Birmensdorf

Uwe Krzesinsku regelte sogar den Verkehr im Dorf

Ende April räumt er sein Büro: Gemeindeschreiber Uwe Krzesinski will sich beruflich weiterbilden.  nem

Ende April räumt er sein Büro: Gemeindeschreiber Uwe Krzesinski will sich beruflich weiterbilden. nem

Nach 10 Jahren im Dienst der Gemeindeverwaltung zieht Uwe Krzesinski weiter. Von Birmensdorf nimmt er ein sehr positives Bild mit: «Trotz der Nähe zu Zürich ist es keine Schlafgemeinde.»

Die säuberlich geordnete Papierbeige auf dem Pult wird von Tag zu Tag kleiner. Das löst Wehmut aus bei Uwe Krzesinski. Es sind die Unterlagen für die letzten Geschäfte, die er in seiner Rolle als Gemeindeschreiber von Birmensdorf noch abschliessen muss. Ende April verlässt er die Gemeinde nach rund eineinhalb Jahren als Leiter der Verwaltung. Zuvor war er achteinhalb Jahre stellvertretender Gemeindeschreiber von Birmensdorf gewesen. «Der Abschied wird mir richtig schwer fallen. Ich hatte hier eine gute, spannende und lehrreiche Zeit», so Krzesinski.

Andererseits freut er sich auch: auf seinen Sprachaufenthalt in Paris, wo er sein Französisch verbessern will. «Ich werde der Verwaltung erhalten bleiben – ob bei Bund, Kanton oder Gemeinde. Deshalb will ich eine zweite Landessprache beherrschen», sagt der 44-Jährige. Zudem liebäugle er mit einem berufsbegleitenden MBA-Studium (Master of Business Administration). «Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Mit 50 muss ich das Studium nicht mehr beginnen», begründet Krzesinski seinen Weggang aus Birmensdorf.

Auch die geplante Reise nach Paris passt perfekt in die Biografie des Gemeindeschreibers: Er liebt fremde Sprachen und bereiste nebst Europa schon die USA, Thailand, Indien, Malaysia, Neuseeland, Australien oder Südamerika. «Ich war in Argentinien, als ich 2001 das Stellenangebot aus Birmensdorf bekam», erinnert sich der Aargauer und schmunzelt. Eigentlich wollte er ein ganzes Jahr in Südamerika bleiben und sämtliche Länder des Kontinentes besuchen. Deshalb lehnte er es ab, nur für ein Vorstellungsgespräch zurück in die Schweiz zu fliegen. «Aber auch ohne Vorstellungsgespräch habe ich die Stelle als stellvertretender Gemeindeschreiber bekommen», so Krzesinski. Sein guter Ruf war ihm vorausgeeilt: Er hatte zuvor sechs Jahre lang als Steuersekretär im benachbarten Bonstetten gearbeitet und bereits das Gemeindeschreiber-Diplom gemacht.

«Wusste nur vom Stau»

Von Birmensdorf hatte er noch praktisch keine Vorstellung, als er im April 2001 sein Pult im Gemeindehaus einräumte: «Ich wusste aufgrund der Radiomeldungen, dass es dort immer Stau hatte.» Heute hat Krzesinski ein sehr positives Bild der Gemeinde: «Trotz der Nähe zu Zürich ist sie keine Schlafgemeinde – sondern ein Dorf mit Charakter und einer sehr aktiven Vereinslandschaft.»

Was den Gemeindeschreiber am meisten beeindruckt hat: dass die Birmensdorfer nicht nur am Neujahrsapéro oder am 1.August als freiwillige Helfer anpacken, sondern auch dann, wenn es «brennt». Zum Beispiel an der historischen Gemeindeversammlung im vergangenen Sommer. Rund 1400Stimmberechtigte nahmen teil, mobilisiert durch die Diskussion über eine Abspaltung des Sternen-Quartiers von der Gemeinde Birmensdorf. «Freiwillige stellten das Zelt auf, das die Gemeinde für diese Versammlung organisiert hatte. Als die Sitzplätze knapp wurden, holten sie zusätzliche Stühle aus dem Gemeindezentrum», erinnert sich Krzesinski. «Es war eine grosse Freude für mich, dass man auf die Leute zählen kann.»

Ein zweites Ereignis, von dem er noch lange erzählen wird: Eines Abends im Jahr 2006 regelte er gemeinsam mit Sicherheitsvorstand Reto Derungs in einer spontanen Aktion den Verkehr an der völlig überfüllten Zürcherstrasse. Diese glich damals einer einzigen Baustelle, weil nach der Teileröffnung der Westumfahrung Zürich die flankierenden Massnahmen umgesetzt wurden. Ab und zu kam es zum Verkehrskollaps, genervte Autofahrer ignorierten die Ampeln. «Ich wollte mir die Situation vor Ort anschauen. Reto Derungs war bereits dort und sagte zu mir: ‹Komm, jetzt müssen wir etwas unternehmen!›», erzählt Krzesinski und lacht. «Ich schwitzte Blut, ich hatte so etwas noch nie gemacht.»

Aus dem Büro in den Wald

Was der Gemeindeschreiber hingegen öfters tat: Raus aus dem Büro gehen – und rein in den Wald, ins Dorf oder zur Kläranlage. «Es war mir wichtig, mir vor Ort ein Bild über den Gegenstand eines politischen Geschäfts zu machen», so Krzesinski. Als Gemeindeschreiber war er ein Rechercheur, der die relevanten Fakten aufstöberte und verständlich aufbereitete, damit der Gemeinderat auf dieser Grundlage einen Entscheid zu einer politischen Frage fällen konnte. Eine grosse Verantwortung für den Gemeindeschreiber: «Dossierkenntnis war für mich das Wichtigste», sagt er.

Wichtige Entscheidungen gab es aufgrund der grossen Umbrüche im und um das Dorf viele in den letzten Jahren: Mit dem Bevölkerungswachstum verbunden waren etwa die Bestrebungen, im Gebiet Aemet neues Bauland zu schaffen oder der Neubau des Primarschulhauses Linde. Ein zweites grosses Thema war die flächendeckende Einführung von Tempo-30-Zonen nach der Eröffnung der Westumfahrung. 17 Gemeindeversammlungen betreute Krzesinski während seiner 10 Jahre bei der Gemeinde, pro Jahr schrieb er rund 1200 Seiten Protokoll aus den Sitzungen des Gemeinderats.

Vor allem auch bei Bauthemen war Krzesinski froh, dass er die Geschäfte an die zuständige Verwaltungsabteilung delegieren konnte und «gute Leute» im Rücken hatte, wie er sagt: «Ehrlich gesagt: Ich bin ein Bürolist und kein Techniker. Aber meine Mitarbeiter beantworteten geduldig meine Fragen, bis auch ich wusste, wie eine Kläranlage funktioniert.» Dass er bereits als stellvertretender Gemeindeschreiber schnell vertraut war mit Leuten und Themen in Birmensdorf, lag nicht zuletzt an seinem Vorgesetzten: Ruedi Jetter hatte über 40 Jahre lang als Gemeindeschreiber in Birmensdorf gewirkt. «Er wusste alles und kannte jeden», so Krzesinski. «Ich habe extrem profitiert von ihm.»

«Es war ein mulmiges Gefühl»

Es war ein mulmiges Gefühl für Krzesinski, als er 2009 in die grossen Fussstapfen des pensionierten Jetters trat: «Ich hatte einen Heidenrespekt davor, plötzlich an der Front zu stehen und für über 50 Angestellte verantwortlich zu sein.» Er sei den Birmensdorfern dankbar, dass sie ihn in seiner neuen Rolle gut aufgenommen hätten. «Ich fühlte mich schnell heimisch», sagt er.

Und was wünscht Krzesinski «seiner Gemeinde» vor der Abreise nach Paris? «Ich hoffe, dass sie ihren Schwung beibehalten kann – und dass sie sich weiterentwickelt, ohne ihren dörflichen Charakter zu verlieren.»

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