Ich klingle an der Tür. Beatrice Acuna öffnet. Aus der Wohnung ertönt Hundegebell. Sie dreht sich um und ruft: «Posto», das so viel heisst wie «bleib auf deinem Platz». Durch den Türspalt sehe ich, dass ihr Hund Maverik gehorcht und in seinem Korb liegen bleibt. Sein Blick fixiert dennoch die Tür. Die Kommunikation zwischen den beiden ist klar, sie hat die Hosen an. Langsam streckt die blinde Frau mir die Hand entgegen und wartet, bis ich sie greife.

Wir begrüssen uns, sie bittet mich herein. Maverik liegt derweil brav in seinem Korb. Wir setzen uns an den Esstisch. Maverik steht nun auf und legt sich unter den Tisch auf ihre Füsse. Acuna lacht. Ich merke, die beiden sind sich sehr vertraut.

Im zweiten Lebensjahr wurde bei Acuna angeborener grüner Star diagnostiziert. Bis vor einem Jahr konnte sie noch hell, dunkel und Kontraste unterscheiden. Trotz zahlreicher Operationen ist die 54-Jährige heute vollständig erblindet. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie in Dietikon, hat einen 22-jährigen Sohn und geht arbeiten. Dies bedeutet für sie ein Stück Unabhängigkeit. Dabei unterstützen sie seit 32 Jahren Blindenhunde. Ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin und Leiterin bei der Beratungsstelle des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands in Zürich könnte sie ohne einen treuen Begleiter nicht nachgehen.

Diese Rolle nimmt seit letztem November der schwarze Labrador Maverik ein. Der zweijährige Rüde wurde aus einer Zucht der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde in Allschwil an Acuna vermittelt. Bis zu diesem Zeitpunkt musste er mit einem Instruktor eine Grundausbildung machen. Dazu gehörte beispielsweise, dass Maverik lernte, sich an sein Führgeschirr zu gewöhnen und dass er Unebenheiten am Boden durch Anhalten anzeigt. Weiter lernte er 35 Hörzeichen auf Italienisch, denn diese vokalreiche Sprache unterscheidet sich klar von der Alltagssprache. Maverik hat seine Prüfung zwar erfolgreich abgeschlossen, das Lernen geht aber auch jetzt noch weiter. Denn neben den obligatorischen 35 Hörzeichen bringt ihm Acuna eigene, individuell auf ihren Alltag angepasste Kommandos bei. Diese müssen nicht auf Italienisch sein. «‹Bäck› für Bäckerei habe ich ihm bereits nach einigen Wochen beigebracht, denn ich gehe immer wieder in die gleiche Bäckerei. Mittlerweile gehört dieses Wort zum Kommandorepertoire», sagt sie.

Um mich ihrem Alltag näher zu bringen, will mir Acuna eine ihrer Routen zeigen. Wir gehen nach draussen. Maverik wedelt mit dem Schwanz, streift von einem Busch zum anderen und schnuppert daran. Acuna ruft ihn zu sich. Er stellt sich neben sie und wartet geduldig, bis sie ihm das Führgeschirr überzieht. Erstaunlich, wie ruhig der Rüde plötzlich ist. Acuna läuft los. In der rechten Hand den weissen Blindenstock, mit der linken hält sie sich am Führgeschirr fest.

In schnellem Tempo geht es voran. Maverik sei so weniger abgelenkt. Sie entscheidet wohin, er hört zu und setzt die Anweisungen ohne zu zögern in die Tat um. Er befolgt ihre Instruktionen mit verlässlicher Kontinuität. Das gelernte Grundprogramm führt er automatisch aus. Jeder hat seine Rolle. «Ich vertraue ihm, wenn er stehen bleibt und mir so eine Bodenerhöhung zu erkennen gibt. Und er befolgt mein Kommando, wenn ich ihm beispielsweise sage, rechts abzubiegen», so Acuna. So kommt es auch manchmal vor, dass Maverik zwar weiss, wohin sein Frauchen eigentlich will, weil er die Route kennt, aber dann doch jenen Weg einschlägt, den sie ihm mit einem Kommando mitteilt. «Wenn ich Maverik aus Versehen ‹destra› (rechts) sage, obwohl ich eigentlich ‹sini› (links) meine, biegt er rechts ab, auch wenn dies nicht der gewohnten Route entspricht. Aber Frauchen bestimmt halt wohin es geht», sagt sie lachend. Er führt sie sicher und zielstrebig. Genau das schätzt Acuna an ihrem Maverik. «Wir fühlen uns wohl miteinander», sagt sie. Das sei sicher ausschlaggebend für eine gute Teamarbeit.

Acuna verlangsamt das Tempo. Sie weiss, dass jetzt ein Fussgängerstreifen kommt. «Giallo» (gelb), sagt sie. Maverik läuft bis zur Ampel. Vorsichtig berührt ihre Hand die nasse Hundeschnauze. Maverik erhebt sich und führt ihre Hand zum gelben Druckknopf. Acuna drückt und wartet, bis sie die Vibration des speziell ausgerüsteten Ampelkästchens spürt. Das ist das Zeichen, um die Strasse zu überqueren. Sie hebt den weissen Blindenstock und signalisiert damit den Autofahrern, dass sie losläuft. «Passare» (überqueren). Maverik läuft los. Sie hält sich am Führgeschirr fest und folgt seinem Rhythmus. Dabei vertraut sie ihm bedingungslos.

Gemeinsam unterwegs zu sein, soll für Maverik aber nicht nur Arbeit bedeuten. «Auch er soll sich immer wieder austoben können, denn so wohl er sich im Führgeschirr fühlt, bedeutet dies für ihn Arbeit.» Einen Blindenhund nur als Mobilitätshilfe zu haben, um von A nach B zu gelangen, sei definitiv der falsche Ansatz, betont sie. «Maverik ist für mich mehr. Er ist ein echter Freund.»

Wer sich für einen Blindenhund entscheidet, muss bereit sein, seinen Alltag auf den Hund auszurichten. Das heisst mehrmals am Tag Gassi gehen und den Hund nicht immer am Führgeschirr haben, sondern auf einer Wiese oder im Wald freilassen. Dabei bekommt er ein Glöcklein, damit Acuna hören kann, wo er sich befindet. Muss er wieder ans Führgeschirr, ruft sie seinen Namen. Reagiert er nicht darauf, bläst sie in eine Pfeife, die ihn zu ihr zurücklotst. Wenn Acuna mit ihrem Mann spazieren geht, ist Maverik an einer normalen Hundeleine. «Ich kann mich dann an meinen Mann anlehnen», sagt sie.

Obwohl Acuna Maverik an ihrer Seite hat, ist sie manchmal auch auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen. «Der Hund kann nicht alles», sagt sie. Im Bus oder Zug sei sie immer froh um einen Doppelsitz, damit Maverik und sie genügend Platz hätten. Doch dieser sei ohne fremde Hilfe nicht immer einfach zu finden und Maverik steure allgemein alle freien Plätze an, egal ob Einzel- oder Doppelsitz.

Auf dem Rückweg des Spaziergangs legen wir eine längere Strecke auf einem Trottoir zurück. «Das Trottoir ist mir heilig, denn es stellt für mich einen Schutzraum vor der Strasse dar», sagt sie. Neben Baustellen und freilaufenden Hunden sind Acuna laufende Automotoren auf dem Trottoir ein Dorn im Auge. «Anhand von Geräuschen oder Düften finde ich mich zurecht oder weiche Gefahren aus», sagt sie. «Höre ich einen laufenden Motor, halte ich sofort Abstand.» Sie sehe ja nicht, was der Fahrzeuglenker wolle und ob er sie wahrnehme. Manche seien mit ihrem Handy beschäftigt, andere würden aus dem Nichts aufs Gas drücken. Wird das Trottoir zu einer Mischzone von Fahrzeugen und Fussgängern, sei es auch für Maverik schwieriger, sich zurechtzufinden. «Obwohl er sehr aufmerksam, anpassungsfähig und freundlich gegenüber Menschen und anderen Hunden ist, wünsche ich mir, dass Passanten und Fahrzeuglenker genug Abstand und damit mehr Rücksicht auf uns nehmen.»

Wieder bei Acunas Haus angekommen, nimmt unser Ausflug sein Ende. In der Wohnung zieht sie Maverik das Führgeschirr aus. Geduldig wartet er. Dann nimmt er Platz in seinem Korb. Acuna kommt auf mich zu. Ich greife ihre Hand und bedanke mich für den gemeinsamen Spaziergang. Dabei lächelt sie.