Reto Siegrist will in den Dietiker Stadtrat. Sozial engagiert sei das Direktionsmitglied der Zürcher Kantonalbank, führungserfahren und methodenkompetent, preist ihn seine Partei, die CVP. Doch nach dem Erscheinen eines Artikels des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» bekommt Siegrists weisse Weste Flecken: Dort taucht der 52-Jährige als Schlüsselfigur im US-Kunden-Geschäft der Zürcher Kantonalbank (ZKB) auf, das Bestandteil der laufenden Verhandlungen mit den US-Steuerbehörden ist.

Der Vorwurf des Magazins: Unter der Leitung von Siegrist soll die ZKB sich in den Jahren 2007 und 2008 aktiv um amerikanische Steuerflüchtlinge bemüht haben. Haufenweise US-Kunden, die sich angesichts der Untersuchungen im Hause UBS nach einer neuen Bank umsahen, sollen damals bei der mittlerweile liquidierten Neuen Zürcher Bank (NZB) untergekommen sein. Als Depotbank für das kleine Geldhaus agierte unter anderem auch die Zürcher Kantonalbank. Der direkte Kundenkontakt lief zwar über die NZB, die Wertschriftenverwaltung lag aber bei der ZKB. Damit kommt der Dietiker Stadtratskandidat ins Spiel: Für das Custodygeschäft für externe Vermögensverwalter (eVV) der Zürcher Kantonalbank war eine von Siegrists Abteilungen zuständig.

«Nicht wählbar»

Im Hinblick auf den laufenden Dietiker Wahlkampf erhalten solch schwerwiegende Vorwürfe eine besondere Brisanz. In Leserbriefen wird Siegrist angesichts dieser mutmasslichen Verstrickungen bereits als «nicht wählbar» bezeichnet. Siegrist widerspricht: «Solche Vorwürfe sind wahltaktisch motiviert. Diejenigen, die solche Dinge schreiben, kann ich nur motivieren, sich über den Sachverhalt zu informieren oder sich bei mir zu melden. Ich erkläre ihnen die Zusammenhänge gerne im Gespräch.» Dass ihm der «Bilanz»-Artikel im Wahlkampf schaden könnte, glaubt Siegrist nicht: «Die Leute wissen, was ich kann und welche Kompetenzen mit meiner Person in den Stadtrat eingebracht würden.»

Auf mehrere Hundert Millionen Franken sei das Custodybusiness für die NZB laut «Bilanz» angeschwollen, nachdem die ZKB das Geschäft gezielt vorangetrieben haben soll. Irgendwann wurde das zusehends kritischer werdende Geschäft mit den US-Kunden aber auch ihr zu heikel. Im Juni 2008 erliess die Bank als erstes Schweizer Finanzinstitut ein erstes Moratorium. Siegrist und sein Team sollen bei der Zurückstufung des Geschäfts «als Bremser agiert» haben, schreibt das Magazin. Vergeblich: In den Folgemonaten wurden Aufnahmebeschränkungen für US-Kunden sukzessive verschärft.

Nun hat sich Siegrist mit seiner Funktion als eVV-Zuständiger alleine noch nichts zuschulden lassen kommen. Heikel an seiner Verwicklung in das US-Kunden-Geschäft ist die Frage, ob die ZKB unter seiner Leitung wissentlich US-Steuerflüchtlinge via NZB aufgenommen hatte und inwiefern Siegrist in Vermittlungszahlungen – sogenannte Finder Fees – von marktunüblich hohen Summen involviert war, wie das die «Bilanz» wissen will.

«Finder Fees wurden bezahlt, wie das zu diesem Zeitpunkt Usus war», sagt Siegrist. Gegen den Vorwurf der überdurchschnittlichen Höhe dieser Beträge wehrt er sich jedoch vehement: «Wir haben keine marktunüblichen Fees bezahlt.» Auch hätte seine damalige Abteilung keine Strategie verfolgt, die explizit auf das Anwerben von heimatlos gewordenen US-Kunden abzielt. «Es gab keine Strategieanpassung, nachdem der Ausstieg der UBS aus dem US-Geschäft auf dem Schweizer Bankenmarkt zum Thema wurde. Wir haben uns nicht aktiv um amerikanische Kunden bemüht», sagt Siegrist.

«Kunden genau geprüft»

Zudem habe man auch die Kunden, die via NZB zur ZKB kamen, wie alle anderen Kunden von externen Vermögensverwaltern genau unter die Lupe genommen. «Den Vorwurf, nicht präzis geprüft zu haben, welche Kunden wir aufnehmen, muss ich explizit zurückweisen», sagt Siegrist. Die NZB sei auch mit Geschäften an die ZKB herangetreten, welche diese abgelehnt habe. «Wenn ein Geschäft nicht den gesetzlichen Normen entsprach, gab es keine Kundeneröffnung», gibt Siegrist zu Protokoll.

Der Knackpunkt liegt laut Siegrist bei der strukturellen Trennung der Wertschriftenverwaltung: «Aus Schweizer Sicht gibt es eine rechtliche Differenz, ob wir mit diesen Kunden in einem direkten oder in einem indirekten Verhältnis standen.» Es entziehe sich der Verantwortung eines Custodians – in diesem Fall die ZKB –, wie ein externer Vermögensverwalter wie eine NZB seine Depotkunden berate, so Siegrist. Das Problem: In Amerika wird die Trennlinie zwischen Betreuer oder Berater von Kunden und deren Custodian nicht so scharf gezogen wie in der Schweiz.

«Unter den rechtlichen Bedingungen, die zu dieser Zeit galten, waren die US-Kunden, die via NZB zu uns kamen, keine Risikokunden», sagt Siegrist. Als problematisch bezeichnet er das Vorgehen der «Bilanz», die Vorwürfe während der laufenden Verhandlungen mit den US-Behörden an die Adresse der ZKB zu erheben. Abschliessend sagt er: «Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Die Zürcher Kantonalbank hat im Geschäft mit externen Vermögensverwaltern gute Arbeit geleistet.» Alle Geschäfte seien nach den internen Richtlinien seriös durchgeführt worden.

Partei steht hinter Siegrist

Ortspartei-Präsident Dominik Lamprecht lässt auf Anfrage verlauten, die CVP Dietikon stehe nach wie vor hinter ihrem Kandidaten. «Wir haben die Sache mit Reto Siegrist im Vorfeld der Bekanntgabe seiner Kandidatur besprochen. Er hat immer sehr offen über alles kommuniziert», so Lamprecht. Siegrist habe die Partei überzeugt, dass die Anschuldigungen haltlos seien. «Es war zu erwarten, dass Siegrists Rolle bei der ZKB im Wahlkampf verwendet werden könnte, um gegen ihn Stimmung zu machen», sagt Lamprecht, «wir stehen voll und ganz hinter ihm.»

Die Resultate der Verhandlungen mit den USA werden noch in diesem Jahr erwartet. Die Busse, mit der die ZKB für die indirekte Aufnahme von Steuerhinterziehern rechnen muss, wird laut «Bilanz» auf 300 Millionen Franken geschätzt. Muss die ZKB eine Busse zahlen, betrifft das auch den Steuerzahler: Hat die Kantonalbank unter dem Strich weniger Geld, fällt auch die Gewinnabschöpfung für den Kanton geringer aus.

Als öffentlich-rechtliche Anstalt und neuerdings als systemrelevant eingestufte Bank geniesst die ZKB zudem Staatsgarantie, wobei diese bei der vermuteten Bussensumme nicht zum Tragen kommen dürfte. Dies betont auch Siegrist: «Die Zürcher Kantonalbank steht auf so gesunden Beinen, dass der Steuerzahler auch im Fall einer Busse nichts zu befürchten hätte. Eine eventuelle Abschreibung oder Busse könnte die ZKB aus eigener Kraft tragen.»