Unterengstringen
«Verärgert» und «irritiert» wegen Tempo 30 – Gemeinderat Unterengstringen schreibt offenen Brief an den Regierungsrat

In einem offenen Brief äussert der Gemeinderat seinen Ärger darüber, dass der Kanton den Tempo-30-Test auf der Engstringerstrasse in Schlieren in einer Hauruckübung verlängert hat. Er moniert den wegen des Tests entstandenen Ausweichverkehr beim Schulhaus Büel.

David Egger
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Die Engstringerstrasse in Schlieren wird von vielen Unterengstringern und Oberengstringern genutzt. Dass der Kanton nun den Tempo-30-Versuch ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat Unterengstringen verlängert hat, geht diesem gegen den Strich.

Die Engstringerstrasse in Schlieren wird von vielen Unterengstringern und Oberengstringern genutzt. Dass der Kanton nun den Tempo-30-Versuch ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat Unterengstringen verlängert hat, geht diesem gegen den Strich.

Lukas Elser

Es sind klare Worte vom Unterengstringer Gemeinderat: In einem offenen Brief an den Regierungsrat macht er klar, dass er «verärgert» und «irritiert» ist. Der Grund dafür: Die Sicherheitsdirektion und die Baudirektion des Kantons hatten nach einer von 612 Personen unterstützten Petition der SP Schlieren entschieden, den Tempo-30-Test auf der Engstringerstrasse in Schlieren um sechs Monate zu verlängern. Dieses «einseitige Vorgehen» sei «unverständlich», so der Gemeinderat.

Schnell den Test mit dem langsamen Tempo verlängert: Regierungsrat Mario Fehr (parteilos), Vorsteher der Sicherheitsdirektion.

Schnell den Test mit dem langsamen Tempo verlängert: Regierungsrat Mario Fehr (parteilos), Vorsteher der Sicherheitsdirektion.

Walter Bieri / Keystone
«Die Gemeinde wurde nicht vororientiert beziehungsweise in die kantonalen Überlegungen eingebunden, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt»,

schreibt der Gemeinderat Unterengstringen im Brief. Weiter hält er fest, dass er «von Anfang an skeptisch gegenüber dem Pilotversuch eingestellt» gewesen sei. Aber man habe den Tempo-30-Versuch von Mai bis Oktober mitgetragen, damit geklärt werden kann, wie sich Tempo 30 auf die Lärmsituation, den Verkehrsfluss, die Reisezeit (zwischen Unterengstringen und Schlieren) und die Koexistenz der verschiedenen Verkehrsmittel auswirkt. Dabei schätzte es Unterengstringen, dass zum Vorgehen und zum Zeitplan «stets ein offener und transparenter Austausch» zwischen Kanton und Gemeinde stattfand.

Das Vertrauen in den Kanton ist angekratzt

Auf diese bisherige Zusammenarbeit hat der Kanton nun bei der Verlängerung des 30er-Tests gepfiffen. Dabei ist für die Unterengstringer klar: «Wir schätzen einen offenen und transparenten Dialog mit allen involvierten Stellen. Dies ist die Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit.»

Wieso wurde die Signalisation zuerst entfernt und dann wieder montiert?

Der Gemeinderat kritisiert zudem, dass die Verlängerung des 30er-Tests eine Art Hauruckübung war. So schreibt er: «Es muss vermutet werden, dass innerhalb der verschiedenen Ämter der involvierten Direktionen keine oder eine ungenügende Kommunikation stattgefunden hat. Wie ist es zu erklären, dass am 21. Oktober, dem offiziellen Ende der Testphase 1, die Signalisationen entfernt und einige Tage später wieder angebracht worden sind?» Weiter fragt der Gemeinderat, wieso nach fünf Monaten Test noch keine Auswertungsdaten zum Tempo-30-Test vorliegen.

Viel Ausweichverkehr auf der Chlosterstrasse

Die Unterengstringer haben selber auch Daten erfasst. Mit dem «Speedy» – ein Gerät, das Autofahrern mit einem Smiley anzeigt, ob sie das Tempolimit einhalten, und zugleich die Anzahl Autos misst – haben sie unter der Führung der Kommunalpolizei im April, Juni und September jeweils drei Wochen lang gemessen, wie viele Autos über die Chlosterstrasse beim Kloster Fahr fahren, wie Gemeindepräsident Marcel Balmer (SVP) auf Anfrage erklärt. Der Vergleich zwischen April – also vor dem 30er-Test in Schlieren – und Juni und September – also während des 30er-Tests – zeigte ein klares Bild, wie der Gemeinderat in seinem Brief schreibt:

«In den Monaten Juni und September hat sich die Anzahl Fahrzeuge verdoppelt, verglichen mit den Messungen vor Beginn des Tempo-30-Versuchs.»

Will heissen: Tempo 30 auf der Engstringerstrasse in Schlieren führt zu Ausweichverkehr in Unterengstringen via Chlosterstrasse, durch die Quartiere und vorbei an der Schul- und Kindergartenanlage Büel zur Zürcherstrasse. Der Gemeinderat Unterengstringen macht sich daher Sorgen um die Sicherheit der Kinder.

Wann kommt die Temporeduktion auf der Chlosterstrasse?

Er erwartet nun vom Kanton, «dass nach der Erfassung der letzten noch fehlenden Daten die beschlossene Tempo-30-Verlängerung umgehend eingestellt wird». Zudem verweist er darauf, dass er sich seit Jahren für weniger Tempo auf der Chlosterstrasse einsetzt, wo heute 80 km/h erlaubt sind. Die Temporeduktion drängt sich aus Unterengstringer Sicht umso mehr auf, als mit der bevorstehenden Limmat-Revitalisierung das Naherholungsgebiet noch attraktiver wird. «50 oder 60 km/h wären richtig», so Balmer.

Vom Kanton vergessen: Der Unterengstringer Gemeinderat mit Präsident Marcel Balmer (SVP) fühlt sich in Sachen Engstringerstrasse übergangen – und fordert vom Kanton eine gesamtheitliche Betrachtung der Verkehrssituation.

Vom Kanton vergessen: Der Unterengstringer Gemeinderat mit Präsident Marcel Balmer (SVP) fühlt sich in Sachen Engstringerstrasse übergangen – und fordert vom Kanton eine gesamtheitliche Betrachtung der Verkehrssituation.

Chris Iseli

«Man sollte mit dem Flickwerk aufhören»

Angesichts einer Petition, die nun auch noch eine Temporeduktion auf der Bernstrasse in Schlieren fordert, sagt Balmer zur «Limmattaler Zeitung»: «Man sollte die Sache endlich ganzheitlich anschauen und mit dem Flickwerk aufhören. Das haben wir nun schon mehrmals gefordert. Eine gesamtheitliche Betrachtung würde viele Chancen eröffnen. Dazu leisten wir Unterengstringer sehr gerne unseren Beitrag und bringen unsere Erfahrungen aktiv mit ein.» Denn: Änderungen des Verkehrsregimes auf übergeordneten Strassen wirkten sich jeweils auf andere Strassen aus.