24 Stunden in...
Urdorf: Im ehemaligen Bauernkaff finden die Städter ihr Glück

Die feministische Lehrerin, der Bordellbetreiber, der Gemeinderat und viele andere Dorforiginale sind aus der Stadt nach Urdorf gekommen. 24 Stunden zwischen Bergermoos und Bahnhof zeigen, warum sie das ehemalige Bauernkaff lieben und wer der Jasskönig ist.

David Egger
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24h in Urdorf
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In einer Stunde füllt das Putz-Détachement einen ganzen 60-Liter-Abfallsack.
In der Heidenkeller-Siedlung empfängt Airbnb-Gastgeber Dani Gäste aus aller Welt, vor allem aus Asien.
Ruedi Altherr vom Velo-Lade im Wirtschaftsraum Nord: «Ich fühle mich zuerst als Limmattaler.»
Altherr beschäftigt auch einen Stift: Tim Wisler aus Wiedikon setzt in der Werkstatt eine Speiche ein.
Rosmarie Blaser (Dritte von links) wird nach 30 Jahren als Lehrerin in Urdorf pensioniert. Mit den Lehrerkollegen stösst sie im «Bahnhöfli» darauf an.
Auch im berühmten Story-Pub wird angestossen: Zeit für das Feierabendbier! Sandra Gehrer (mit Prosecco) wirtet seit über 10 Jahren hier.
Wenns brennt, filmt sein Helm mit: Feuerwehrkommandant Thomas Bollinger hat eine Fire-Cam montiert.
Er ist wohl der modernste freiwillige Feuerwehrkommandant der Schweiz: Mit dem Tablet zeigt er die Cloud der Urdorfer Feuerwehr und diverse Statistiken.
Die Stadtpolizei Schlieren/Urdorf im Einsatz: Kurz vor 21 Uhr kommt der Redaktor bei der Birmensdorferstrasse an einer Verkehrskontrolle vorbei.
Ab ins Bergermoos West: Das «Soprano» lockt Gäste aus der ganzen Schweiz an.
Der Chef des «Soprano», Raco Giljen: «Die Urdorfer sind gute Leute, die denken noch gesund, nicht so gestresst wie in der Stadt», sagt er.
Jessy, die schwarzhaarige Schönheit aus Rumänien, arbeitet seit über einem halben Jahr im «Soprano». In anderen Bordellen werden die Frauen monatlich ausgewechselt.
Und hier schläft der Redaktor: Das Airbnb-Zimmer in der hippen Urdorfer Heidenkeller-Siedlung.
Nach der kurzen Nacht gehts um 6 Uhr wieder ins Bergermoos, diesmal in den östlichen Teil: Dort steht die grösste Distributionsbasis der Schweizerischen Post.
Paketbote Manuel Egger aus Spreitenbach verteilt die Pakete auf der Route 107 in Dietikon. Bis 6.45 Uhr muss der Lieferwagen abfahrbereit sein.
Paketbote Dani wird nach dem Losfahren als erster wieder anhalten. Er verteilt nämlich die Pakete in Urdorf.
Ein paar Geschosse höher sitzt Claude Wuillemin: Der Leiter der Distributionsbasis Urdorf ist Chef von 110 festangestellten Zustellern und bald seit 40 Jahren bei der Post.
Zum Schluss gibts noch einen Kaffee im Alterszentrum Weihermatt mit Gemeinderat Andreas Herren. Hier posiert er vor dem schönsten Geländer der Gemeinde. Es enthält unzählige Urdorfer Stiere.
Auf dem Rückweg nach Dietikon macht der Redaktor noch ein Bild von der Autobahn: Der Teil von Urdorf, den auch die Auswärtigen kennen. Sie sollten mal die Ausfahrt nehmen!
Abschied an der Bernstrasse: Hier grenzt Dietikon (links der Strasse) an Urdorf (rechts der Strasse).

24h in Urdorf

Sandra Ardizzone

«Es ist wieder nötig», sagt Beatrice Rätz (74) und zieht los, einen Abfalleimer im Schlepptau der linken Hand, die Greifzange in der rechten. Donnerstagmorgen, 10 Uhr, in Urdorf: Die Lastwagen und Autos brausen im Sekundentakt über die Birmensdorferstrasse. Der Fahrtwind lässt silberne Fetzen tanzen. Rätz schnappt die Alufolie. «So Silberpapier haben die Vögel gar nicht gerne», sagt sie. Zweimal. «Das Volk wirft einfach alles auf den Boden.»

Später stopft Charles Rätz (78) einen 60-Liter-Abfallsack bis zum Rand voll: Das bleibt übrig nach einer Stunde Müllsammeln im Dreieck zwischen Birmensdorfer-, Schlieren- und Feldstrasse. Im Sack glänzt ein dickes Toyota-Logo. Es ist der speziellste Fund heute.
Die Rätzens, seit 56 Jahren verheiratet, sammeln zweimal die Woche freiwillig Müll, weil sie in der saubersten Gemeinde des Limmattals wohnen möchten und sich so regelmässig bewegen. Schon zwei weitere Mitstreiterinnen haben sie gefunden. Putz-Détachement nennt sie ein Hündeler aus der Nachbarschaft. «Bei den Zigipäckli müsst ihr schauen, manchmal hats Geld drin», sagt er.

1966 ist das Paar an die Birmensdorferstrasse gezogen, von Zürich Friesenberg, wo Beatrice Rätz aufgewachsen ist. «Urdorf war ein Bauernkaff und stank nach Gülle», erinnert sie sich. Dem Stadtmädchen kamen die Tränen. «Aber heute ist es ein mega Dorf, das alles hat ausser ein Minigolf», sagt Rätz 50 Jahre später. Um die Verzweiflung abzuwenden und sich zu integrieren, gründete sie die Spielbühne Urdorf. Auch die Steelband Calaloo haben die Rätzens gegründet, das Stadtkind und der Waadtländer, der nach der Lehre nach Zürich kam und total 43 Jahre lang bei der Post arbeitete.

Szenenwechsel: mitten am Nachmittag, im Wirtschaftsraum Nord beim Velo-Laden von Ruedi Altherr. Er ist Schlieremer seit Geburt, sieht sich aber zuerst als Limmattaler. «Schliesslich verdiene ich mein Geld nicht nur mit Kunden aus Urdorf und Schlieren», sagt er. Ein Kunde folgt auf den nächsten. Darunter ein Polizist, der sich ein kaputtes Velo anschauen kommt für einen Unfall-Rapport.

Ab ins Bahnhöfli, 16 Uhr: Primarlehrer stossen auf ihren letzten Arbeitstag an. Alle lachen. Eine etwas weniger als die anderen. Rosmarie Blaser wird pensioniert. Nach drei Jahrzehnten als Urdorfer Lehrerin hat sie Feierabend für immer. In den Sechzigern, als sie 14 Jahre alt war, zog ihre Familie von Zürich Wiedikon nach Urdorf. «Wenn wir so weit raus zügeln, brauchen wir einen Fernseher. Sonst wird es langweilig», sagte Blasers Mutter. Der Vater kaufte das Gerät. Doch mit Rosmarie Blaser wurde es nicht langweilig. Sie und ihr Mann Toni waren eines der zwei Lehrer-Ehepaare, die sich als erste im Kanton Zürich eine Stelle teilen durften. «Vielleicht bin ich schon ein bisschen feministisch», sagt Blaser, ohne ihre Errungenschaft herausstreichen zu wollen. Über Urdorf sagt sie: «Wir haben alle Vorteile der Stadt, aber nicht alle Nachteile. Das Zwischenmenschliche stimmt hier noch.»

Weiter zum Story-Pub an der Weihermattstrasse: 17 Uhr, Männer, Bier und Wein. Sandra Gehrer, ursprünglich Brasilianerin, führt das Pub seit 13 Jahren und wohnt auch in Urdorf: «Ich würde nie mehr weg hier. Man ist noch mittendrin, hat aber seine Ruhe.» Wobei: Bis Ende 2015 leistete Gehrer Widerstand gegen die strengen Zürcher Rauchergesetze. Das Pub hatte einen Verein, war dadurch privat, das Rauchen erlaubt – theoretisch. Seit Januar ist Schluss damit. Die Gäste sitzen nun öfter draussen.

Ein Urdorfer Rekord versteckt sich im Boden

Ohne Urdorf könnten manche Stadtzürcher gar nicht mit Warmwasser duschen: Denn in Urdorf steht der grösste der 29 Schweizer Erdgas-Röhrenspeicher. Die Erdgas Ostschweiz AG betreibt den Speicher im Auftrag der Energie 360° AG (vormals Erdgas Zürich AG) und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Grossregion. Würden die Lieferanten den Gashahn zudrehen, könnte der Urdorfer Röhrenspeicher die Stadt Zürich noch einen halben Tag lang mit Erdgas versorgen. Der Speicher hat eine Rohrlänge von total 4140 Metern und kostete 21 Millionen Franken. 2012 wurde er in der Landwirtschaftszone gebaut und wieder zugeschüttet. Heute kann der Bauer wieder normal auf dem Acker arbeiten. Die Rohre werden komplett elektronisch überwacht. Erdgas wird vor allem zu den Zeiten des grössten Verbrauchs aus dem Speicher entnommen – zum Beispiel am Morgen, wenn das Limmattal unter die Dusche geht.

Im Spitzacker wartet um 18 Uhr Thomas Bollinger, einer der modernsten freiwilligen Feuerwehrkommandanten. Eine Fire-Cam auf dem Helm filmt seine Einsätze. «Ich probiere das aus, vielleicht können wir aus den Aufnahmen lernen», sagt Bollinger. Und stellt auf dem Tablet die Feuerwehr-Cloud vor, wo Gebäudepläne für den Ernstfall gespeichert sind und wo er Statistiken über die Einsätze führt. «Am Schluss löschen wir aber immer noch mit Wasser», sagt Bollinger, der 1993 wegen seiner Frau aus der Nähe von Winterthur nach Urdorf zog. Dank Knabengesellschaft und Feuerwehr – schon der Schwiegervater war Kommandant – war er ein Jahr später integriert. «Die Leute hier sind sehr offen», sagt er. Wir essen bei Tschaglis Kebab. Als Tschagli eröffnete, war so mancher Urdorfer skeptisch. Heute sind viele stolz auf den besten Kebab weit und breit.

Das Hotel Heidenkeller läuft gut

Dann eine Pause in der Heidenkeller-Siedlung. Bis zum Abriss im September wohnen hier Zwischennutzer wie Dani. In einer der Wohnungen bringt er, in Absprache mit dem Vermieter, Reisende unter; online vermittelt über Airbnb. «Du bist der erste Schweizer. Die meisten kommen aus Asien», sagt Dani. Ich rieche Sojasauce in der Wohnung.

21 Uhr, vorbei an Wald und Wiese zum Gewerbegebiet Bergermoos West. Die Autobahn rauscht, rote Buchstaben blinken für den Club Soprano. Vor gut vier Jahren hat Raco Giljen ihn übernommen. «Voll das Girlfriend-Feeling», loben die Freier den Club im Internet. Heisst: Die Frauen drängen nicht gleich aufs Zimmer. «Ich war in vielen Bordellen, nirgends ist es so gemütlich», sagt ein Stammkunde aus der Zentralschweiz. Wir sitzen auf roten Sofas, seine Lieblingsdame schmiegt sich an ihn.

Auch die Frauen, die an der Bar sitzen und die sehr lange Beine, aber sonst erstaunlich wenig Haut zeigen, geben sich zufrieden. Jessy, 19, aus Rumänien arbeitet seit über einem halben Jahr hier. Andernorts werden die Frauen monatlich ausgewechselt. «Wir sind wie eine Familie», sagt Chef Raco. «Er ist wie ein guter Vater und immer für uns da», sagt Jessy. «Wenn Du einen guten Eindruck haben willst, solltest Du mit ihr aufs Zimmer», sagt Raco. Ich lehne ab, wegen mir, nicht wegen ihr. Raco wohnt in der Stadt, liebt aber Urdorf. «Die Leute hier denken noch gesund», sagt er, der noch bis vier Uhr arbeitet. Mich zieht es schon um Mitternacht zurück in den «Heidenkeller», allein auf die Matratze am Boden.

Nächster Morgen, zum Schluss ein Kaffee mit Gemeinderat Andreas Herren, im Alterszentrum Weihermatt. Ein überzeugter Urdorfer, 1961 im Alter von drei Wochen nach Urdorf gezügelt, von Zürich Höngg her. Sein Vater arbeitete hier als Briefträger, Herren spielte als Junior für den FC, wurde Übersetzer, stieg bis zum Fifa-Sprecher auf. Die Vorteile von Urdorf waren ihm früher nicht bewusst: «Als Kind nimmt man alles noch als selbstverständlich an. Ich habe erst mit der Zeit gemerkt, dass zum Beispiel nicht jede Ortschaft eine Badi hat», sagt Herren. Die Urdorfer haben eben alles.

Die Grösste Distributionsbasis der Post steht in Urdorf: Von 110 Paketboten sind 2 Frauen Während die Bäckerei Ghilardi den Süden Urdorfs mit Brotduft ummantelt und die Dämmerung heranbricht, ist im Bergermoos Ost Hochbetrieb: Um spätestens 6 Uhr beladen die Paketboten ihre Lieferwagen in der 2005 eröffneten grössten Paket-Distributionsbasis der Schweiz. Um 6:45 Uhr ergiesst sich dann die Lawine von 85 gelben Lieferwagen auf die Birmensdorferstrasse, im Sommer mit gut 20 000 Päckli beladen. Vor Weihnachten sind es dreimal so viel. «Wenn ich um 4:45 Uhr aufstehe, weiss ich nie, wie viel ich zu tun haben werde», sagt Manuel Egger (44) aus Spreitenbach, der seit sieben Jahren die Route 107 in Dietikon fährt. Manche Urdorfer haben schon reklamiert wegen der Lieferwagen-Kolonne der Post. Seither meiden jene Boten die Birmensdorferstrasse, die nicht in Urdorf, Schlieren oder Dietikon Pakete verteilen. Stattdessen fahren sie in Urdorf-Süd auf die Autobahn und verlassen sie in Urdorf-Nord wieder. Der Leiter der Distributionsbasis, Claude Wuillemin, arbeitet seit bald 40 Jahren bei der Post – und war dabei keinen einzigen Tag krank. In Urdorf kennt man ihn aber wegen etwas anderem: Wuillemin amtete schon bei verschiedenen Limmattaler Vereinen als Fussballtrainer. Heute führt er total 110 festangestellte Zusteller, nur zwei davon sind Frauen. «Die Boten lupfen durchschnittlich zwei Tonnen Pakete pro Tag. Frauen bewerben sich gar nicht erst», sagt Wuillemin. Er kommt ursprünglich aus Genf und wohnt in Bonstetten. Dort ist er Gemeinderat und Jasskönig: Als solcher kommt er morgen ins Fernsehen, beim «Donnschtig-Jass».

Die Grösste Distributionsbasis der Post steht in Urdorf: Von 110 Paketboten sind 2 Frauen Während die Bäckerei Ghilardi den Süden Urdorfs mit Brotduft ummantelt und die Dämmerung heranbricht, ist im Bergermoos Ost Hochbetrieb: Um spätestens 6 Uhr beladen die Paketboten ihre Lieferwagen in der 2005 eröffneten grössten Paket-Distributionsbasis der Schweiz. Um 6:45 Uhr ergiesst sich dann die Lawine von 85 gelben Lieferwagen auf die Birmensdorferstrasse, im Sommer mit gut 20 000 Päckli beladen. Vor Weihnachten sind es dreimal so viel. «Wenn ich um 4:45 Uhr aufstehe, weiss ich nie, wie viel ich zu tun haben werde», sagt Manuel Egger (44) aus Spreitenbach, der seit sieben Jahren die Route 107 in Dietikon fährt. Manche Urdorfer haben schon reklamiert wegen der Lieferwagen-Kolonne der Post. Seither meiden jene Boten die Birmensdorferstrasse, die nicht in Urdorf, Schlieren oder Dietikon Pakete verteilen. Stattdessen fahren sie in Urdorf-Süd auf die Autobahn und verlassen sie in Urdorf-Nord wieder. Der Leiter der Distributionsbasis, Claude Wuillemin, arbeitet seit bald 40 Jahren bei der Post – und war dabei keinen einzigen Tag krank. In Urdorf kennt man ihn aber wegen etwas anderem: Wuillemin amtete schon bei verschiedenen Limmattaler Vereinen als Fussballtrainer. Heute führt er total 110 festangestellte Zusteller, nur zwei davon sind Frauen. «Die Boten lupfen durchschnittlich zwei Tonnen Pakete pro Tag. Frauen bewerben sich gar nicht erst», sagt Wuillemin. Er kommt ursprünglich aus Genf und wohnt in Bonstetten. Dort ist er Gemeinderat und Jasskönig: Als solcher kommt er morgen ins Fernsehen, beim «Donnschtig-Jass».

David Egger