Dietikon
Unheilige Allianz bekämpft SLS-Vorlage mit Sex-Thematik

Halten in Dietikon bei der Annahme der Vorlage über das Industriegebiet Silbern-Lerzern-Stierenmatt (SLS) Prostitution und Drogen Einzug? Ja, sagen die Gegner der Vorlage. Für die Stadt ist diese Argumentation aber «jenseits jeglicher Realität».

Bettina Hamilton-Irvine
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Erotik-Gewerbe an der Dietiker Moosmattstrasse: Einer der grössten Saunaklubs der Schweiz.Fotos: zim

Erotik-Gewerbe an der Dietiker Moosmattstrasse: Einer der grössten Saunaklubs der Schweiz.Fotos: zim

Im Kampf gegen die städtische Vorlage über das Dietiker Industriegebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS), die am 11.März 2012 zur Abstimmung kommt, hat sich eine unheilige Allianz gebildet. In einem überparteilichen Komitee mit Sitz an der Silbernstrasse 6 haben sich unter anderem Dietiker Politiker aus SP und AL sowie Grundeigentümer aus dem Industriegebiet zusammengeschlossen.

Obwohl die komplexe Vorlage einen Gestaltungsplan und die Richtplanung beinhaltet, hat sich das neue Komitee, das vor einer Woche erstmals in Erscheinung trat, mit provokanten Inseraten und Plakaten vor allem auf das Thema Sex und Prostitution eingeschossen.

Sex, Drogen, Kriminalität

Man befürchte, dass in Dietikon «eine Sex-Zone mit grossem Einzugsgebiet» entstehe, falls die SLS-Vorlage angenommen werde, so der Sprecher des Komitees, Peter Hasler, der selber Grundeigentümer im Gebiet ist. Die Prostitution wiederum werde Kriminalität und Drogen anziehen.

Stadtplaner Jürg Bösch zeigte sich ob dieser Aussage befremdet: «Die Realität wird hier um 180 Grad verdreht», sagte er gegenüber der az Limmattaler Zeitung (Ausgabe von gestern). In Wahrheit sei es genau umgekehrt: Werde die Vorlage angenommen, sei die Ansiedlung von Sexbetrieben nur noch in einem Teilgebiet möglich. Werde die Vorlage hingegen abgelehnt, sei das Sexgewerbe unter der geltenden Industriezone im ganzen Gebiet SLS zulässig. Die Argumentation des Komitees sei daher «jenseits jeglicher Realität».

Komiteemitglied plante Bordell

Bemerkenswert ist auch, dass sich im überparteilichen Komitee eine Person befindet, die im Oktober 2011 selber ein Baugesuch für ein Rotlichtetablissement eingereicht hat. Wie der auf der Website der Stadt Dietikon und in der az Limmattaler Zeitung publizierten Ausschreibung zu entnehmen ist, plante Komiteemitglied Werner Ungricht seine Liegenschaft an der Silbernstrasse 6 – an der das Komitee zu finden ist – in einen «Sexbetrieb inklusive Wohnen» umzunutzen.

Vorlage verhinderte Sexbetrieb

Das Baugesuch wurde am 16. Januar 2012 abgelehnt, wie Thomas Jung, Leiter der Dietiker Hochbauabteilung, auf Anfrage sagt. Der Grund: Die Liegenschaft befindet sich in einem Teilgebiet, in dem die Ansiedlung von Sexgewerbe gemäss den Regeln der SLS-Vorlage nicht zulässig ist. Und: Noch bis zum 11. März hat die Planungsvorlage, über die befunden wird, eine so genannte «negative Vorwirkung». Das heisst, es darf nichts bewilligt werden, was im Konflikt mit den neuen Regeln steht. Wie Jung betont, sei schon ab dem 12.März Prostitution wieder im ganzen Gebiet zulässig, sollte die Vorlage abgelehnt werden. «Ironischerweise», so Jung, «würden die Gegner mit einem Nein zur Vorlage also genau den Weg freimachen für das, was sie anprangern.» Werner Ungricht war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Dass die Sex-Plakate auf Befremden stossen, zeigen auch Reaktionen aus Leserbriefen an die az Limmattaler Zeitung. SVP-Gemeinderätin Irene Wiederkehr nennt sie «primitiv» und «niedrig», DP-Präsident Martin Müller spricht von der «untersten Schublade» und FDP-Gemeinderat Martin Romer beklagt die «perversen Mittel zur Gegenattacke». Dass jemand, der ein Baugesuch für ein «Puff» eingegeben habe, danach selber vor zu viel Sexgewerbe warne, sei eine «schizophrene Sachlage», schreibt SVP-Gemeinderat Jörg Dätwyler und meint ironisch: «Also, wenn das kein Puff ist.»

Falsche Begehrlichkeiten

Rolf Steiner, Dietiker SP-Kantonsrat und ebenfalls Mitglied des überparteilichen Komitees, sieht die Sache hingegen pragmatisch. Es störe ihn, dass in der SLS-Vorlage ausdrücklich eine Zone ausgewiesen sei, in der das Sexgewerbe sich ansiedeln könne. Dies könnte falsche Begehrlichkeiten auslösen, sagt er: «Wir haben in Dietikon ein Talent dafür, diejenigen Industrien anzuziehen, die andere nicht wollen.» Dass sich SP und Gewerbler aus ganz unterschiedlichen Beweggründen im Komitee zusammengeschlossen hätten, sei allen bewusst, so Steiner. «Doch es geht nun erst einmal darum, die Vorlage zu ‹bodigen›», sagt er.

Ähnlich argumentiert Ernst Joss (AL), ebenfalls Mitglied des Komitees. «Solche Zweckallianzen gibt es immer», sagt er. Er betont jedoch, er persönlich habe mit der Argumentation, Dietikon könnte zur Sex-Zone- werden, nichts zu tun – auch wenn es seiner Meinung nach nicht auszuschliessen sei, dass dies geschehe. Wie auch die Gewerbler störe er sich daran, dass man «einen Haufen Geld ausgibt, der nur ganz wenigen nützt», so Joss. Er spricht damit auf die insgesamt 13,5 Millionen Franken an, welche die Stadt bei der Annahme der Vorlage aufwenden wird. Es sei wichtig, dass wenigstens versucht werde, alle Anliegen unter einen Hut bringen.