Urdorf
Warum ein Verein ein halbes Jahr lang Reptilien zählte – und was der Kanton zu den Resultaten sagt

Erstmals hat der Natur- und Vogelschutzverein auf der Urdorfer Ruderalfläche ein Reptilienmonitoring durchgeführt. Dieses soll die Wichtigkeit des Vernetzungsgebiets aufzeigen.

Larissa Gassmann
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Demonstriert, wie er die angetroffenen Reptilien jeweils bildlich festhielt: Urs Hilfiker vom Natur- und Vogelschutzverein Urdorf.

Demonstriert, wie er die angetroffenen Reptilien jeweils bildlich festhielt: Urs Hilfiker vom Natur- und Vogelschutzverein Urdorf.

Larissa Gassmann

So richtig habe er nie gewusst, was ihn erwartet, sagt Urs Hilfiker und hebt die Nachweisplatte an, die er in der Nähe des Tennisclubs Weihermatt deponiert hat. Darunter angetroffen hat er zuletzt Barrenringelnattern, Zauneidechsen und Blindschleichen, aber auch Mäuse, Insekten oder einen Igel – und allesamt wurden sie vom Natur- und Vogelschutzverein Urdorf (NVU) fein säuberlich gezählt und bildlich festgehalten. Oftmals habe er mit der Kamera abgedrückt, bevor er überhaupt wusste, welches Exemplar sich unter der Platte verbarg, sagt Hilfiker. Denn: Tempo war Trumpf.

Registriert wurden die Tiere erstmals für ein sogenanntes Reptilienmonitoring. 30 Wochen lang haben Freiwillige die Fläche zwischen Bahnlinie und Stockacherbach untersucht. Ausgelegt wurden von April bis August zehn Nachweisplatten. Verwendet werden diese, weil sie sich selbst bei wenig Sonnenlicht aufwärmen. Denn:

«Warme Strukturen sind für die wechselwarmen Reptilien lebenswichtig. Dementsprechend gerne werden sie aufgesucht.»

Gleichzeitig werden unter der Platte Feuchtigkeit und Wärme gestaut, was Blindschleichen anzieht. Als besonders spezielles Erlebnis aber bezeichnet Hilfiker die Entdeckung einer Spitzmaus. Unterwegs war diese mitsamt ihren Jungtieren, welche sich typischerweise wie bei einer Polonaise aneinanderhefteten.

Die Spitzmaus mit ihren drei Jungtieren.

Die Spitzmaus mit ihren drei Jungtieren.

zvg/Urs Hilfiker

Durchgeführt wurde die von Hilfiker geleitete Untersuchung im Zusammenhang mit dem überregionalen Projekt «Natur neben dem Gleis» diverser Natur- und Vogelschutzvereine. So entstand 2016 der Wunsch, das Reptilienaufkommen entlang der Bahnlinie Schlieren bis Knonau zu prüfen. Bereits im vergangenen Jahr habe man bei den Urdorfer Gleisen enorm viele Zauneidechsen entdeckt. Hilfiker: «Dies festzustellen, war sehr schön. Dabei wuchs der ‹Gwunder›, auch die Ruderalfläche zu untersuchen.»

Einst befanden sich hier Panzersperren

Durchlaufen hat Hilfiker einen Ausbildungskurs bei der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz. Auf die Frage, ob man für ein Projekt dieser Art ein bisschen «angefressen» sein soll, meint er bloss, er interessiere sich halt einfach für die Natur, Pflanzen, Amphibien, «‹Heugümper› und alles Mögliche». Auch bei den weiteren Freiwilligen handle es sich um Leute, «die gerne in die Natur gehen, beobachten und mithelfen». So kümmert sich Hilfiker nebenbei seit über 15 Jahren um die Amphibienzugstelle. Dazu kommen ebenfalls in Freiwilligenarbeit der Unterhalt und die Aufwertung der Fläche. Darin inbegriffen ist das Zurückschneiden von Sträuchern und Bäumen oder das Erstellen von Äste- und Steinhaufen.

Liess sich gerne blicken: eine Blindschleiche.

Liess sich gerne blicken: eine Blindschleiche.

zvg/Marianne Jeker

Auf der untersuchten Fläche befanden sich einst Panzersperren aus dem Zweiten Weltkrieg. Bevor diese komplett entfernt wurden, erreichte der NVU vor über 20 Jahren, dass der grösste Teil vom Kanton erworben und unter Schutz gestellt wurde. Heute gilt der Korridor am südlichen Ende von Urdorf «als Schutzgebiet von überregionaler Bedeutung». Er bildet dabei die einzige vernetzende Struktur, die von Osten nach Westen durch die Urdorfer Senke führt. «Gerade deswegen ist das Gebiet wertvoll», sagt Hilfiker. Dies bestätigt das Monitoring. So wurden an beiden Enden des Korridors Tiere entdeckt. Dass die Vernetzung funktioniert, sei nicht überraschend, «aber es ist doch schön, zu wissen, dass es klappt». Ebenfalls klar ist, dass die Reproduktion sichergestellt ist – entdeckt wurden etwa letztjährige Barrenringelnattern.

«Die Resultate zeigen, dass Aufwertungen eine positive Wirkung haben»

Vonseiten der kantonalen Baudirektion heisst es dann auch, dass die Resultate erfreulich seien. «Die Resultate zeigen, dass ökologische Aufwertungen, die entsprechend gepflegt und unterhalten werden, eine positive Wirkung haben», so Mediensprecherin Isabelle Rüegg. Das Objekt sei ein wertvoller Reptilienstandort.

Nach Biodiversität und Vernetzung werde aber auch ein weiteres Thema stets präsenter, so Hilfiker. Gemeint ist die ökologische Infrastruktur. Genau wie Menschen Strassen oder Wege brauchen, benötigen Tiere Gewässer, Wiesen, Wälder, Hecken oder dunkle Korridore. «Dies wird auch in Urdorf ein Thema sein, das man intensiv bearbeiten muss. Da gibt es noch einiges zu tun», so Hilfiker.

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