Unterengstringen
4000 Franken und die erste Ausstellung: Sein Corona-Fotoprojekt kommt an

Stéphane Mingot aus Unterengstringen zeigt Porträts mit und ohne Gesichtsmasken an der Werkschau Photo Schweiz in Oerlikon. Er sammelt mit seiner Kunst Geld für Pandemie-Betroffene.

Sibylle Egloff
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Fotograf Stéphane Mingot aus Unterengstringen ist stolz, dass er einen Teil seines Foto-Projekts an der Photo Schweiz zeigen kann. Es ist seine allererste Ausstellung.

Fotograf Stéphane Mingot aus Unterengstringen ist stolz, dass er einen Teil seines Foto-Projekts an der Photo Schweiz zeigen kann. Es ist seine allererste Ausstellung.

Britta Gut

Fünf Personen, zehn Bilder, einmal mit Maske, einmal ohne. So präsentiert sich Stéphane Mingots Corona-Fotoprojekt «Incognito» an der diesjährigen Photo Schweiz, der grössten Werkschau für Schweizer Fotografinnen und Fotografen, die noch bis am 11. Juli dauert.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

zvg/Stéphane Mingot
Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

zvg/Stéphane Mingot

Eigentlich hat der Unterengstringer 50 Personen abgelichtet, doch für die Ausstellung in der Halle 550 in Zürich Oerlikon musste er eine Auswahl treffen. «Die Gesichter, welche ich hier zeige, sagen alle etwas anderes aus. Diese Frau versprüht mit ihrem Lächeln Lebensfreude, während der ältere Mann Ruhe und Weisheit ausstrahlt», erklärt Mingot beim Betrachten der Fotos.

Der 50-Jährige freut sich, dass er einen Teil seines Projekts einem grösseren Publikum vorstellen darf. «Das ist meine allererste Ausstellung. Ich bin stolz, dass ich dabei sein darf. Nicht jeder bekommt die Chance, seine Werke hier zu präsentieren», findet Mingot.

Mit seiner Arbeit will er den Zeitgeist der Pandemie zum Ausdruck bringen. «Aufgrund des Virus sind wir gezwungen, Masken zu tragen. Ohne sichtbare Mimik unseres Gegenübers bleibt uns nur die Vorstellungskraft. Mit dieser wollte ich spielen», sagt Mingot und fügt an:

«Bewusst und unbewusst macht man sich ein Bild davon, wie die Person unter der Maske aussehen könnte. Unser Gehirn versucht, die fehlende Information zu ergänzen. Manchmal tippt man richtig, manchmal irrt man sich.»

Die Idee, dieses Spannungsfeld visuell darzustellen, kam Mingot im Herbst 2020. «Ich begann damit, Bekannte, Arbeitskollegen, Freunde und deren Freunde in meinem mobilen Studio abzulichten. Dabei bat ich die Modelle, einen Gesichtsausdruck zu wählen, den sie beim Ausziehen der Maske beibehalten», erzählt der Fotograf, der sonst Bilder für Start-ups oder Editorial-Shootings macht. Entstanden sind 50 Porträts, die der Unterengstringer Ende Dezember auf der Website www.theincognito.ch veröffentlichte.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

zvg/Stéphane Mingot
Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

Corona-Fotoprojekt Incognito von Stéphane Mingot aus Unterengstringen.

zvg/Stéphane Mingot

Fährt man mit der Maus oder dem Finger über die Fotos, verschwinden die Masken. Auch auf Instagram sind die Bilder animiert. «So entfaltet sich das Projekt besser, als wenn die Fotos nur statisch nebeneinander gelegt werden wie an der Photo Schweiz», sagt Mingot.

Das Ziel des gebürtigen Romands aus Neuchâtel ist es aber nicht nur, die Ausnahmesituation bildlich festzuhalten, sondern Menschen mit seinem Projekt zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit der Glückskette sammelt Mingot Spenden für Personen in der Schweiz, die von den Auswirkungen der Pandemie besonders betroffen sind. Bisher sind 4000 Franken zusammengekommen. «Das ist erfreulich.» Er habe zu Beginn mit einem fünfstelligen Betrag gerechnet. Doch 4000 Franken seien bereits ein schöner Batzen, findet Mingot.

Seine neue Idee konnte er noch nicht verwirklichen

«Hätte ich das Projekt einen Monat früher fertiggestellt gehabt, wäre es wohl etwas mehr Geld geworden, doch Ende Dezember hatten viele ihre Spenden schon getätigt.» Das Projekt und die Sammelaktion sind aber noch nicht zu Ende. «Wer spenden will, kann das natürlich immer noch tun», sagt Mingot. Die Idee, das Projekt auf ein Buch mit Interviews von bekannten Persönlichkeiten auszuweiten, wie anfangs geplant, ist ihm bisher noch nicht gelungen. «Die strengeren Coronamassnahmen Anfang 2021 haben solche Treffen verunmöglicht.» Doch vergessen sei das Vorhaben nicht.

«Mingot, der hauptberuflich als Innovationsingenieur arbeitet, geniesst nun den Austausch an der Photo Schweiz mit Besuchern und anderen Fotografinnen und Fotografen. «Es wäre schön, wenn sich allenfalls gewisse Türen für andere Projekte und Mandate öffnen würden.»

Der Kreis schliesst sich an der Ausstellung

Es gefällt ihm, dass sich der Kreis an der Ausstellung schliesst. «Die Masken verschwinden mit den Lockerungen langsam und die Gesichter kommen wieder zum Vorschein. Leute entdecken sich, die sich zuvor monatelang nur mit Maske im Gesicht begegnet sind. Die Pandemie kommt hoffentlich zu einem Abschluss», sagt Mingot. Die Kunst dazu könne wieder öffentlich und gemeinsam betrachtet werden. Sein «Incognito»-Projekt sei grundsätzlich nicht zu Ende und könnte mit mehr Porträts erweitert werden. «Doch irgendwann muss man sein Baby loslassen. Und ehrlich gesagt bin ich auch froh, wenn ich keine Fotos mehr von Menschen mit Masken schiessen muss.»