Dietiker Limmatfeld

Unkompliziert und ohne Voranmeldung: Hier können Patienten einfach reinlaufen

Die Walk-in-Praxis liegt am Pendlerfluss und bedient Patienten ohne Voranmeldung. Nach drei Jahren hat sich das Ärztezentrum im Dietiker Limmatfeld etabliert. Lange krank sein kann heute aber niemand mehr.

Ein kerngesunder junger Mann lacht in die Kamera, die Baseballmütze verkehrt rum auf dem Kopf, das Kickboard locker über die Schulter geworfen: «Ich bin ein WIP-Patient. Ich gehe ohne Voranmeldung zum Arzt.» Natürlich ist dieser Typ nicht real, sondern das Sujet auf einem Plakat, das prominent beim Dietiker Bahnhof hängt und auf eine Zweigstelle des Kantonsspitals Baden aufmerksam macht: Die Walk-in-Praxis (WIP) des Ärztezentrums Limmatfeld.

Hier an der Grünaustrasse, direkt am Pendlerfluss, herrscht an diesem gewöhnlichen Donnerstagmorgen ein reger Betrieb. Im Warteraum sitzen fünf Leute. Vier Sekretärinnen hinter den Tresen nehmen weitere Patientenanfragen per Telefon entgegen. «Ich bin das erste Mal hier», meint im Wartezimmer eine Frau mit amerikanischem Akzent. Ihr Sohn hat sich beim Skifahren verletzt und muss eine Computertomografie machen – der Arzt in der eigenen Wohngemeinde hatte den nötigen Apparat nicht, deshalb seien sie hierhergeschickt worden. «Ich würde immer wieder kommen», weiss die Mutter jetzt schon. Alle Spezialisten vor Ort, keine Voranmeldung und lange Öffnungszeiten – «das ist ja wie in Amerika». Es fehlten nur noch die bedienten Samstage und Sonntage.

08/15-Fälle bis zu anspruchsvoll

Unkompliziert, ohne weissen Kittel, bittet die Ärztin, Dr. Thakshayini Pathmanathan, zur Sprechstunde. Sie führt das Team aus Allgemeinärzten an, ergänzt wird das Angebot durch ein Institut für Radiologie, Orthopädie, Urologie, Proktologie, Angiologie, Rheumatologie und Physiotherapie – insgesamt 50 Leute inklusive der Logistik sind im Ärztezentrum Limmatfeld involviert. «Die Patienten schätzen es, bei mir kein Weisskittelsyndrom zu bekommen», scherzt sie. Als «spannend» bezeichnet sie ihre Arbeit im Zentrum, das im Schnitt 25 Patienten pro Tag bedient, weil es «von den anspruchsvollen bis zu den 08/15-Fällen» alles biete. Viele kämen auch ein zweites Mal wieder, wendeten das Hausarztmodell an und buchten fixe Termine. Es gebe aber auch die Einmal-Patienten, beispielsweise den Typ Thailandreisender, der mit einer Syphilis-Erkrankung heimkehre. «Er schämt sich dann, mit einer Geschlechtskrankheit zu seinem Hausarzt zu gehen.»

Behandelt ohne weissen Kittel: Dr. Thakshayini Pathmanathan.

Behandelt ohne weissen Kittel: Dr. Thakshayini Pathmanathan.

    

Grundsätzlich sei die Hemmschwelle, in eine anonyme Praxis zu kommen, tiefer. Auch für psychische Fälle. «Die Patienten können uns ihre ganze Geschichte nochmals neu erzählen, das schätzen sie.» Die Ärzte machten dann die nötige Triage, beispielsweise die Überweisung an einen Psychiater. Viele Patienten holten hier auch eine Zweitmeinung ein. «Wir haben im Zentrum weniger Patienten als ein Hausarzt in seiner Praxis, aber wir machen mehr.» Heisst: Der Arzt kann am gleichen Tag weiterführende Untersuche wie Diagnostik in der Radiologie unter einem Dach verordnen. «Dies senkt die Kosten, denn es kommt zu einer Konsultation weniger.»

Dr. Google klärt heute alle auf

Allgemein stellt Doktor Pathmanathan in der Gesellschaft eine Veränderung fest: «Der Druck gerade auf junge Menschen im Arbeitsprozess ist enorm, sie müssen sofort wieder gesund werden.» Ältere Patienten würden vor allem beruhigt werden wollen. «Auf ihnen lastet der Druck, fit und gesund bleiben zu müssen.» Was die Belastbarkeit angeht, seien alle empfindlicher geworden. «Abwarten und Tee trinken geht heute nicht mehr», so die Ärztin. Es fehle die Geduld, und dank «Dr. Google» kämen die Patienten auch schon besonders gut aufgeklärt in die Sprechstunde – da müsse man als Arzt bewusst auch bremsen vor einer «Überdiagnose», die hier mit der Verfügbarkeit aller Apparate leicht zu bekommen wäre.

Draussen sitzt inzwischen ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. «Ich hätte erst morgen einen Termin bei meinem Hausarzt, aber so lange kann ich nicht warten.» Offenbar hat sich eine Mittelohrentzündung auf das ganze Gesicht ausgebreitet; besonders die linke Hälfte ist geschwollen. Seine Frau hat ihn auf das Angebot der Walk-in-Praxis aufmerksam gemacht, sie war auch schon einmal hier.

In einem anderen Raum sitzt Doktor Mahshid Sheikh-Sarraf vor einem Bildschirm. Die ärztliche Standortleiterin der Radiologie arbeitet in einem 60-Prozent-Pensum. Als Mutter von zwei kleinen Kindern schätzt sie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. Da die Hygiene beispielsweise bei der Applikation von Kontrastmitteln hoch sein muss, trägt die gebürtige Iranerin anders als ihre Vorgesetzte den weissen Kittel. «Die meisten Patienten wollen alle nötigen Untersuche an einem Termin erledigen», weiss sie, «oft nehmen sie auch extra frei, um am nächsten Tag wieder auf der Arbeit zu sein.»

Von Mammographie bis OP

Sheikh-Sarraf führt durch die modernen Untersuchungsräume. Hier können beispielsweise auch Mammografien zwei- sowie dreidimensional gemacht werden. «Letzteres geht schnell und die Kompression tut viel weniger weh.» Zuletzt zeigt Standortleiter Peter Hüsser den OPS, den ambulanten Operationssaal. Auch darüber verfügt das Zentrum, welches bereits seit drei Jahren in Dietikon ist: Hier können ambulante, kleinchirurgische Untersuche mit Lokalanästhesie gemacht werden. «Dietikon ist für uns als Standort attraktiv, weil mit dem Wachstum des Limmattals auch die Bevölkerung wächst.» Gleichzeitig nimmt die Zahl an Hausärzten ab – in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent.

«In einer Gemeinschaftspraxis fällt die Bürokratie weg und die Ärzte können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.» Deshalb lägen Gemeinschaftspraxen im Trend, ist Hüsser überzeugt. Gleichzeitig habe auch die Opferbereitschaft unter den Ärzten nachgelassen. Sie wollen keine schier unendlichen Arbeitstage mehr. Dafür wünschen sich die Patienten, an jedem Tag vorbeizukommen. «Deshalb müssen wir in Zukunft auch Neues ausprobieren», so der Standortleiter.

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