110 neue Väter pro Jahr. Bei Annahme der Initiative würde das gemäss Beat Vetter, Leiter Personal, 440 Absenzwochen mehr pro Jahr ergeben. Dadurch entstünde teilweise Bedarf nach Aushilfen. «Dies könnte je nach Abteilung höhere Kosten zur Folge haben», sagt er.

Verständnis für Anliegen

In Schlieren ist der Stadtrat laut Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) derzeit daran, die Personalverordnung zu überarbeiten. «Das ist aber erst Mitte nächstes Jahr spruchreif», sagt er. Brühlmann, der selber Vater ist, hat Verständnis für Forderungen nach einem Ausbau des Vaterschaftsurlaubs. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei ein grosses Thema. «20 Tage sind aber eine hohe Forderung», findet er. Er hält zehn Tage für realistischer. Ein entsprechender Vorstoss von CVP-Nationalrat Martin Candinas war 2014 im Parlament allerdings gescheitert.

Mit ihrem Vorstoss rechnen sich die Initianten beim Volk grosse Chancen aus. Zuversicht gibt ihnen eine von Travail Suisse in Auftrag gegebene und im August 2015 veröffentlichte repräsentative Umfrage. Diese stellt für einen zwei- bis vierwöchigen Vaterschaftsurlaub eine Zustimmungsrate von 80 Prozent in der Schweizer Bevölkerung fest.