Geroldswil
Vater des Geroldswiler Zentrums: «Wir gingen zur Inspiration nach Paris»

Jakob Schilling, der Vater des Geroldswiler Zentrums fühlt sich geehrt, dass sein Werk unter Schutz gestellt wird. Doch hätte dies seiner Ansicht nach bereits vor zehn Jahren geschehen sollen.

Alex Rudolf
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April 1977: Die damalige Hostellerie und das heutige Hotel Geroldswil.

April 1977: Die damalige Hostellerie und das heutige Hotel Geroldswil.

Zur Verfügung gestellt

Herr Schilling, das Zentrum Geroldswil, das Sie geplant haben, wird von der kantonalen Denkmalpflege unter Schutz gestellt. Ehrt Sie das?

Jakob Schilling: Natürlich. Vielleicht hätte man diesen Schritt schon vor ein paar Jahren machen sollen.

Der Architekt des Zentrums Geroldswil Jakob Schilling.

Der Architekt des Zentrums Geroldswil Jakob Schilling.

Alex Rudolf

Wieso das?

Einige Dinge wurden mit der Zeit abgeändert. Manchmal nicht nur zum Guten.

Welche Neuerungen sind Ihnen der grösste Dorn im Auge?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich rege mich ganz und gar nicht auf. Aber die Grundidee des Dorfplatzes ist heute nicht mehr wirklich ersichtlich. Er bestand aus 9 Vierecken gleicher Grösse, zu denen nun mal der Brunnen in der Mitte des Platzes gehörte. Dieser ist nun weg. Auch war der Boden ursprünglich quadratisch mit Steinplatten belegt, heute sind diese diagonal angeordnet. Das nachträglich installierte Dach ist hingegen ein Ansatz dessen, was ich mir vorgestellt hatte.

Wie sieht es mit einer Nutzungsänderung aus? Das von Ihnen entworfene Hotel soll in naher Zukunft zu Alterswohnungen umfunktioniert werden.

Das finde ich gut. Wir Architekten sollten so bauen, dass Gebäude nicht stur an ihrer Nutzung festhalten. Ändern sich die Zeiten und mit ihnen die Bedürfnisse der Bevölkerung, dann müssen die Gebäude flexibel genug sein, um umgenutzt zu werden.

Wo holten Sie die Inspiration für den Bau des Zentrums?

Ich bin ein Bewunderer von Le Corbusier. Sein Proportionssystem «Modulor» diente mir als Vorbild. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Durchschnittsmensch 1,83 Meter gross ist, bei ausgestreckten Armen auf eine Höhe von 2,26 Meter kommt. Diesem System bediente ich mich. So reicht mir der Tresen beim Empfang der Gemeindeverwaltung auf 1,13 Meter, der Hälfte des ausgestreckten Durchschnittsmenschen.

Bekämen Sie heute den Auftrag für ein Zentrum in Geroldswil, würden Sie alles nochmals gleich machen?

Im Prinzip ja, aber innert vierzig Jahren entwickeln sich Ein- und Aussichten. Heute baue ich mit deutlich weniger Beton. Die Anordnung der Gebäude und deren Nutzung ist hingegen noch heute aktuell.

In der Tat. So stellen sich heute Stadtplaner und Architekten die Frage, wie verdichtet gebaut werden kann.

Genau. Die Verdichtung, also die Anordnung verschiedenster Nutzungen, im Geroldswiler Zentrum war der Auftrag, den ich umgesetzt habe.

In der Würdigung des Denkmalschutzes wird jedoch nicht nur die Nutzung, sondern auch die Wahl der drei Materialien Glas, Beton und Eisen unterstrichen.

Es gibt noch ein weiteres wichtiges Merkmal.

Welches?

Die Farbe. In seiner ursprünglichen Form setzte ich farbliche Akzente in Rot, Gelb und Grün. Nicht blau, das ist für den Himmel reserviert.

In Ihrem Portfolio finden sich viele prestigeträchtige Projekte. Welchen Stellenwert in Ihrem Schaffen geben Sie dem Zentrum Geroldswil?

Weil es etwas Einzigartiges ist, geniesst es für mich eine sehr hohe Priorität. Auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde, namentlich mit dem damaligen Gemeindepräsidenten Theo Quinter, war sehr eng. Als ich ihm meine Pläne präsentierte, sagte er mir, dass er mit seinen eigenen Augen ein Betonhaus sehen wolle, das mir gefalle.

Was taten Sie?

Wir fuhren gemeinsam nach Paris und besuchten die Villa Savoye von Le Corbusier. Weil ihr Unterhalt vernachlässigt wurde, regnete es an einigen Stellen in das Gebäude. Ich versprach Theo Quinter per Handschlag, dass dies in Geroldswil nicht geschehen und es keine Kostenüberschreitung geben würde. Er versprach mir im Gegenzug, sich stets für meine Gestaltungsideen einzusetzen. Wir beide haben unsere Versprechen nicht gebrochen.

Warum das Zentrum schützenswert ist Die grauen Betonwände umschliessen den Geroldswiler Zentrumsplatz, der teilweise von einem Baldachin überdeckt wird. Ästheten mögen sich streiten, ob es sich hierbei um einen schönen Ort handelt. An dem Bau muss aber etwas dran sein. Anfang Juni wurde publik, dass die kantonale Denkmalpflege die Geroldswiler Zentrumsüberbauung ins Inventar Denkmalschutzobjekte aufnehmen wird.Die Gründe dafür sind vielfältig, wie eine Anfrage bei Anne Lauer, der für das Limmattal und Furttal zuständige Inventarisatorin bei der Denkmalpflege, zeigt. «Das Gemeindezentrum nimmt eine hohe städtebauliche Bedeutung ein», sagt sie und unterstreicht die «erstrangige Relevanz» des mehrteiligen, in einem Guss geplanten und ausgeführten Gemeindezentrums in sozial- und wirtschaftshistorischer Hinsicht. Die Mischung von Funktionen in einer Überbauung nehme eine einzigartige Stellung in der Architekturgeschichte des Kantons Zürich ein, so Lauer weiter. Die Nachkriegsmoderne Hinsichtlich der Architektur verweist Lauer auf die hohe Qualität, da die einzelnen Gebäudeteile sich in einheitlicher Weise präsentieren. «Die Gestaltung kommt mit wenig Baumaterialien und einer reduzierten Formsprache aus.» So stehe die Zentrumsüberbauung mit seinen Gebäuden und Aussenräumen in «eindringlicher Weise» für das Gedankengut der Nachkriegsmoderne. Der architektonischen Periode zwischen 1945 und 1970. In welchem Ausmass die Gebäude geschützt werden, werde vorzu beurteilt, wie auf Anfrage zu vernehmen ist. «Der genaue Umfang der schutzwürdigen Substanz ist anhand von Bauprojekten in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege zu definieren», so Lauer. Diese angesprochene Zusammenarbeit sorgt bei der evangelisch-reformierten Kirche derzeit für rote Köpfe. Anfang Juni gab die Kirchenpflege bekannt, dass die geplanten Sanierungsarbeiten aufgeschoben oder gänzlich hinfällig werden. Grund war die Nutzungsänderung, die sich durch den Bau eines Grillplatzes ergeben hätte. Doch nicht nur die reformierte Kirche besitzt Liegenschaften im Geroldswiler Zentrum. Auch die Stadt hat ihre Verwaltungsbüros dort. Überdies ist sie im Besitz des «Hotels Geroldswil», wo ebenfalls eine Nutzungsänderung geplant ist. Wie vor ein paarWochen bekannt wurde, kündigte der Pächter den Vertrag frühzeitig auf Juni 2017. Der ursprüngliche Plan der Gemeinde war, ab dem Jahr 2022 – wenn der Pachtvertrag regulär ausgelaufen wäre – den Hotelbetrieb einzustellen und stattdessen Wohnungen zu errichten. Ist diese Nutzungsänderung möglich? «Ja», sagt Anne Lauer. «Die Gebäude des Zentrums, deren Fassaden und Innenräume sind wertvoll.» Demgegenüber sei die Nutzung des Gebäudes nicht unter Schutz gestellt. «Das Konzept der Wohnungen ist mit der Nutzung eines Hotels in seiner Raumdisposition verwandt und kann eine gute Nutzungsänderung darstellen», sagt sie. Schattenseiten Bei der Gemeinde ist man erleichtert, dass die Umnutzung des Hotels in hindernisfreie Wohnungen nicht infrage gestellt wird. Laut Gemeindeschreiber Beat Meier sei noch zu verhandeln, wie weit bauliche Eingriffe – insbesondere in die äussere Struktur und Erscheinung – gehen dürfen. Erste Gespräche hätten bereits stattgefunden. Generell birgt die Aufnahme des ersten Geroldswiler Bauwerks ins Inventar der Schutzobjekte auch Schattenseiten. Wie Meier erklärt, seien nun die Hürden für gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen am Zentrum gestiegen. «Wir sind stolz, ein derart vielfältiges, funktionierendes Zentrum zu haben», damit dies jedoch so bleibe, sei eine Weiterentwicklung wichtig. «Mit der Umgestaltung der Ladenpassage mit VOI, Bäckerei, Café und Metzgerei ist dies sehr gut gelungen.» Die Projekte der neuen Busschlaufe und der Zentrumsüberbauung Baufeld Ost seien schon weit fortgeschritten und würden die Attraktivität langfristig sicherstellen.

Warum das Zentrum schützenswert ist Die grauen Betonwände umschliessen den Geroldswiler Zentrumsplatz, der teilweise von einem Baldachin überdeckt wird. Ästheten mögen sich streiten, ob es sich hierbei um einen schönen Ort handelt. An dem Bau muss aber etwas dran sein. Anfang Juni wurde publik, dass die kantonale Denkmalpflege die Geroldswiler Zentrumsüberbauung ins Inventar Denkmalschutzobjekte aufnehmen wird.Die Gründe dafür sind vielfältig, wie eine Anfrage bei Anne Lauer, der für das Limmattal und Furttal zuständige Inventarisatorin bei der Denkmalpflege, zeigt. «Das Gemeindezentrum nimmt eine hohe städtebauliche Bedeutung ein», sagt sie und unterstreicht die «erstrangige Relevanz» des mehrteiligen, in einem Guss geplanten und ausgeführten Gemeindezentrums in sozial- und wirtschaftshistorischer Hinsicht. Die Mischung von Funktionen in einer Überbauung nehme eine einzigartige Stellung in der Architekturgeschichte des Kantons Zürich ein, so Lauer weiter. Die Nachkriegsmoderne Hinsichtlich der Architektur verweist Lauer auf die hohe Qualität, da die einzelnen Gebäudeteile sich in einheitlicher Weise präsentieren. «Die Gestaltung kommt mit wenig Baumaterialien und einer reduzierten Formsprache aus.» So stehe die Zentrumsüberbauung mit seinen Gebäuden und Aussenräumen in «eindringlicher Weise» für das Gedankengut der Nachkriegsmoderne. Der architektonischen Periode zwischen 1945 und 1970. In welchem Ausmass die Gebäude geschützt werden, werde vorzu beurteilt, wie auf Anfrage zu vernehmen ist. «Der genaue Umfang der schutzwürdigen Substanz ist anhand von Bauprojekten in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege zu definieren», so Lauer. Diese angesprochene Zusammenarbeit sorgt bei der evangelisch-reformierten Kirche derzeit für rote Köpfe. Anfang Juni gab die Kirchenpflege bekannt, dass die geplanten Sanierungsarbeiten aufgeschoben oder gänzlich hinfällig werden. Grund war die Nutzungsänderung, die sich durch den Bau eines Grillplatzes ergeben hätte. Doch nicht nur die reformierte Kirche besitzt Liegenschaften im Geroldswiler Zentrum. Auch die Stadt hat ihre Verwaltungsbüros dort. Überdies ist sie im Besitz des «Hotels Geroldswil», wo ebenfalls eine Nutzungsänderung geplant ist. Wie vor ein paarWochen bekannt wurde, kündigte der Pächter den Vertrag frühzeitig auf Juni 2017. Der ursprüngliche Plan der Gemeinde war, ab dem Jahr 2022 – wenn der Pachtvertrag regulär ausgelaufen wäre – den Hotelbetrieb einzustellen und stattdessen Wohnungen zu errichten. Ist diese Nutzungsänderung möglich? «Ja», sagt Anne Lauer. «Die Gebäude des Zentrums, deren Fassaden und Innenräume sind wertvoll.» Demgegenüber sei die Nutzung des Gebäudes nicht unter Schutz gestellt. «Das Konzept der Wohnungen ist mit der Nutzung eines Hotels in seiner Raumdisposition verwandt und kann eine gute Nutzungsänderung darstellen», sagt sie. Schattenseiten Bei der Gemeinde ist man erleichtert, dass die Umnutzung des Hotels in hindernisfreie Wohnungen nicht infrage gestellt wird. Laut Gemeindeschreiber Beat Meier sei noch zu verhandeln, wie weit bauliche Eingriffe – insbesondere in die äussere Struktur und Erscheinung – gehen dürfen. Erste Gespräche hätten bereits stattgefunden. Generell birgt die Aufnahme des ersten Geroldswiler Bauwerks ins Inventar der Schutzobjekte auch Schattenseiten. Wie Meier erklärt, seien nun die Hürden für gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen am Zentrum gestiegen. «Wir sind stolz, ein derart vielfältiges, funktionierendes Zentrum zu haben», damit dies jedoch so bleibe, sei eine Weiterentwicklung wichtig. «Mit der Umgestaltung der Ladenpassage mit VOI, Bäckerei, Café und Metzgerei ist dies sehr gut gelungen.» Die Projekte der neuen Busschlaufe und der Zentrumsüberbauung Baufeld Ost seien schon weit fortgeschritten und würden die Attraktivität langfristig sicherstellen.

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