Erster Weltkrieg
Urdorfer Tagebuch: Weit weg von der Front war der Krieg vor allem eintönig

Der Urdorfer Jakob Grob zog vor 100 Jahren in den Aktivdienst. In seinem Kriegstagebuch schildert er Gebrechen, aber auch Momente der Leichtigkeit

Alex Rudolf
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Jakob Grob hat zeit seines Lebens Tagebuch geführt. Manchmal gewissenhaft, dann wieder lückenhaft. Der im Jahr 1892 geborene Bauer lebte bis zu seinem Tod in Urdorf. Nicht verwunderlich ist es, dass sich Grobs Tagebucheinträge intensivierten, als er im Jahr 1914 sein Urdorf verlassen musste und in den Aktivdienst eingezogen wurde. Am Morgen des 4. Augusts sollte sich sein Leben und das vieler junger Männer schlagartig ändern. Die ganze Armee wurde mobilisiert, nachdem in Europa der Krieg ausgebrochen war. Das Schützenbataillon 6, eine Eliteeinheit, hatte an diesem Tag um 9 Uhr morgens in Winterthur sein Material zu fassen, einer der Soldaten war Jakob Grob.

In der Lokomotivfabrik mussten die Soldaten ihr Bajonett schleifen, bevor sie um 11 Uhr den Fahneneid leisteten. Danach folgte sogleich der Marsch zur ersten Zwischenstation ins wenige Kilometer entfernte Henggart. Zu Beginn seiner Dienstzeit schrieb Grob, dass rund die Hälfte seiner Kameraden in der Kompanie noch hätten geimpft werden müssen. Dass dies, nicht wie heute, eine grosse Sache war, zeigen die Folgen der Impfungen. Die meisten hätten im Anschluss unter Fieber und Übelkeit gelitten. Zudem entstanden grosse Blasen an den Impfstellen.

Anfang August wurde Grobs Kompanie von Henggart nach Solothurn verlegt. Die Zugreise, die heute in unter zwei Stunden zurückgelegt werden kann, dauerte damals einen halben Tag. Auf einem Zwischenhalt in Olten reichten «Oltener Schöne» den Soldaten Wasser. Der August 1914 muss ein aussergewöhnlich heisser Sommer gewesen sein. An mehreren Stellen verweist Grob auf die grosse Hitze und die Folgen für die Gesundheit seiner Kompanie. Bei Märschen mussten immer wieder Kameraden eine Hitzepause einlegen und verpflegt werden. Auch Fussschweiss war damals ein grösserer Stolperstein, als er es heute ist. Während des Aufenthalts am Bielersee, wo die Kompanie ausgebildet wurde, setzte die Reibung am Schuh in Kombination mit der Flüssigkeit Grob zu. So sehr, dass sich an seinem Fuss eine Wunde bildete, die im Lauf der nächsten Tage anschwoll. «Eine Art Blutvergiftung», wurde beim Urdorfer diagnostiziert.

Dass der Alltag der Soldaten im Ersten Weltkrieg von Angst und Sorgen geprägt gewesen ist, kommt in Grobs Aufzeichnungen nicht gross zum Ausdruck. Sei dies aus Gründen der Verdrängung oder weil nie eine ernsthafte Kampfsituation bestand. Eine der vergnüglichen Passagen in Grobs Schriften ist das Eintreffen in einem Bauernhaus in Courtételle am 1. September 1914 auf dem Gebiet des heutigen Kantons Jura. Für 80 Rappen pro Liter wurde dort bereits um 12 Uhr mittags der erste französische Wein ausgeschenkt, trotz des in der Armee herrschenden Alkoholverbots. So sei die Inspektion nach den Reinigungsarbeiten «famos» vonstatten gegangen. «Oberleutnant Böckli musste sich ob der flotten Drehungen aufhalten», beschrieb Grob die Szene. Nach dem Abtreten hätten die Männer dem Alkohol erst recht zugesprochen, einige seien bereits um 21.30 Uhr «toll und voll» gewesen.

Die Tage waren immer gleich

Nur gerade zwei Wochen später gab es für den Urdorfer erneut Grund zur Freude. Inzwischen war seine Kompanie ins jurassische Porrentruy versetzt worden. Sein Vater hatte sich zum Besuch angemeldet und, obwohl dem damals 22-jährigen nicht «vögeliwohl» war, erhielt er die Erlaubnis, seinen Vater am Bahnhof abzuholen. «Zu meiner grössten Freude kam er nicht alleine, denn Anna meine Braut, war noch bei ihm», schrieb Grob am 13. September 1914. Im Restaurant Tell hatten die drei das grosse Wiedersehen.

Feierlichkeiten fielen immer bescheidener aus. Den Silvesterabend im Jahr 1914 beging das Schützenbataillon 6 mit einer Flasche Bier und einem Schinkenbrot pro Soldat. Bereits um 1.30 Uhr wurden die Männer wieder aus dem Schlaf gerissen, nur um den Gruppenführer Rapport erstatten zu lassen.

Das neue Jahr sollte eine neue Station für Jakob Grob und seine Kollegen bringen. Der Urdorfer wurde fest im Tessin stationiert. In Locarno gestalteten sich die Tage eintönig. 5.30 Uhr war Tagwache, zwischen 6 und 7 Uhr Drill, anschliessend gab es Frühstück. Die Zeit bis zum Mittagessen war wiederum mit Drill gefüllt, genauso die Zeit zwischen 14 und 16 Uhr, bevor eine halbe Stunde im Lago Maggiore gebadet werden durfte. Es folgten Reinigungsarbeiten, das Abendessen und Hauptverlesen. «Dieser Tagesbefehl dauerte mit wenigen Änderungen die ganze Zeit, die wir in Locarno waren», so Grob.

Schmerz muss gross gewesen sein

Etwas Tragisches ereignete sich im Oktober 1915, Grob war noch immer im Tessin stationiert. Schütze L. desertierte aus der Kompanie. Er soll versucht haben, bei Brissago über die Grenze zu flüchten. Dort sei er jedoch von der Grenzwache aufgegriffen worden. Erneut gelang ihm die Flucht. Ein tragisches Ende fand er im Freitod, er ertränkt sich im See, schrieb Grob.

Ab November plagten den Urdorfer starke Ohrenschmerzen. Nach der Verlegung in die Etappen-Sanitätsanstalt in Olten verschlechterte sich sein Zustand. Dort wurde ihm mehrmals das Ohr «durchstochen», worauf jeweils eine Flüssigkeit austrat. Die Schmerzen müssen gross gewesen sein, eine Besserung war nicht in Sicht. Erst im Februar wurde eine Mittelohrentzündung diagnostiziert, worauf Grob ins Kantonsspital Basel verlegt und operiert wurde. Bei seiner Entlassung aus dem Spital fünf Wochen später im April 1916 enden Grobs Tagebuchaufzeichnungen. Fest steht, dass er nach seiner Rückkehr nach Urdorf seine Braut Anne ehelichte und ein Jahr später das erste ihrer drei gemeinsamen Kinder zur Welt kommen sollte.

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