Eigentlich hat Christian Oberbichler am Dienstagnachmittag kaum Zeit für ein Interview, denn der Urdorfer muss seine Koffer packen. Bereits am darauffolgenden Tag fliegt er nach Kanada. In Calgary startet der Eisschnellläufer in der Division B im 500-Meter-Rennen, im Teamlauf und über 1000 Meter.

Christian Oberbichler 2012 in Calgary

Christian Oberbichler 2012 in Calgary

Die 1000 Meter sind für Oberbichler an einem Weltcup ein Novum. Vor zwei Wochen hat er im deutschen Inzell die Weltcuplimite geschafft. Im vergangenen Jahr verpasste er die nötige Qualifikationszeit noch um acht Hundertstel , 2013 fehlten gerade mal drei Hundertstel. «Damals war ich im Kopf noch nicht bereit», erklärt er. Denn die Distanz sei sehr anspruchsvoll. «Vor allem die letzten 200 Meter sind schwierig», sagt Oberbichler. «Dort habe ich zuvor immer Zeit verloren.»

Fokus auf den Sport

Dass Oberbichler dieses Jahr die Limite geschafft hat, kommt nicht von ungefähr. Per Ende September hat der Urdorfer seinen Job als Schreiner aufgegeben, um sich voll auf seine sportliche Karriere zu konzentrieren. «Mein Arbeitgeber und ich haben nach einer Lösung gesucht, Training und Beruf unter einen Hut zu bringen», sagt er. «Das hat aber nicht geklappt, deshalb haben wir das Arbeitsverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst.» Hinzu komme, dass die Belastung im Beruf sich auch auf die sportlichen Leistungen übertragen würden. «Wenn man im Geschäft ein Problem hat, kommt man auch angespannt ins Training», sagt der 23-Jährige.

Oberbichler (rechts) 2012 in Davos

Oberbichler (rechts) 2012 in Davos

Da er nun beruflich nicht mehr gebunden ist, kann Oberbichler sich den Tag frei einteilen und entsprechend das Training anders gestalten. «Ich kann jetzt besser regenerieren», sagt er. «Vorher kam die Erholung zu kurz.»

Oberbichler hat seine neue Freiheit bereits genutzt. «In den letzten vier Wochen habe ich zehn- bis zwölfmal
wöchentlich trainiert», sagt er, «jeweils zwei bis drei Stunden.» Seine Trainingseinheiten auf dem Eis absolviert der Urdorfer auf der Kunsteisbahn im Dolder. Diese ist zwar nur halb so lang wie die 500 Meter, die der Urdorfer beim Weltcup läuft. «Aber der Radius der Kurven bleibt derselbe», erklärt er. «Einzig die Distanz auf der Geraden wird kürzer.» Genau das dürfte die Herausforderung für Oberbichler werden. «Auf der Geraden erholt man sich normalerweise», sagt er. «Auf der kürzeren Bahn muss man sich dann quasi in zwei Schritten erholen. Auf diesen Unterschied muss ich mich mental einstellen.»

Intensivprogramm in Kanada

Sein Programm am Weltcup in Calgary ist happig: Am 13. November startet Oberbichler über 500 Meter, einen Tag später über 1000 Meter und im Teamlauf sowie am 15. November nochmals über 500 Meter. Vier Rennen in drei Tagen – wie kann man sich dazwischen überhaupt noch erholen? «Beim 500-Meter-Lauf ist das kein Problem», sagt Oberbichler. «Nach dem 1000-Meter-Lauf und dem Teamwettkampf hingegen werde ich mich gut erholen müssen.» Immerhin bleibt ihm noch eine Woche Zeit, um sich vorzubereiten. «Ich werde bis nächsten Mittwoch täglich auf dem Eis trainieren. Und am Samstag haben wir noch ein Rennen, um die Geschwindigkeit zu testen, denn Calgary ist die zweitschnellste Bahn weltweit», verrät Oberbichler.

Druck verspürt er keinen, obwohl es um viel geht. Denn wer ein Rennen in der Division B gewinnt, kommt in die Division A, wo die Weltspitze antritt. Das ist eines seiner Ziele. Ein anderes ist, sich für die Olympischen Spiele 2018 zu qualifizieren: «Am liebsten schon im Januar oder Februar 2017.»

Vorläufig konzentriert er sich aber auf Calgary. «Es wird nicht einfach werden, denn die besten Läufer werden dabei sein», sagt Oberbichler. Aber genau das könnte ihm helfen: «Wenn so starke Läufer dabei sind, ist man selbst auch schneller.»