Herr Mooser, ist Ihre Musik zum Lachen?

Ueli Mooser: Ja, teilweise schon.

Das Video auf der Website von Momoll, einer der Bands, in denen Sie spielen, ist auf jeden Fall wahnsinnig witzig. Darin sieht man Leute, die wirken, als würden sie alle zu Momolls «Copycat Polka» tanzen – dabei tanzen sie tatsächlich wohl zu Techno, Rap oder Rock. Ist das ein Plädoyer dafür Musik nicht so tierisch ernst zu nehmen?

Das war vor allem eine Spielerei. Aber wenn man will, kann man auch einen Bezug zu unserer Musik herstellen: Der Inhalt ist ähnlich mosaikartig zusammengestellt wie unsere Musik. Wir sind nicht fixiert auf etwas Bestimmtes.

Gleichzeitig nehmen Sie gewisse Aspekte der Musik extrem ernst. So hört man, dass Sie bei CD-Aufnahmen keine schlecht vorbereiteten Musiker dulden und diese auch mal mit einem «Rasieren und üben bitte zu Hause» tadeln.

(lacht) Stimmt, das wurde fast zu einem geflügelten Wort.

Wann soll Musik ernst sein und wann zum Lachen?

Sie soll dann ernst sein, wenn es wirklich darauf ankommt. Bei einem Konzert oder einer Studioaufnahme will ich eine professionelle Leistung abliefern, und das geht nur mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Mir ist bewusst, dass man, gerade wenn man mit Laien spielt, auch einmal ein Auge zudrücken muss. Aber ich stelle hohe Ansprüche an mich selber und auch an andere. Wenn ich die Verantwortung für ein Projekt trage, dann reklamiere ich auch mal.

Das kann man sich fast nicht vorstellen – Sie wirken so gelassen. Gibt es auch den Ueli Mooser, der laut wird?

Laut oder wütend werde ich nicht, aber kritisch. Ich sage dann zum Beispiel: Jetzt haben wir dieses Stück schon zwei Mal gespielt und es klappt immer noch nicht, wieso übst du das nicht zu Hause?

Auf dem neuen Momoll-Album wird, wie Sie sagen, Wildes, Eigentümliches und Traditionelles gemischt. Ihre Musik soll nicht abgehoben sein, sondern frisch und gut tanzbar. Wie wichtig ist Ihnen das Volk in der Volksmusik?

Das ist uns bei dieser Musik sehr wichtig. Wir spielen zwar vorwiegend konzertant und keine Tanzmusik als solche. Aber man kann und soll auf jeden Fall tanzen können zu unserer Musik.

Sie wollen nicht, dass die Leute bloss andächtig dasitzen?

Das ist sowieso kaum möglich, denn unser Klarinettist Juan Armas Pizzani ist als Kubaner das Temperament in Person, was auch auf das Publikum ansteckend wirkt. Im Vergleich zu ihm wirken wir Schweizer wie Pflöcke.

Er soll ja der erste Kubaner sein, der Ländlermusik macht. Haben Sie abgeklärt, ob er wirklich der Einzige ist?

Wir hätten es auf jeden Fall herausgefunden, wenn es andere gäbe.

Ihre Musik ist aber nicht nur tanzbar, sondern auch intellektueller und anspruchsvoller als anderes im Volksmusikbereich. Sie passen in kein Schema.

Das ist wohl so, weil wir die Musik ausarrangieren. Viele Volksmusikformationen spielen aus dem Bauch, fast Stegreif. Bei uns hat jeder seinen festen Part und weiss, was er spielt.

Für wen machen Sie Musik?

Wir machen weitgehend das, was uns gefällt. Dazu haben wir einen kleinen Fankreis, der diese Vielseitigkeit schätzt. Ich wage aber zu behaupten, dass wir bei den Hardcore-Ländlerfans damit keinen Erfolg haben werden.

Weil Ihre Musik zu unkonventionell ist?

Ja. Wir spielen zwar auch normale Ländlerstücke. Aber das ist nur ein kleiner Teil vom ganzen Kuchen.

Für die klassischen Ländlerfans sind Sie wohl eher Freaks?

Zumindest etwas abseits vom geraden Weg.

Dieser gerade Weg interessiert Sie ja nicht speziell.

Früher hat er mich schon interessiert. Als ich mit Volksmusik begann, begab ich mich voll auf diesen geraden Weg, spielte Konventionelles. Ich wollte diese Art von Musik zuerst richtig kennen lernen. Erst später begann ich, auszuscheren und unter dem Zaun durchzufressen.

Wann kamen Sie an den Punkt, an dem Sie ausscheren wollten?

Vor etwa 30 Jahren hatte ich den Eindruck, der Raum, in dem ich mich bewege, sei ausgeleuchtet. Per Zufall stiess ich dann in der internationalen Folklore auf Musik, die ganz ähnlich klang wie unsere Schweizer Musik. Ich begann, Ideen zu sammeln, zu experimentieren und vorsichtig fremde Elemente in unsere Musik zu integrieren. Ich fand den Zugang zum Synthesizer, und dann sind immer mehr Impulse dazugekommen.

Haben Sie auch ganz bewusst nach diesen Inspirationen gesucht?

Ja, und das mache ich auch heute noch. Ich recherchiere viel im Internet in Universitätsbibliotheken, die digitalisierte Noten haben. Dazu gehe ich vermehrt in die Antiquariate und stöbere in den Notenabteilungen. Dort stosse ich zum Beispiel in der Musik aus dem 19. Jahrhundert auf Ländler, Polka und Walzer.

Mit einer Ihrer anderen Formationen, der Hanneli-Musik, haben Sie sogar volkstümliche Melodien in der Musik von Mozart, Beethoven oder Wagner aufgespürt und gespielt.

Genau. Nachdem ich realisiert habe, wie viel davon in alter Musik steckt, habe ich begonnen, mit der Hanneli-Musik nach volkstümlichen Elementen in der Klassik zu suchen. Daraus ist dann auch eine CD entstanden.

Ist diese Suche nach neuen Inspirationen fast wie eine Sucht?

Das könnte man schon sagen. Ich bin ein Jäger mit einem Jagdinstinkt (lacht). Jedes Mal, wenn ich etwas finde, habe ich eine wahnsinnige Freude.

Hat das Unbekannte einen besonderen Reiz für Sie?

Ja. Wir lassen besonders gerne alte Sachen aufleben von kaum bekannten Komponisten. Das darf aber durchaus eingängig sein. Ich habe einmal einem Verkäufer in einem Antiquariat gesagt, dass ich alte Tanzmusik aus dem 19. Jahrhundert suche. Daraufhin sagte er: Aha, Trivialliteratur.

Waren Sie beleidigt?

Nein, im Gegenteil: Das ist ein ausgezeichneter Begriff, um diese Stilrichtung abzugrenzen gegenüber den Kunstwerken. Diese Stücke sind zwar auch kleine Kunstwerke, aber halt keine gehobene Literatur. Trotzdem hat diese Musik ihren Reiz. Sie ist handwerklich gut gemacht, aber sozusagen Gebrauchsmusik.

Was ist Ihnen in der Musik wichtiger: Überraschungen oder dass man sich in einem Stück zu Hause fühlt?

Beides ist wichtig. Man muss versuchen, eine gewisse Spannung zu erzeugen. Gleichförmigkeit wirkt auf die Dauer ermüdend.

Vor vier Jahren haben Sie gesagt, Sie wüssten nicht mehr, welche neuen musikalischen Gegenden Sie noch erforschen könnten. Unterdessen haben Sie aber wieder viel Neues aufgespürt. Öffnen sich immer wieder neue Türen?

Offenbar. Gerade im Zusammenhang mit dem Internet haben sich so viele neue Möglichkeiten eröffnet.

Wie hat das Internet Ihre Arbeit mit Musik verändert?

Es hat meinen Horizont erweitert, ganz eindeutig. Zudem kann ich heute die Noten mit dem Notensatz auf dem Computer schreiben.

Wie viele Stunden pro Tag widmen Sie der Musik?

Ich stehe etwa um 8 Uhr auf und schreibe bis um 12 Uhr Noten oder übe und recherchiere. Über den Mittag gehe ich mit meiner Frau spazieren, danach gehe ich wieder üben und Noten schreiben bis etwa 16 Uhr. Dann nehme ich mit meiner Frau einen Aperitif oder sitze ein bisschen auf der Terrasse. Etwa sieben Stunden am Tag gehören der Musik.

Sie haben ein ganzes Arsenal von Instrumenten zu Hause, besitzen ein Archiv von etwa 30 000 Tonträgern, spielen in diversen Bands – wer wäre Ueli Mooser ohne die Musik?

Gute Frage. Solange ich mich erinnern kann, war Musik mein Leben: Ich habe lange unterrichtet, als Musikredaktor für das Radio gearbeitet, heute gehören Studioarbeit, üben, Workshops und Konzerte dazu. Ich habe mir nie etwas anderes vorstellen können als Musik.

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