Knabengesellschaft
«Unbescholtene Knaben» laden zu Wurst und Bier

Die langen Traditionen der Knabengesellschaft wurden über die Jahre lockerer. Das Waldfest bleibt jedoch eines der Grundmanifeste des Urdorfer Traditionsvereins.

Franziska Schädel
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Limmattaler Zeitung

«18, männlich, Junggeselle» – was sich liest wie eine Kontaktanzeige ist Voraussetzung für die Aufnahme in die Knabengesellschaft Urdorf. «Knabe» darf nur werden und bleiben, wer den Bund der Ehe noch nicht geschlossen hat. Ausserdem sollten die Mitglieder unbescholten sein, so wollen es die Statuten des ältesten dokumentierten Vereins der Gemeinde. In der Urdorfer Dorfchronik wird er erstmals 1842 erwähnt.

Die Festbesucher im Bergermoos kümmert dies jedoch wenig. Das traditionelle Waldfest der Knabengesellschaft hat sie ins Bergermoos gelockt. Sie freuen sich an den Würsten, die auf dem Grill brutzelten, und lassen sich von der Musik der «Party Tiger» aus Österreich in Wochenendlaune versetzen.

Würde heute noch jemand gestandene Männer als Knaben bezeichnen, wären ihm skeptische Blicke und ungläubiges Kopfschütteln gewiss. Gut, dass sich die Mitglieder der Knabengesellschaft Urdorf heute lediglich noch der Kameradschaft und der Organisation von Festen verschrieben haben.

Das war nicht immer so. Knabengesellschaften waren bis in die Neuzeit in Dörfern und Städten Sittenwächter und Hüter der Moral. Knabengerichte belegten Ehebrecher, Geizhälse und Faulpelze im Ort mit Geld- und Ehrenstrafen. Heiratsfähige Mädchen wurden unter Vormundschaft der «Knaben» gestellt, die sich zu Heiratsvermittlern berufen fühlten. Wollte ein Ortsfremder eine Dorfschöne heiraten, erpressten die «Knaben» Geld von ihm.

Ganz von allen mittelalterlichen Traditionen hat sich die Knabengesellschaft Urdorf allerdings nicht verabschiedet. Sollte ein «Knabe» trotz allem die Ehe dem Vereinsleben vorziehen, «verabschieden» ihn die Vereinskollegen zur frühen Morgenstunde mit Böllerschüssen aus einer Kanone Marke Eigenbau. Marco Zollinger, Aktuar der Knabengesellschaft und schon seit drei Jahren Mitglied, ist nicht sicher, was man heute noch unter «Unbescholtenheit» zu verstehen hat. «Vielleicht einfach, noch nicht verheiratet zu sein», sagt er schmunzelnd. Und doch kommt es vor, dass an eben diesen Waldfesten des Vereins ein «Knabe» seine zukünftige Frau kennen lernt. «So gibt es immer wieder junges Blut und neue Ideen, das ist gut so», ist Zollinger überzeugt. Sein Verein kannte Zeiten, da hatte er nur noch 5 Mitglieder. Heute sind es wieder 18. Die Tendenz ist steigend. «Feste wie dieses sind die beste Werbung für uns», so Zollinger.

Urchig und lüpfig geht es inzwischen auf der Waldlichtung zu und her. Tobias Brunner und Gregor Kessler, nach eigener Einschätzung echte Ur-Urdorfer, sind zwar keine «Knaben» – das Fest geniessen sie trotzdem. Eine schöne Tradition, meinen sie und schwärmen bei Wurst und Bier bereits jetzt schon vom traditionellen Raclette-Essen der Knabengesellschaft anlässlich der nächsten Urdorfer Fasnacht.