«Halte ihn fest! Halte ihn fest!», schreit jemand. Valentin Fischer ist das Befehl: Er umklammert seinen Gegner Raphael Kiener, der mit dem Rücken im Sägemehl liegt. Dann sieht er zum Kampfrichter hoch und springt auf – in Erwartung, dass ihm der Sieg zugesprochen wird. Doch der Kampfrichter lässt weiterlaufen. Fischer ist einen Moment lang irritiert, greift dann aber wieder an und wirft seinen Gegner erneut zu Boden. Kiener jedoch kontert stark und schafft es, Fischer zu Fall zu bringen – genau auf den Rücken. Dann ist das spannende Duell vorbei. Kienen hat es gewonnen.

Wenig später sitzt Fischer an einem Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, und blickt ins Leere. Der Frust über den verlorenen dritten Gang gegen Kienen ist ihm anzumerken. «Ich dachte, ich hätte gewonnen», sagt der Urdorfer vom Schwingklub Glatt- und Limmattal. «Aber der Kampfrichter hat es leider nicht so gesehen.» Trotzdem sei er «superzufrieden»: «Ich habe mich von Gang zu Gang gesteigert und war im dritten dem Sieg so nahe wie nie zuvor», sagt der KV-Lehrling.

Fischer schwingt erst seit drei Monaten

Es wäre Fischers erster Sieg gewesen. Fischer nahm zuvor noch nie an einem Wettkampf teil. Daher hatte er sich zum Ziel gesetzt, am Niklausschwinget einen Gang zu gewinnen. Das war ambitioniert, schwingt der 17-Jährige doch erst seit drei Monaten. «Ich bin im Sommer auf den Schwingsport gekommen, als ich eine Sportart suchte, bei der Kraft wichtig ist», sagt er. Was die Physis angeht, ist Fischer fürs Schwingen prädestiniert: Er ist 191 cm gross und wiegt 100 Kilogramm. «Ich weiss, dass ich die Kraft fürs Schwingen mitbringe», sagt er, «mir fehlt einfach noch die Technik.»

Das sieht auch sein Trainer Thomas Kammermann so, der am Niklausschwinget um eine Auszeichnung kämpft. «Manche Schwinger hätten gerne seinen Körperbau», sagt der Trainer. «Zudem ist Valentin ehrgeizig und selbstkritisch. Das sind beste Voraussetzungen für einen Schwinger.» Der Wettkampf sei jedoch etwas anderes als das Training im Schwingkeller. «Im Schwingkeller fängt man einfach mal an», so Kammermann. «Im Wettkampf aber sagt der Kampfrichter, wann es losgeht.»

Mit der Brille ins Sägemehl

Kammermann spielt damit auf Fischers ersten Gang an, als der Urdorfer nicht realisierte, dass der Kampfrichter den Kampf schon freigegeben hatte und er von seinem Gegner Christian Müller überrumpelt wurde. Nach ein paar Sekunden hatte dieser den Kampf schon entschieden. «Da spürt man die mangelnde Wettkampferfahrung», so Fischer.
Auch zu Beginn der beiden folgenden Duelle passierte Fischer ein kleines Malheur. Vor dem zweiten Gang vergass er sein Handy in der Hosentasche, vor dem dritten, die Brille abzulegen. «Man ist so sehr auf den Kampf fokussiert, da vergisst man alles andere um sich herum», sagt Fischer. Die Konzentration ist hoch, die Gänge sind anstrengend. «Es ist viel intensiver als im Training», sagt Fischer, «man wird nach jedem Gang sehr müde.»

Und dann musste er wieder in die Hosen steigen – der vierte und letzte Gang der Vorrunde stand an. Fischer dominiert seinen Gegner Michael Laager von Beginn weg, dann setzt dieser aber zu einem Fussstich an und gewinnt. Damit scheidet der Urdorfer ohne Sieg aus. «Valentin hat glücklos gekämpft», sagt sein Trainer Kammermann. «Er hätte gegen Kiener den Sieg verdient gehabt, aber so eine Erfahrung gehört dazu, das gleicht sich wieder aus.» Wichtig sei, dass Fischer mal vor Publikum habe schwingen können, was besonders am Niklausschwinget nicht einfach sei: «Hier in der Stadthalle herrscht auch eine spezielle Atmosphäre, die Zuschauer sitzen sehr nahe bei den Schwingplätzen. Aber wir sind froh, dass wir junge Schwinger nachziehen können.» Das Fest hat dieses Jahr 900 Zuschauer nach Dietikon gelockt.

Luca Pallaoro aus Oberengstringen mit zwei Gestellten

Für Thomas Kammermann selbst endet das 80. Niklausschwinget mit einem Erfolgserlebnis: Der Dübendorfer kann sich die ersehnte Auszeichnung sichern, ebenso wie Klubkollege Daniel Wettstein. Der Oberengstringer Luca Pallaoro hingegen schafft es mit zwei Gestellten nicht in den fünften Gang. Und Fischer? Der lässt trotz vier Niederlagen den Kopf nicht hängen. «Ich werde wieder Schwingfeste bestreiten», kündigt er an. «Und ich hoffe, dass ich eines Tages einen Kranz gewinne.»

Speziell war der Samstag nicht nur für Fischer: Hanspeter Haug, Präsident des Organisationskomitees, tritt nach 15 Jahren im Amt zurück und wurde für sein Engagement geehrt, ebenso wie der langjährige Platzarzt Remo Urio und der Bauchef Kurt Ehrsam aus Fahrweid. Letzterer hatte seine Funktion 25 Jahre lang ausgeübt.

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