Reisebericht

Unterwegs in der belagerten Stadt Lhasa

Auf Erkundungstour in Lhasa ist das chinesische Militär allgegenwärtig. Romy Müller

Auf Erkundungstour in Lhasa ist das chinesische Militär allgegenwärtig. Romy Müller

Romy Müller und ihr Partner Miro Slezak aus Urdorf befuhren in den letzten Monaten mit einem VW-Bus die Seidenstrasse bis in den Tibet. Dies ist der letzte Bericht der abenteuerlichen Fahrt in den Fernen Osten.

Wir sind nach fünf Monaten und 22000 Kilometern in Lhasa angekommen. Ich war vor 26 Jahren hier, aber ich kann die Stadt nicht wieder erkennen. Fast alle alten Häuser wurden abgerissen und durch moderne Bauten ersetzt. Der einstmals bescheidene Ort ist eine grosse, chinesische Stadt geworden. Nur der Potala-Palast, der einstige Sitz des Dalai Lamas, thront noch immer auf seinem Hügel – wie zu der Zeit, als Tibet noch unabhängig war. Doch in seinem Innern ist alles anders. Es wurde zu einem Museum umfunktioniert. Schön zwar, aber nicht lebendig. Aus den Mönchen sind nun Staatsangestellte geworden. Eine Frage kommt auf: Wird je ein Dalai Lama hier wieder seinen Sitz einnehmen können?

Die Chinesen haben die Stadt fest im Griff. Stark bewaffnete Militärpatrouillen mit kugelsicheren Westen zirkulieren durch die Strassen. Ich habe das Gefühl, in einer belagerten Stadt zu sein. Polizei und Überwachungskameras sind an jeder Ecke. Fotografieren in unerwünschte Richtung kann unangenehme Folgen haben. Es ist mir unbegreiflich, wovor die chinesische Regierung Angst hat. Selbst überzeugte Tibeter sagen uns, dass sie den Gedanken an Unabhängigkeit, 60 Jahre nach der Besetzung durch China, aufgegeben haben. China investiert viel Geld in Tibet. Strassen werden gebaut, Eisenbahnen, Schulen, Spitäler und Häuser. Ohne die Chinesen wäre Tibet sicher eines der ärmsten Länder der Welt. Doch bekanntlich lässt sich Freiheit nicht mit Geld kaufen.

Mönche erhalten Lohn vom Staat

Wir besichtigen Klöster in der Umgebung der Stadt. Überall zeigt sich uns das gleiche Bild: Mit Regierungsgeldern werden die Klöster aufgebaut und renoviert (die bei der Kulturrevolution zerstört wurden). Die Mönche bekommen den Lohn vom Staat. Dafür wird Loyalität erwartet. Zuckerbrot und Peitsche nennt man diese Politik. Die Tibeter sind schon längst eine Minderheit im eigenen Land geworden. In Lhasa bekommt man praktisch alles, die teuersten Weltmarken sind hier vertreten. Die Preise sind höher als in Europa, aber es scheint kaufkräftige Kundschaft zu geben. Zwischen dieser Glitzerwelt irren ein paar verängstigte Pilger vom Land umher, die ungläubig schauen, was aus ihrer Heiligen Stadt geworden ist.

Der höchste Berg der Welt

Ein würdiger, abschliessender Höhenpunkt in Tibet ist für uns der Besuch des Mount Everest Base Camp. Der Tag beginnt mit Regen, der, je höher wir kommen, in Schnee übergeht. Ich habe schon zur Genüge über schlechte Pisten und Strassen geschrieben, aber diese gehört wirklich zu den allerschlimmsten. Es geht über einen 5100 Meter hohen Pass. Der Schnee verdeckt jetzt die tückischen Löcher, die Sichtweite beträgt nur noch knapp 300 Meter. Ich murmle nur: «Das war keine gute Idee» – denn man fährt ja hierher um den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, zu sehen? Sehen kann man aber nur tief hängende Schneewolken.

Eintauchen in eine andere Welt

Am nächsten Morgen ist der Schnee hart gefroren, die Busfenster von innen und aussen mit einer dicken Eisschicht überzogen. Draussen aber scheint die Sonne und der Everest zeigt sich in voller Pracht – ohne eine einzige Wolke. Die letzten 8 km bis zum Base Camp sind für Fahrzeuge gesperrt. Wir laufen durch den frisch gefallenen Schnee. Im Sonnenschein stehen wir auf einem Hügel oberhalb des Camps und bewundern die weisse Pracht vor unseren Augen. Wir sind hier alleine, weiter darf kein Tourist gehen. Stille herrscht rund um uns, nur die Gebetsfahnen flattern in der klaren Luft. Der Berg steht wie ein König aus Eis vor uns, und er scheint uneinnehmbar. Sind wir Glückpilze, so ein Augenblick kommt hier nur ganz selten vor!

Zhagmu ist die letzte chinesischtibetische Stadt vor der Grenze. Die Fahrt dorthin ähnelt der auf einer Achterbahn. Soeben den letzten 5000er-Pass mit schneebedeckter Fahrbahn überwunden, kennt die Strasse nun nur eine Richtung: Es geht steil abwärts. In unzähligen Kurven verlieren wir während 30Kilometern an die 2800 Höhenmeter.

Die Landschaft ändert sich schlagartig. Waren die Hänge eben noch braun und kahl, sind sie nun grün. Unzählige Wasserläufe stürzen zu Tale, es gibt wieder Bäume und Blumen. Es wird wärmer und die Luft feuchter. Wir sind in Nepal angekommen. Auch die Kultur ist eine völlig andere. Die meisten Bewohner bekennen sich zum Hinduismus. Hier werden wir einen sicheren Abstellplatz für unser Auto suchen und auf Ende Monat einen Rückflug in die Schweiz buchen. Im Frühling soll die Reise weitergehen, nach Rajasthan, Ladak, Kaschmir, Zanskar und dann nach Südostasien.

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